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Risikobereitschaft


Wenn wir sicher zu Hause sitzen, wünschen wir uns, wir hätten ein Abenteuer zu bestehen.
Thornton Wilder

Risikobereitschaft ist in der Psychologie die Bereitschaft eines Menschen, bei einer Entscheidung ein Risiko in Kauf zu nehmen bzw. einzugehen, wobei Risikobereitschaft aber von der subjektiven Einschätzung und Bewertung des Risikos in einer Situation abhängig ist. Generell gilt etwa, dass im Durchschnitt Männer mehr Risiken als Frauen eingehen, oder dass bei Menschen mit zunehmendem Alter die Risikobereitschaft eher  abnimmt.

Die individuelle Risikoneigung ist daher nicht, wie etwa in der Ökonomie manchmal unterstellt wird, ein über die Lebensspanne hin konstantes Merkmal, sondern Menschen neigen in den meisten Kulturen mit zunehmenden Alter dazu, weniger Risiken einzugehen. Allerdings hängt diese Anpassungsleistung auch von den spezifischen Lebensbedingungen und existentiellen Erfordernissen ab.

Esteky, Wineman & Wooten (2018) haben in einem Experiment nachgewiesen, dass Hedgefondsmanager, die in höheren Stockwerken arbeiten, bei ihren  Entscheidungen risikobereiter sind als solche, die in unteren Stockwerken arbeiten. Das trifft auch auf Menschen ganz allgemein zu, denn Probanden in einem Glasaufzug eines 72-stöckigen Gebäudes sollten Wetten abschließen, wobei jene, die mit dem Aufzug auf dem Weg in den 72. Stock waren, risikobereiter waren als jene Studienteilnehmer, die sich mit dem Fahrstuhl in Richtung des Erdgeschoßes bewegten. Offenbar verleiht das höhere Stockwerk ein Gefühl der Macht, das risikoreichere Entscheidungen begünstigt.

2019 haben Lejarraga et al. in einer Untersuchung festgestellt, dass die Geburtsreihenfolge keinen Einfluss auf die Risikobereitschaft im Erwachsenenalter hat. Das widerlegt das familiendynamische Modell des US-Psychologen Frank Sulloway, der davon ausging, dass Erstgeborene von Natur aus stärker und intellektuell besser entwickelt sind, auch da sie die volle Aufmerksamkeit der Eltern erfahren haben. Sie entwickeln seiner Theorie nach eher ein Verhalten, das darauf ausgelegt ist, diesen Status zu erhalten, und müssten alles dafür tun, um die Aufmerksamkeit der Eltern zu erhaschen, wodurch sie eine größere Neigung zum Risiko entwickeln. In einer umfangreiche Untersuchung wurden Daten aus drei verschiedenen Ansätzen kombiniert: Selbsteinschätzungen, Verhaltensmesswerte sowie riskante Lebensentscheidungen. Weder in den Selbsteinschätzungen noch in den Messungen zur Risikobereitschaft fanden die Forscher einen Effekt der Geburtsreihenfolge darauf, wie risikofreudig die Teilnehmer als Erwachsene sind. Auch bei den Entdeckern und Revolutionären fand sich kein Einfluss des Geburtsranges. Kleine Unterschiede gibt es hingegen bei der Intelligenz, denn Erstgeborene schneiden sowohl in IQ-Tests als auch bei der Selbsteinschätzung etwas besser ab als die jüngeren Geschwister, wobei sich dieser Effekt nur in sehr großen Stichproben finden lässt, wobei die Effekte meist so klein sind, dass es zweifelhaft sei, ob sie für den Lebensweg überhaupt bedeutsam sind.

Siehe dazu auch Risikoforschung und Risikoverhalten.

risiko

Laube et al. (2017) haben sich mit impulsivem und risikoreichem Entscheidungsverhalten bei Jugendlichen beschäftigt und untersucht, welchen Einfluss Testosteron auf jugendliche Entscheidungen hat. Dabei wurde die Rolle von Hormonen bei impulsiven Entscheidungen untersucht, wobei männliche Jugendliche impulsiver sind als Mädchen, sodass man sich in der Studie auf die Untersuchung von männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 11 und 14 Jahren konzentrierte. Zur Feststellung ihres Pubertätsstatus gaben die Probanden zwei morgendliche Speichelproben zur Bestimmung ihres Testosteronspiegels ab, und um etwas über ihr impulsives Verhalten zu erfahren, absolvierten sie einen Entscheidungstest über einen hypothetischen Geldbetrag treffen, der unterschiedlich zeitnah angeboten wurde, wobei sie zwischen einem zeitnahen, kleineren Geldbetrag oder einem höheren Geldbetrag in der Zukunft wählen konnten. Dabei war die Mehrheit der Heranwachsenden für unmittelbare Belohnungen empfänglicher, denn etwa zwei Drittel entschieden sich für den zeitnahen geringeren Geldbetrag. Erst mit zunehmendem Alter fällt der Zeitpunkt der Belohnung weniger ins Gewicht. Erhöhte Impulsivität von Jugendlichen kann daher auf ein Ungleichgewicht in der Reifung des subcortikalen affektiven Netzwerkes und des cortikalen kognitiven Kontrollnetzwerks im Gehirn sowie ihrer Verbindungen zurückzuführt werden, wobei das affektive Netzwerk, das an der Wahrnehmung und Bewertung von Belohnungen beteiligt ist, schneller als das Kontrollnetzwerk und seine Verbindungen reift. Erst mit zunehmendem Alter wird die Verbindung zum Kontrollnetzwerk stärker und Jugendliche lernen, sich zu gedulden und zukünftige Belohnungen wertzuschätzen. Als praktische Konsequenz aus erzieherischer Perspektive ist es vor dem Hintergrund dieser Studienergebnisse ratsam, positives Verhalten von Jugendlichen kurzfristiger zu belohnen, statt auf Belohnungen in der Zukunft zu verweisen.

Literatur

Esteky, S., Wineman, J. D. & Wooten, D. B. (2018). The Influence of Physical Elevation in Buildings on Risk Preferences: Evidence from a Pilot and Four Field Studies. Journal of Consumer Psychology, doi:10.1002/jcpy.1024.
Laube, C., Suleiman, A., Johnson, M., Dahl, R. E., & van den Bos, W. (2017). Dissociable effects of age and testosterone on adolescent impatience. Psychoneuroendocrinology, 80, 162-169. doi:10.1016/j.psyneuen.2017.03.012.
Lejarraga, T., Frey, R., Schnitzlein, D. D. & Hertwig, R. (2019). No Effect of Birth Order on Adult Risk Taking.In: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.


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