Sprache ist nicht das,
womit man etwas beschreibt,
sondern womit man denkt.
Peter Bichsel
Es gibt keine größere Illusion als die Meinung,
Sprache sei ein Mittel der Kommunikation zwischen Menschen.
Elias Canetti
Die Sprache ist die Quelle der Missverständnisse.
Antoine de Saint-Exupéry (Der kleine Prinz)
Die Sprache ist eine Waffe, haltet sie scharf!
Kurt Tucholsky
Man braucht zwei Jahre, um sprechen zu lernen, fünfzig, um schweigen zu lernen.
Ernest Hemingway
Die Sprache ist die Mutter, nicht die Magd des Gedankens.
Karl Kraus

Sprache ist im Allgemeinen ein bedeutender Teil dessen, was Menschen zu Menschen macht, wobei die Forschung zeigt, dass sich die Kognition von Menschen und Tieren in vielen Aspekten gleicht. Auch Tiere haben Emotionen, Überzeugungen, Pläne und Erinnerungen, haben aber nur eine sehr eingeschränkte Art, diese mit anderen zu teilen. Sprache gibt Menschen hingegen die Möglichkeit, Gedanken auszudrücken, denn ohne Sprache wäre die menschliche Kultur und Technologie nicht dort, wo sie heute ist. Im speziellen Sinn bezeichnet das Wort Sprache ein mehr oder minder komplexes Element der Kommunikation vor allem in Form bestimmter Einzelsprachen wie Deutsch oder Englisch, wobei die gesprochenen oder geschriebenen Sprachen gemäß ihrer genetischen Verwandtschaft in Sprachfamilien gegliedert werden. Nach einer Erhebung der National Geographic Society werden weltweit an die 7000 Sprachen aktiv verwendet, von denen mehr als die Hälfte vom Aussterben bedroht sind, da sie kaum gesprochen und auch nicht mehr an Kinder weitergegeben werden. Sprache ist dabei Träger von Sinn und Überlieferung, Schlüssel zum Welt- und Selbstverständnis sowie zentrales Mittel zwischenmenschlicher Verständigung.

Sprache ist für die Psychologie deshalb so besonders wichtig, da neben dem Handeln das Sprechen und das damit eng verbundene Schreiben die wohl wichtigsten Repräsentanten geistiger und emotionaler Prozesse darstellen, denn durch sie versuchen Menschen, die notwendige Einstellung und Orientierung für zweckmäßige und zielführende Handlungen herzustellen. Während Beobachten, Wahrnehmen, Denken, Erkennen, Verstehen und Entscheiden innere Vorgänge sind, die man nicht beobachten kann, gehören das Sprechen und Schreiben neben dem Handeln zu den wenigen Vorgängen, die vom Innenleben nach außen dringen. Nichts macht die Besonderheit eines Menschen deutlicher als seine Sprache, denn sie ist gewissermaßen die Visitenkarte seines Denkens, auch wenn Worte, Sätze und Texte im Grunde gar keinen Inhalt besitzen, sondern nur Platzhalter für etwas Gemeintes sind.

Sprechen und Handeln sind im menschlichen Gehirn eng miteinander verbunden, denn das Sprachareal ist beim Menschen in jene Netzwerke eingebettet, in denen auch Handlungen geplant werden. Das bedeutet auch, dass das, was jemand zu oder über jemanden sagt, dessen Gehirn beeinflusst. Sprache wirkt sich also tagtäglich darauf aus, wie gedacht und gehandelt wird, wie wahrgenommen und an woran erinnert wird, wobei bekanntlich sprachliche Kommunikation nicht nur dazu genutzt wird, um seine Meinung präzise und differenziert mitzuteilen, sondern sie kann auch dazu dienen, andere Menschen subtil zu manipulieren, sie zu attackieren oder sie zu verletzen. Die Art und Weise, wie Menschen bestimmte Ereignisse benennen, bestimmt letztlich auch, wie Menschen diese wahrnehmen und bewerten.

Die Theorie des kommunikativen Handelns, das Hauptwerk von Jürgen Habermas, thematisiert die praktische und theoriekritische Bedeutung des kommunikativen Handelns für das soziale Leben der modernen Gesellschaft. Nach Habermas liegen die normativen Grundlagen der Gesellschaft in der Sprache, die als zwischenmenschliches Verständigungsmittel soziale Interaktion erst ermöglicht. Durch diese Teilmenge der Kommunikation versuchen Handelnde sich verständigungsorientiert aufeinander zu beziehen, wobei diese in der Sprache angenommene kommunikative Rationalität die Grundlage sozialen Handelns bildet und dem Begriff zweckrationalen Handelns vorangeht, der von einem teleologischen Handlungsmodell ausgeht und nicht die rationalisierungsfähigen Aspekte sprachlicher Verständigung innerhalb interpersonaler Beziehungen anerkennt. Kommunikation im Sinne von Habermas impliziert dabei Verständigung als Aufgabe und Bestreben dersMenschen, wobei insbesondere Weltbilder und Werte in einem Konsensprozess zur Übereinstimmung gebracht werden müssen, um ein friedliches Zusammenleben zu erreichen.


Wie entsteht Sprache?

Das soziale und kulturelle Leben des Menschen beruht auf einer einzigartigen Reihe von kommunikativen Fähigkeiten, wobei neu entstehende Kommunikationssysteme einen Einblick in die kognitiven und interaktionellen Grundlagen dieser Fähigkeiten bieten. Zwar ist weitgehend unbekannt, wie die mehr als 6000 natürlichen Sprachen der Welt entstanden sind, doch in jüngster Zeit sind neue Gebärdensprachen unter Gehörlosen entstanden, die sich in einer Gemeinschaft zusammengeschlossen haben, was Einblicke in die Dynamik der Sprachevolution bietet. Bei der Dokumentation der Entstehung dieser Sprachen wurde jedoch meist nur das Endprodukt untersucht, d. h., der Prozess, durch den Ad-hoc-Zeichen in ein strukturiertes Kommunikationssystem umgewandelt werden, wurde nicht direkt beobachtet. In einem Versuch von Bohn et al. (2019) mussten Kinder in einem stummen Videogespräch einem Partner eine Bedeutung vermitteln, obwohl sie nicht in der Lage waren, gesprochene Sprache zu verwenden. Die gestischen Codesysteme, die die Kinder innerhalb einer 30-minütigen Testsitzung ad hoc erzeugten, wiesen zentrale Merkmale einer natürlichen Sprache bzw. einer entstehenden Gebärdensprachen auf: Referenzsignale für Objekte, Handlungen und abstrakte Konzepte, konventionelle Verwendung dieser Signale und eine grammatikalische Struktur. Um neuartige Botschaften, einschließlich abstrakter Konzepte, zu kommunizieren, schufen Kinder in Zweiergruppen spontan neuartige gestische Zeichen, wobei diese mit der Zeit diese Zeichen zunehmend willkürlich und konventionalisiert wurden. Als die Kinder mit der Notwendigkeit konfrontiert wurden, komplexere Bedeutungen zu kommunizieren, begannen sie, ihre Gesten grammatikalisch zu strukturieren.

Offenbar verfügen Kinder über die grundlegenden Fähigkeiten, die nicht nur für den Erwerb einer natürlichen Sprache, sondern auch für die spontane Schaffung einer neuen Sprache erforderlich sind. Auf Basis der vorliegenden Studie erscheinen daher folgende Schritte für die Entwicklung von Sprache plausibel: Zunächst werden Personen, Handlungen oder Gegenstände durch Zeichen dargestellt, die den Dingen ähneln. Voraussetzung hierfür ist ein gemeinsamer Erfahrungsschatz der Interaktionspartner, wobei die Gesprächspartner auch einander nachahmen, sodass sie die gleichen Zeichen für die gleichen Dinge verwenden, d. h., die Zeichen gewinnen eine Bedeutung. Im Laufe der Zeit werden die Beziehungen zwischen den Zeichen und den Dingen immer abstrakter und die Bedeutung der einzelnen Zeichen spezieller, wobei nach und nach auch grammatikalische Strukturen eingeführt werden, wenn das Bedürfnis besteht komplexere Sachverhalte zwischen Dingen zu kommunizieren. Bemerkenswert ist, dass man diese Prozesse schon innerhalb einer halben Stunde beobachten kann, d. h., die Geschwindigkeit, mit der Kinder diese strukturierten Systeme schafften, könnte tiefgreifende Auswirkungen auf die Theorien über die Evolution der Sprache, einen Prozess, von dem man im Allgemeinen annimmt, dass er sich über viele Generationen, wenn nicht gar Jahrtausende erstreckt. Die Ergebnisse dieser Untersuchung zeigen aber, dass sprachähnliche Kommunikationssysteme schnell aus sozialer Interaktion entstehen können.


Einfache Sprache ist nicht unbedingt leichter

Sauppe et al. (2021) haben gezeigt, dass die Bildung einfacher Sätze nicht unbedingt zum besseren Verständnis beiträgt, was daran liegen könnte, dass die Gehirnaktivität beim Sprechen von schwierigen grammatikalischen Strukturen stärker ist als bei einfachen. Untersucht wurde das an fünfzig Hindi-Muttersprachlern, die man in zwei Gruppen einteilte: eine Gruppe beschrieb eine Szene auf einem Bild in der Vergangenheit, die andere in der Gegenwartsform. Hindi kennen oftmals keine Artikel und setzen den Fall in Form einer Endung, eines Markers hinter das Nomen, denn sprechen Hindi-Sprecher über die Gegenwart, fällt dieser Marker weg und nur in der Vergangenheit nutzen sie diese Marker. Die Sprecher benötigten zwar unabhängig von der gewählten Zeitform gleich lange, bis sie zu sprechen begannen, doch die Neuronen im Gehirn der Probanden feuerten stärker, wenn sie sich der vermeintlich einfachen Grammatik der Gegenwartsform bedienten. Offenbar bedeuten weniger grammatikalische Unterscheidungen, also einen Satz in verschiedensten Formen zu Ende zu führen, mehr energetischen Aufwand für das Gehirn, und bedeutet auch, dass sie länger flexibel bleiben und sich erst spät auf die ganze Aussage festlegen müssen.


Programmiersprachen

Bisher nahmen manche an, dass das Programmieren dem Lösen einer Mathematikaufgabe oder der Bearbeitung eines Logik-Rätsels sehr nahe kommt, während andere Forscher das Programmieren eher mit dem Lernen einer Sprache verglichen. Um diese Annahmen zu überprüfen, haben Ivanova et al. (2020) untersucht, welche kognitiven Fähigkeiten notwendig sind, um eine Programmiersprache zu lesen und zu erlernen. Dafür haben sie die funktionelle Magnetresonanztomographie eingesetzt, um zwei mögliche Gehirnsysteme zu untersuchen: das Multiple-Demand-System, jener frontale Gehirnbereich, der bei besonders komplexen Aufgaben und typischerweise bei mathematischen, logischen, problemlösenden und exekutiven Aufgaben genutzt wird, und das Sprachsystem, das typischerweise bei der Sprachverarbeitung aktiv ist. Die Reaktionen dieser beiden Systeme auf einen Code, der in Python, einer textbasierten Programmiersprache, und in ScratchJr, einer grafischen Programmiersprache, wurden dabei gemessen. Dabei entdeckte man, dass das Multiple-Demand-System bei beiden Sprachen starke zweiseitige Reaktionen auf Code zeigte, während das Sprachsystem stark auf Satzprobleme reagierte, aber nur schwach oder gar nicht auf Codeprobleme. Offenbar hat das Lesen von Code für das menschliche Gehirn nichts mit Sprachenlernen zu tun aber auch nichts mit Mathematik.


Literatur

Bohn, Manuel, Kachel, Gregor & Tomasello, Michael (2019). Young children spontaneously recreate core properties of language in a new modality. Proceedings of the National Academy of Sciences, 116, 26072-26077.
Ivanova, A. A., Srikant, S., SueokaY., Kean, H. H., Dhamala, R., O’Reilly, U.-M., Bers, M. U. & Fedorenko, E. (2020). Comprehension of computer code relies primarily on domain-general executive brain regions. eLife, doi:10.7554/eLife.58906.
Sauppe, Sebastian, Choudhary, Kamal K., Giroud, Nathalie, Blasi, Damián E., Norcliffe, Elisabeth, Bhattamishra, Shikha, Gulati, Mahima, Egurtzegi, Aitor, Bornkessel-Schlesewsky, Ina, Meyer, Martin & Bickel, Balthasar (2021). Neural signatures of syntactic variation in speech planning. Public Library of Science, doi:10.1371/journal.pbio.3001038.
https://de.wikipedia.org/wiki/Sprache (15-11-21)
https://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/buehlermodell.shtml (15-11-21)
https://de.wikipedia.org/wiki/Theorie_des_kommunikativen_Handelns (17-12-14)

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