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Verlustaversion


Als Verlustaversion – loss aversion – bezeichnet man in der Psychologie die Tendenz von Menschen, Verluste höher zu gewichten als Gewinne. Die Verlustaversion ist ein Bestandteil der Prospect Theory von Kahneman und Tversky, die behauptet, dass sich Individuen in Entscheidungssituationen irrational verhalten, wenn Unsicherheiten eine Rolle spielen. Diese Annahme widerspricht der neoklassischen ökonomischen Entscheidungstheorie, wonach der Homo oeconomicus nutzenmaximierend und rational handelt. Menschen bewerten eine Investition nämlich häufig nicht nach ihrem Endergebnis, sondern in Bezug auf einen Referenzpunkt, meist dem Preis zum Zeitpunkt des Kaufs eines Objekts wie Aktien. Verlustaversion bezeichnet somit die relative Gewichtung dieser Gewinne und Verluste, wobei Verluste im Urteil von Entscheidungsträgern etwa doppelt so schwer wiegen als gleich große Gewinne.

Die Verlustaversion ist eine der wichtigsten psychologischen Einsichten der Verhaltensökonomie und hat Auswirkungen in vielen Bereichen des Lebens, wobei nicht nur Entscheidungen beeinflusst werden, bei denen das Ergebnis zufallsbestimmt ist, sondern auch solche, die sichere Verluste mit sich bringen. Hat etwa jemand die Wahl, sicher fünfhundert Euro zu gewinnen oder mit einer Wahrscheinlichkeit von fünfzig Prozent tausend Euro zu gewinnen, wird er sich meist für den sicheren Weg entscheiden. Beim Verlust ist es umgekehrt, denn bei der Wahl zwischen einem sicheren Verlust von fünfhundert Euro oder einer fünfzigprozentigen Chance tausend Euro zu verlieren, setzen die meisten Menschen auf die Fifty/Fifty-Chance. Menschen unterscheiden sich aber darin, wie verlustavers sie handeln, denn Studien zeigen, dass etwa neunzig Prozent der Probanden eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Verlustaversion bei sicheren Verlusten aufweist, bei unsicheren Verlusten waren es jedoch etwas weniger. Außerdem ist Verlustaversion bei Menschen mit höherer Bildung seltener, nimmt aber mit dem Alter zu. Bei der Verlustaversion zeigen sich auch keine bedeutenden Unterschiede zwischen Frauen und Männern.

Es gibt zahlreiche Forschungen dazu, wie Präferenzen der Menschen durch ihre Entscheidungen geprägt werden, denn so haben Studien über kognitive Dissonanz gezeigt, dass Beobachter, die zwischen zwei gleich attraktiven Optionen wählen müssen, die nicht gewählte Option anschließend meiden, was darauf hindeutet, dass eine Nichtwahl einer Option dazu geführt hat, dass diese abgelehnte Option danach auch weniger gefällt. Silver et al. (2020) haben versucht, mögliche entwicklungsgeschichtlichen Wurzeln dieses Phänomens bei präverbalen Säuglingen zu finden. In einer Serie von sieben Experimenten mit einem Free-Choice-Paradigma fand man heraus, dass Säuglinge im Alter zwischen 10 und 20 Monaten eine wahlbedingte Präferenzveränderung ähnlich wie Erwachsene erleben. So boten man den Kindern etwa zwei Objekte zum Spielen an, wobei es sich um gleich helle und farbenfrohe Stoffklötze handelte, die beide gleich weit von einem Baby entfernt lagen, das entweder zu dem einen oder aber zu dem anderen krabbeln konnte. Danach gab man zwingend vor, mit welchem der Objekte die Babys spielen sollten, wobei sich dann keine Vorliebe mehr zeigte. Entfällt also die eigene Entscheidung, verschwindet das Phänomen, d. h., die Kleinkinder wählen tatsächlich nicht aufgrund von Neuheit oder tatsächlicher Vorliebe. Die Wahlmuster der Kleinkinder spiegelten demnach eine echte Präferenzveränderung wider. Offenbar prägt eine Auswahl die Präferenzen auch ohne umfangreiche Erfahrung in der Entscheidungsfindung und ohne ein gut entwickeltes Selbstkonzept. Dieses Verhalten gleicht demnach dem Verhalten Erwachsener, die ihre Wahlen in der Regel im Nachhinein rechtfertigen. Offenbar ist die Entwicklung einer Vorliebe aufgrund einer zuvor getroffenen Auswahl intuitiv und fundamental für menschliches Verhalten.

Man vermutet den Ursprung dieser Präferenz in der Evolution, denn da ging es für die Jäger in erster Linie darum, jeden Tag genügend Nahrung zum Überleben zu fangen. Es war in diesem Fall nicht wichtig, im langfristigen Durchschnitt höhere Gewinne zu erzielen, da Jagderfolge schlecht mit ergebnislosen Jagden verrechnet werden konnten, denn wenn man an einem Tag fünf Tiere statt nur einem erlegte, konnte die Gruppe doch nur eines verzehren und die überschüssigen Tiere verdarben.

Beispiel: Gewinnen jemand mit Aktie A 1000 Euro an der Börse und verliert anschließend 1000 Euro mit Aktie B, dann ist der Ärger über den Verlust größer als die Freude über den Gewinn. Es ist im Durchschnitt ein Plus von 2000 Euro nötig, um ein Minus von 1000 Euro gefühlsmäßig aufzuwiegen.

Siehe dazu Spekulation als Glücksspiel.

Ein bekanntes Alltagsphänomen ist die Glückssträhne, nach der viele Spieler in Casinos glauben, dass diese wohl noch eine Weile anhält, wobei sich jedoch meist zeigt, dass die real betrachteten Gewinne schnell wieder verloren sind und Verluste die Oberhand gewinnen.

Die Verlustaversion ist möglicherweise auch eine Ursache dafür, dass ein Großteil der Menschen nichts gegen den Klimawandel tut, obwohl er in der Theorie dazu bereit wäre. Offenbar fällt es Menschen schwer, sich von ihren klimaschädlichen Annehmlichkeiten wie einem eigenen Auto, zu trennen, auch wenn sie sich dadurch die Aussicht auf einen nicht klimageschädigten Planeten verbauen. Hinzu kommt, dass Menschen den Klimawandel eher als ein Problem der Zukunft betrachten, was die Bereitschaft des Einzelnen ebenfalls sinken lässt.

Literatur

Silver, Alex M., Stahl, Aimee E., Loiotile, Rita, Smith-Flores, Alexis S. & Feigenson, Lisa (2020). When Not Choosing Leads to Not Liking: Choice-Induced Preference in Infancy. Psychological Science, doi:10.1177/0956797620954491.


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