Fear Of Missing Out – FOMO

Fear Of Missing Out oder kurz FOMO, also die Angst etwas zu verpassen, ist ein noch wenig erforschtes Symptom Technologie-induzierten Weltschmerzes, wobei es zahlreiche Überscheidungen mit existierenden Theorien der Sozialpsychologie gibt, etwa dem Affiliationsbedürfnis. Bekanntlich sind soziale Interaktionen für Menschen unerlässlich, etwa vergleichbar mit dem Bedürfnis nach Nahrung und einem Zufluchtsort. Diese gesellschaftlichen Beklemmung, Angst oder Besorgnis beschreibt das zwanghafte Verlangen nach einer sozialen Interaktion, um eine ungewöhnliche Erfahrung, ein befriedigendes Ereignis nicht zu verpassen oder in Bezug auf ein aktuelles Phänomen nicht mehr auf dem Laufenden zu sein.

Dabei hat die Fear Of Missing Out vor allem mit dem Verlangen nach zwischenmenschlicher Interaktion zu tun, denn es ist für das Selbstwertgefühl wichtig, Zeit mit Freunden zu verbringen. Diese Angst, etwas zu verpassen, hat neuerdings vor allem mit moderner Technologie und vor allem den Social Media (Facebook, Twitter, WhatsApp und Liveblogs), denn durch Status-Updates und ein Kaleidoskop aus Videos und Fotos wird ein vermeintlich unbegrenzter, oft voyeuristischen Zugang zum Leben von anderen Menschen ermöglicht. Dieses Gefühl wird daher besonders von den neuen Technologien wie Mobiltelefonen oder sozialen Netzwerken ermöglicht bzw. verstärkt. Besonders verbreitet ist dieser Zustand bei jenen Menschen, die unbefriedigte psychologische Bedürfnisse haben, wie geliebt und respektiert zu werden. Die Online-Plattform MyLife.com veröffentlichte eine Studie, nach der 56 % der teilnehmenden Amerikaner denken, dass sie Events, News oder wichtige Status-Updates verpassen, wenn sie nicht ständig das Social Web checken.

Als FOMO – Abkürzung für Fear of Missing Out – wird daher die gesellschaftliche Angst von Menschen bezeichnet, etwas zu verpassen, wobei dieses Gefühl im digitalen Zeitalter durch Internet, Smartphone und soziale Netzwerke vor allem bei Kindern und Jugendlichen eskaliert. Hinter der Furcht steckt die Sorge, alle anderen könnten mehr Spass haben, Interessanteres erleben und Neueres erfahren als man selbst, sowie auch die Befürchtung, ausgegrenzt zu werden. Das führt letztlich dazu, ständig die sozialen Netzwerke zu überprüfen, damit nichts Wichtiges verpasst verpasst wird.

Parallel zur wachsenden Informationsflut in den sozialen Netzwerken wächst sich diese Sorge zur Verunsicherung aus, denn wer unter FOMO leidet, hinterfragt übermäßig häufig die eigenen Entscheidungen und fühlt sich gezwungen, stets auf dem neuesten Informationsstand, also online und aufnahmebereit zu sein. Besonders häufig von FOMO betroffen sind die Digital Natives, also junge Erwachsene, die mit dem Internet aufgewachsen sind und die Nutzung sozialer Netzwerke selbstverständlich in ihren Tagesablauf integriert haben.

Bei einer Befragung amerikanischer und britischer Teenager im Alter von 13 bis 17 Jahren wurde ermittelt, dass 64 Prozent von ihnen das Gefühl kennen, auf Seiten wie Facebook ausgegrenzt zu werden. 75 Prozent dieser Jugendlichen ist es deshalb wichtig, dass ihr Profil auf Facebook, Twitter und anderen sozialen Netzwerken richtig dargestellt wird. Fomo kann sich vor allem bei jungen Menschen zu einer psychischen Belastung auswachsen, Stress erzeugen, zu Nervo­sität führen, die Aufmerksamkeits-, Konzentrations- sowie Leistungsfähigkeit reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich einschränken. Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, auszuwählen und zu differenzieren, zu hinterfragen, zu kritisieren, auch bewusst etwas wegzulassen oder die eigene Meinung entschlossen zu vertreten, fällt besondern jüngeren Menschen schwer.

FOMO ist einer der zentralen Gründe, warum Menschen Social Media übermäßig nutzen, denn dieses Gefühl wird durch grundlegende psychologische Bedürfnisse ausgelöst. Ein Mensch, der unter schlechter Stimmung leidet, mit seiner Lebenssituation unzufrieden ist und sich in seinen Handlungen nicht kompetent, eigenständig oder eingebunden fühlt, empfindet diese Angst vor dem Ausgegrenztwerden noch verstärkt. Letzlich reduziert die Mediennutzung FOMO nicht, sondern verstärkt dieses Gefühl nur und führt zu weiterem Engagement in sozialen Netzwerken, was in einer eskalierenden Spirale endet. Viele Informationen haben heute nicht mehr Push-, sondern Pull-Status, denn wer wissen will, was seine Freunde erleben, muss sich bei Facebook, Twitter oder Instagram informieren und kann nicht mehr erwarten, bei Zusammenkünften ein Update zu erhalten.

Vor allem die sozialen Medien spielen hier eine Schlüsselrolle, denn wer einen hohes Ausmaß an Furch vor dem Ausgegrenztwerden hat, nutzt etwa Facebook schon direkt nach dem Aufwachen und auch noch vor dem Einschlafen und sogar während der Mahlzeiten. Dabei existiert dieses Leben, das andere Menschen angeblich führen und das man selber gerade verpasst, in Wahrheit gar nicht, sondern ist ein Trugbild, denn die meisten berichten in den sozialen Medien schließlich nur von den Höhepunkten, und selbst diese sind meist aufgebauscht bzw. Entsprechen nicht der Wahrheit.

Auf der Webseite von PsychCentral gibt es einen kleinen Test, wie belastet man durch FOMO ist.

Allerdings ist die Angst, etwas zu verpassen, vermutlich so alt wie die Gesellschaft, denn auch vor der Erfindung des Smartphones blieben Menschen bis zum Schluss auf einer nicht so spannenden Party oder lasen ein Buch eigentlich nur, um mitreden zu können. Früher gaben Postkarten aus dem Urlaub und montägliche Erzählungen vom Wochenende in Büros Einblicke in das Leben.

Ozimek et al. (2017) haben übrigens untersucht, warum Menschen soziale Medien nutzen, wobei sie über 500 Facebooknutzer online nach ihrer Persönlichkeitsstruktur und ihrer Nutzung der Plattform befragt haben. So wurde etwa gefragt, wie oft und auf welche Weise die Befragten Facebook nutzen, ob sie Fotos posten, kommentieren, wie viele Freunde sie haben und wie sie diese Freunde betrachten. Außerdem ermittelten man Werte und Lebensziele der TeilnehmerInnen. Es zeigte sich, dass Menschen, die ausgeprägte materialistische Züge haben, deren Lebensziel es also ist, Besitz anzuhäufen und zu mehren, Facebook häufiger und intensiver nutzen als andere. Sie objektivieren ihre Facebook-Freunde und haben wesentlich mehr von ihnen als Nutzer, deren Lebensziel weniger von Materialismus geprägt ist. Diese Plattform macht den Vergleich mit anderen sehr einfach und zieht daher materialistische Menschen besonders an, denen solche Vergleiche wichtig sind. Ozimek et al. (2017) nehmen an, dass offenbar die Selbstregulation Menschen dazu bringt, soziale Medien zu nutzen oder auch nicht, und auch die Art der Nutzung beeinflusst, denn Menschen nutzen soziale Medien als Werkzeug, um ihre Ziele zu erreichen und sich gut zu fühlen.

Ozimek & Bierhoff (2019) haben eine experimentelle und zwei Fragebogenstudien durchgeführt, um zu untersuchen, ob die Nutzung sozialer Netzwerke depressive Tendenzen hervorrufen kann. In der ersten Studie ließen sie zwei Gruppen von Versuchspersonen fünf Minuten lang entweder auf ihrer Facebook-Pinnwand oder auf der Mitarbeiterwebseite der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum Informationen über die ersten fünf Personen herausschreiben, die sie sahen, die dritte Gruppe übersprang diese Aufgabe. Alle drei Gruppen füllten danach einen Fragebogen aus, der über ihr Selbstwertgefühl Auskunft gab. Es hat sich dabei gezeigt, dass die Konfrontation mit sozialen Informationen im Internet, die sowohl auf Facebook als auch auf Mitarbeiterseiten selektiv und nur positiv und vorteilhaft sind, zu einem geringeren Selbstwertgefühl führen. Da ein niedriges Selbstwertgefühl eng mit depressiven Symptomen zusammenhängt, kann man schon in dieser kurzfristigen Auswirkung eine mögliche Gefahrenquelle sehen. Die langfristige Perspektive untersuchten man in einer Befragung von achthundert Probanden zu ihrer Facebook-Nutzung, zu ihrer Tendenz, sich mit anderen vergleichen zu wollen, zu ihrem Selbstwertgefühl und zum Auftreten depressiver Symptome. Dabei zeigte sich, dass es dann einen positiven Zusammenhang zwischen vor allem passiver Facebook-Nutzung und depressiven Symptomen gibt, wenn Probanden ein verstärktes Bedürfnis nach sozialen Vergleichen ihrer Fähigkeiten haben. Wenn man also ein starkes Bedürfnis nach Vergleichen hat und im Internet immer wieder auf der Startseite sieht, dass andere tolle Urlaube haben, tolle Abschlüsse machen, sich teure und tolle Dinge kaufen, während man selber aus seinem Büro das trübe Wetter draußen sieht, senkt das den Selbstwert. Hinzu kommt, dass wenn man dies Tag für Tag und immer wieder erlebt, kann das langfristig höhere depressive Tendenzen begünstigen. Ein Überprüfung dieser Effekte auf Xing, einem professionellen Netzwerk ergab ein sehr ähnliches Ergebnis wie die Facebookstudie. Insgesamt konnte gezeigt werden, dass nicht die Nutzung sozialer Netzwerke generell und unmittelbar zu Depressionen führt oder mit ihnen im Zusammenhang steht, sondern dass gewisse Voraussetzungen und eine bestimmte Art der Nutzung das Risiko für depressive Tendenzen erhöhen. Private wie professionelle soziale Netze können höhere Depressionswerte begünstigen, wenn Nutzer hauptsächlich passiv unterwegs sind, sich mit anderen sozial vergleichen und diese Vergleiche den Selbstwert negativ beeinflussen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass nur die wenigsten Menschen auch negative Erlebnisse und Erfahrungen in sozialen Medien posten, wodurch der Eindruck entsteht, dass man mit diesen positiven Erlebnissen im Netz überflutet wird.

Selbstüberschätzung des eigenen Wissens durch soziale Medien

Da etwa die Hälfte der Internetnutzer Facebook nutzt, um auf Nachrichten zuzugreifen, ist es nicht verwunderlich, dass Social Media zunehmend als eine wesentliche Quelle für politische Informationen angesehen werden. Obwohl der durchschnittliche Social Media-Nutzer nur auf einen kleinen Teil der politischen Inhalte klickt, die in seinem News Feed verfügbar sind, korreliert die Nutzung von Social Media mit seinem politischem Wissen. Da der News-Feed von Facebook aber nur Artikelvorschauen liefert, denken die LeserInnen, dass sie mehr wissen, als sie es tatsächlich tun, insbesondere Menschen, die motiviert sind, Emotionen zu suchen. Menschen neigen daher zu übersteigertem Selbstvertrauen in ihr eigenes Wissen, nachdem sie nur die Vorschau eines Facebook-Artikels gelesen haben. Es findet offenbar eine Verschlagwortung in der Kommunikation im Internet statt, denn man sieht reißerische Überschriften, einen kurzen Teaser und ein aufregendes Bild. Solche Nachrichten werden dann tausendfach geteilt und unreflektiert als Information betrachtet, was nicht zuletzt daran liegt, dass Menschen mit einer gewaltigen Informationsflut konfrontiert werden. Es gibt auf diese Informationsflut zwei Reaktionsweisen, einerseits das Eingeständnis, mit dieser Informationsflut nicht zurechtzukommen, andererseits aber auch die Entwicklung eines großen Selbstvertrauens in das eigene Wissen. Anspach et al. (2019) stellten fest, dass Menschen, die eher von Emotionen getrieben werden, auch bei hohem Informationsdefizit davon überzeugt sind, richtig zu liegen und ihr eigenes Wissen über Fakten stellen. Daher neigen solche Menschen zu übersteigertem Selbstvertrauen trotz minimalem Informationen. Da es durch die Menge an Informationen im Internet zunehmend unmöglich geworden ist, in die Tiefe zu gehen, ist die Glaubwürdigkeit der Informationen der Glaubwürdigkeit des Absenders gewichen, d. h., wenn Menschen der Quelle vertrauen, gehen sie davon aus, dass die Informationen schon geprüft wurden und teilen diese dann in den sozialen Medien. Dadurch entstehen Gerüchte, und wenn ein Gerücht oft genug weitergesagt wurde, wird es zur Wahrheit.

Smombies als typische Vertreter von FOMO

Die Roboterpsychologin Martina Mara hat in den OÖN vom 22. Juni 2019 die Smartphone-Zombies, kurz Smombies, als typisches Beispiel für exzessives FOMO angeführt, wobei sie skurrile Beispiele nennt, die den Smombies das Leben erleichtern sollen: “In Xi’an, einer Stadt im Norden Chinas, hat der Gehsteig zwei Spuren: eine für Fußgänger, die sich konventionell fortbewegen, und eine eigene für solche, die während des Gehens auf ihr Handy schauen (Smombie Lanes). In Moskau und Köln gibt es Bodenampeln, die Smartphone-Nutzer von unten vor nahenden Straßenbahnen warnen. In Stockholm hat ein Künstler Verkehrsschilder aufgestellt, die Autofahrer à la Wildwechsel auf kreuzende Displayversunkene hinweisen. In Honolulu muss mit einer Geldstrafe rechnen, wer beim Überqueren einer Straße auf ein elektronisches Gerät schaut.” Sie beschließt ihre Analyse optimistisch: “Entgegen des Eindrucks, den sie nach außen erwecken, dürften viele Smartphone-Zombies de facto also auf der Suche nach sozialem Anschluss sein. Die interpersonelle Kollision als milde Form des Smombie-Unfalls hat demnach eine nicht zu unterschätzende Funktion: Stoßen am Gehsteig die richtigen zwei Smombies zusammen, lässt sich ihr Kontaktbedürfnis vielleicht sogar ohne weiteren Blick aufs Handy stillen.” 😉

Literatur

Anspach, Nicolas, T. Jennings, Jay & Arceneaux, Kevin (2019). A little bit of knowledge: Facebook’s News Feed and self-perceptions of knowledge. Research & Politics, 6, doi:10.1177/2053168018816189.
Appel, Markus, Krisch, Nina, Stein, Jan-Philipp & Weber, Silvana (2019). Smartphone Zombies! Pedestrians’ Distracted Walking as a Function of their Fear of Missing Out. Journal of Environmental Psychology, doi:10.1016/j.jenvp.2019.04.003.
Ozimek, P., Baer, F. & Förster, J. (2017). Materialists on Facebook: The Self-Regulatory Role of Social Comparisons and the Objectification of Facebook friends. Heliyon, toi: 10.1016/j.heliyon.2017.e00449.Wampfler, P. (2013). Facebook, Blogs und Wikis in der Schule. Ein Social-Media-Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht.
Ozimek, Phillip & Bierhoff, Hans-Werner (2019). All my online-friends are better than me – three studies about ability-based comparative social media use, self-esteem, and depressive tendencies. Journal Behaviour & Information Technology, doi:10.1080/0144929X.
https://de.wikipedia.org/wiki/Fomo (16-11-21)
http://www.zeit.de/entdecken/2016-11/fomo-digital-detox-sucht (17-08-21)
https://psychcentral.com/quizzes/fomo-quiz.htm (17-02-12)
https://www.pressetext.com/news/ facebook-nutzer-ueberschaetzen-ihr-wissen.html (19-05-06)

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