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Embodied Cognition


Der Begriff Embodied Cognition – manchmal auch Grounded Cognition oder Embodiment beschreibt eine Theorie der mentalen Repräsentation, die davon ausgeht, dass eine Wechselwirkung zwischen Kognition, Sensorik und Motorik besteht, und dass sich das in der Repräsentation von Denkprozessen widerspiegelt. Im Gegensatz zu den klassischen, mentalen Repräsentationskonzepten, die von amodalen Konzepten ausgehen und das Gehirn als die zentrale Instanz mentaler Repräsentation und Kognition ansehen, postuliert dieses Konzept, dass Denken nicht unabhängig vom Körper möglich ist und multimodal verkörperlicht ist.

Neuere Arbeiten zur Embodied Cognition legen nahe, dass körperliche Zustände Einfluss auf das menschliche Denken und Handeln nehmen, denn so aktiviert eine aufrechte Haltung mentale Konzepte wie Moral oder Dominanz. In einem psychologischen Experiment beeinflusste die Probanden bei eine lexikalische Entscheidungsaufgabe die zuvor aktivierten Konzepte Dominanz oder Moral (Hurtienne et al., 2014).

Das Konzept der embodied cognition spielt auch eine Rolle beim Lesen von Texten, wobei es einen Unterschied zwischen analoger und digitaler Lektüre gibt. Offensichtlich liest der Körper mit und denkt mit, d. h., er ist sogar ein wesentlicher Teil des Verstehensprozesses. Man nimmt an, dass die Haltung, die Menschen beim Lesen einnehmen, für die Konzentration nicht unwesentlich ist. Wer etwa lesend einen kleinen Handybildschirm durch überfüllte U-Bahnen zu manövrieren versucht, weiß aus Erfahrung, dass dabei vom Gelesenen nicht viel übrig bleibt. Eine Meta-Studie zeigt, dass lange Texte in gedruckter Form konzentrierter gelesen werden und besser im Gedächtnis haften bleiben. Dafür heben digitale Texte den Vorteil, dass sie besser auf die individuellen Bedürfnisse der LeserInnen zugeschnitten werden können. Vor dem Bildschirm überschätzen viele Menschen gerne ihre Verständnisfähigkeiten und verarbeiten das dort Gesehene und Gelesene fragmentarischer, d. h., sie überfliegen eher die Inhalte.

Studien haben nun die Möglichkeit untersucht, ob der mentale Rücktransport von Probanden zum Zeitpunkt der Codierung deren Gedächtnis verbessern kann. In sechs Experimenten (Brandt et al., 2019) wurde dabei untersucht, ob die Rückwärtsbewegung die Erinnerung im Verhältnis zur Vorwärtsbewegung oder zu den Bedingungen ohne Bewegung fördern würde.  Die Probanden sahenzunächstn ein Video einer inszenierten Kriminalität (Experimente 1, 3 und 5), eine Wortliste (Experimente 2 und 4) oder eine Reihe von Bildern (Experiment 6). Dann gingen sie vorwärts oder rückwärts (Experimente 1 und 2), beobachteten ein vorwärts oder rückwärts gerichtetes optisches Strömungsbild (Experimente 3 und 4) oder stellten sich vor, vorwärts oder rückwärts zu gehen (Experimente 5 und 6). Schließlich beantworteten sie Fragen zum Video oder riefen Wörter oder Bilder in Erinnerung. Die Ergebnisse zeigten deutlich, dass bewegungsinduzierte, vergangenheitsorientierte mentale Zeitreisen die mnemonische Leistung für verschiedene Arten von Informationen verbessern.

Praktische Anwendung findet dieses Konzept etwa bei der Behandlung von Dyskalkulie.


Übrigens spielt dieser Zusammenhang zwischen Kognition und Umgebungswahrnehmung auch beim Lernen eine gewisse Rolle, da man beim Lernen immer auch die Lernumgebung in irgendeiner Form mitlernt. Zwar ist ein fixer und gut organisierter Lernplatz sinnvoll, doch beim Wiederholen sollte man diesen immer wieder verlassen und den Stoff mit anderen Umgebungen verknüpfen. Dadurch wird ein Lerninhalt nicht ausschließlich an eine konkrete Sensorik oder Motorik geknüpft! Siehe dazu

Lustiges Experiment zum Lernen

 


Literatur

Brandt, K. R., Tsakanikos, E. & Thorpe, M. J. A. (2019). It takes me back: The mnemonic. Cognition, 182, 242-250.
Hurtienne, J., Löffler, D. & Schmidt, J. (2014). Zur Ergonomie prosozialen Verhaltens: Kontextabhängige Einflüsse von Körperhaltungen auf die Ergebnisse in einem Diktatorspiel. TEAP’14 Tagung experimentell arbeitender Psychologen. In A. C. Schütz, K. Drewing, K.R. Gegenfurtner (Hrsg.), Abstracts of the 56th Conference of Experimental Psychologists. Pabst.
https://www.nzz.ch/feuilleton/der-koerper-liest-mit-digital-anders-als-auf-papier-ld.1454302 (19-01-27)

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