Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts–Syndrom – ADHS

1. Definition
ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung und charakterisiert eine neurobiologische Erkrankung, die anhand von drei Symptomen (kurze Aufmerksamkeitsspanne / erhöhte Ablenkbarkeit, motorische Unruhe und Impulsivität) definiert wird. Die Störung beginnt meistens schon in sehr jungen Jahren (vgl. Warnke & Harsch, 2004, S. 9ff.).
2. Definition
ADHS ist eine sehr häufig vorkommende psychische Erkrankung von Kindern und Jugendlichen. Kennzeichnend dafür ist eine sehr kurzlebige Aufmerksamkeit, daraus resultierend eine erhöhte Ablenkbarkeit und Zappeligkeit. Häufig kommt es auch zu motorischen Unruhen und extremen Stimmungsschwankungen. Für die Betroffenen ist es schwierig sich in soziale Systeme zu integrieren und Beziehungen zu fremden Personen aufzubauen. Nähe wird nur zögerlich und schwer zugelassen (vgl. Alfred, Eiden, Heuschen, Neuy-Bartmann & Rothfelder, 2007, S. 13ff.).
3. Definition
„Die ADHS (»attention deficit hyperactivity disorder«, syn.: »attention deficit disorder« [ADD], hyperkinetisches Syndrom [HKS]) manifestiert sich in der Kindheit vorrangig mit Defiziten in der Aufmerksamkeit sowie mit Hyperaktivität und Impulsivität. Häufig resultieren Komplikationen im Lernverhalten, verminderte Organisationsleistung und z.T. erhebliche Fehlanpassungen im Sozialverhalten“ (Benkert & Hippius, 2007, S. 545f.).
4. Definition
Aufmerksamkeitsstörung, Überaktivität und Impulsivität charakterisieren diese Krankheit. Zusätzlich treten Begleitsymptome wie Missachtung sozialer Regeln, fehlende soziale Integration und falsches Einschätzen von gefährlichen Situationen auf. Diese Merkmale sind bei betroffenen Kindern deutlich und stärker ausgeprägt als bei Kindern im selben Alter. Die Kriterien für die Diagnose ADHS sind nach den 2 international gebräuchlichen Klassifikationssystemen (ICD-10 der WHO und DSM-IV der American Psychiatric Association) weitgehend gleich (vgl. Herpertz-Dahlmann, Resch, Schulte-Markwort & Warnke, 2008, S. 675 ff.).
5. Definition
„Nach DSM IV: Kategorie, bei welcher sich Störungen der > Aufmerksamkeit mit übermäßiger körperlicher Aktivität verbinden“ (Peters, 2007, S. 55).
6. Definition
Die Abkürzung ADHS steht für Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Liegt keine Hyperaktivität vor, spricht man von ADS. Dabei handelt es sich um eine genetisch bedingte Regulationsstörung von Botenstoffen im Gehirn (sogenannte Neurotransmitter). Den Betroffenen fällt es dadurch schwer, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Sie lassen sich leicht ablenken, sind ungeduldig und motorisch unruhig (ADHS) oder verträumt (ADS). Auf der anderen Seite sind sie sehr kreativ, begeisterungsfähig und besonders ehrgeizig, wenn sie etwas interessiert.

Hinweis: Manche bevorzugen auch heute noch anstelle von ADHS den Ausdruck POS, Psychoorganisches Syndrom, unter dem diese Diagnose ­früher bekannt war, denn es handelt sich um ein organisches Problem, das sich in mehreren Symptomen zeigt, betroffen ist aber das ­Organ Gehirn.

Teilweise genetische Ursachen

Bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) vermutete man schon seit einiger Zeit, dass die Störung auch teilweise genetisch bedingt ist, denn Kinder eines Elternteils, der an ADHS leidet, zeichen mit höherer Wahrscheinlichkeit diese Symptome, und wenn ein Zwilling ADHS hat, weist der andere diese Störung mit 75-prozentiger Wahrscheinlichkeit ebenfalls auf. WissenschaftlerInnen um Anita Thapar (Cardiff University) fanden nun bei den betroffenen Kindern eine bedeutende genetische Veränderung, wobei man das Erbgut von 366 Kindern mit ADHS mit dem von 1047 Kindern ohne die Störung verglich. Bestimmte Abschnitte der DNA, die Genkopiezahlvarianten (CNV), lagen im Erbgut betroffener Kinder entweder in doppelter Ausführung vor oder fehlten.

Zeitwahrnehmung unterschiedlich

Nach einer neueren Untersuchung haben Kinder und Jugendliche, die unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom leiden, eine veränderte Wahrnehmung der Zeit, d.h., wenn betroffene Kinder die Dauer von Zeitspannen beurteilen sollten, erlebten sie gleiche Zeiträume als wesentlich länger als andere Kinder. Daher könnte ein optimiertes Zeitmanagement durch Strukturierung komplexer Aufgaben in Teilaufgaben ein wesentlicher Ansatzpunkt sein, um mit der Erkrankung einhergehende Probleme im Schulunterricht und anderen Lebensbereichen in den Griff zu bekommen.

Frühe Einschulung

Eine Münchner Studie zeigt, dass früh eingeschulte Kinder häufiger eine ADHS-Diagnose als ihre älteren Mitschüler erhalten. Danach wurde bei Kindern, die mit fünf Jahren oder kurz nach ihrem sechsten Geburtstag eingeschult wurden, in 5,3 % der Fälle das Syndrom ADHS diagnostiziert, während unter den knapp ein Jahr älteren Kindern dies nur 4,3 % waren. Die Ergebnisse der Münchner Studie decken sich demnach mit Untersuchungen in anderen Ländern, was daran liegen kann, dass das Verhalten jüngerer und damit oft unreiferer Kinder in einer Klasse mit dem Verhalten älterer Kinder verglichen wird, wobei bei Jüngeren die Impulsivität und damit Unaufmerksamkeit oft ausgeprägter zu beobachten ist. Dieses Verhalten wird dann möglicherweise als ADHS interpretiert, was die Wahrscheinlichkeit einer Diagnose erhöht. Bei größeren Klassen und einem höheren Anteil ausländischer Schüler und damit schwierigeren Unterrichtsbedingungen fallen aktivere Kinder vermutlich noch stärker auf.

Ähnliches zeigte sich bei der Analyse (Wuppermann et al., 2015) der ärztlichen Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten in Deutschland von rund sieben Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 14 Jahren, dass nämlich die ADHS-Diagnoseprävalenz für Kinder, die im Monat direkt vor dem Einschulungsstichtag geboren wurden, im Mittel um einen Prozentpunkt höher war als bei Kindern, die im darauffolgenden Monat Geburtstag haben und damit bei der Einschulung beinahe ein Jahr älter waren. Man vermutet als Ursache für die höhere Diagnosewahrscheinlichkeit, dass das Verhalten jüngerer und damit oft unreiferer Kinder mit dem der älteren in der gleichen Klasse verglichen wird, sodass die Impulsivität, Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit der jüngeren Kinder möglicherweise als Symptome einer ADHS fehlinterpretiert werden. In den Daten gab es auch Hinweise darauf, dass bei größeren Klassen und einem höheren Anteil ausländischer Schüler der Zusammenhang zwischen relativem Alter und ADHS stärker ist. Hier vermutet man, dass bei schwierigeren Unterrichtsbedingungen die relative Unreife jüngerer Kinder in der Klasse stärker auffällt.

ADHS als Fehldiagnose

Der amerikanische Entwicklungspsychologe Kagan kritisiert, dass nach dem Urteil von Experten angeblich 5,4 Millionen amerikanische Kinder typische Symptome für ADHS aufweisen, und ist der Ansicht, dassdiese Krankheit eine Erfindung ist, denn jedes Kind, das schlecht in der Schule sei, werde zum Arzt geschickt, der dann diese Krankheit feststellt und entsprechende Medikamente verschreibt. Für die meisten der so diagnostizierten Kinder erweist sich die Diagnose als negativ, denn sie ist für das Kind, die Eltern und die LehrerInnen nur ein Signal, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist.

Wenn es in einem Ratgeber heißt: „Viele Kinder mit AD(H)S können sich hervorragend konzentrieren, solange sie ihre Beschäftigung selbst aussuchen können und eine hohe Motivation vorliegt. Ist dies der Fall, können sich insbesondere die verträumten ADS-Kinder so sehr in eine Beschäftigung vertiefen, dass sie völlig in ihr aufgehen und alles andere ausblenden. Grosse Mühe haben diese Kinder allerdings, wenn Anforderungen von aussen an sie gestellt werden“, dann ist das natürlich Unsinn, denn das Merkmal einer zutreffenden Diagnose ist eben das Faktum, dass die Konzentrationssörung unter allen Bedingungen auftritt.

ADHS bei Erwachsenen

Ursprünglich ist man davon ausgegangen, dass ADHS mit Ende der Pubertät nachlässt, doch ist das eher ein Scheinende, denn es lässt zwar die erkennbare motorische Unruhe nach, doch es bleibt eine innere Anspannung, eine Ablenkbarkeit, eine Unruhe, ein Sich-Nicht-Dauerhaft-Mit-Etwas-Auseinandersetzen-Können. So beginnt etwa eine Hausfrau ständig neue Tätigkeiten, ohne diese zu Ende zu führen, ein Jugendlicher bricht eine Ausbildung nach der anderen ab, oder ein Erwachsener nimmt einen Job nach dem anderen an. Diese Menschen setzen sich häufig ständig unter Druck und denken, sie leisten nichts, doch in Wirklichkeit erledigen sie sehr viel, nur bringen sie nichts zu Ende.
Nachher eine Schweizer Untersuchung leiden vier von hundert jungen Männern (untersucht wurden über fünftausend Rekruten) an einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, womit diese Störung bei dieser Gruppe von Erwachsenen fast so häufig wie bei Kindern und Jugendlichen auftritt, von denen in der Schweiz rund sechs Prozent betroffen sind. Lange ging man davon aus, dass die Störung nur Kinder und Jugendliche betrifft, weshalb ADHS bei Erwachsenen wenig erforscht ist. Es zeigte sich auch, dass eine beträchtliche Zahl der an ADHS leidenden Männer zudem psychische Störungen wie starke Depressionen, gestörtes Sozialverhalten und Alkoholmissbrauch oder -abhängigkeit aufwies. Hatten schon die Eltern an Alkohol- oder psychischen Problemen gelitten, begünstigte dies das Auftreten von ADHS, ebenso ein geringer Bildungsstand der Eltern (Estévez et al., 2014).

Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder und Jugendärzte

Die Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder und Jugendärzte in Deutschland hat übrigens Richtlinien zur Diagnose und Behandlung von ADHS entwickelt. Diese Leitlinien wurde auf der Basis des derzeitigen Wissensstandes über ADHS erstellt, wie er als Guidelines und in kontrollierten therapeutischen Studien publiziert wurde. Die daraus entwickelten Entscheidungshilfen über die angemessene Vorgehensweise bei der Betreuung von Kindern und Jugendlichen mit ADHS orientieren sich an den pädiatriespezifischen Erfahrungen und Arbeitsmöglichkeiten. Die Schnittstellen zur Kooperation mit anderen Fachgruppen, insbesondere auch den Kinder- und Jugendpsychiatern und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, werden dargestellt. Die Entscheidung darüber, ob bestimmten Empfehlungen der Leitlinie gefolgt werden soll, muss aber stets vom Arzt unter Berücksichtigung der beim individuellen Patienten vorliegenden Gegebenheiten und der verfügbaren Ressourcen getroffen werden.
Diese Leitlinien werden in regelmäßigen Abständen in Kooperation mit den Kinder- und JugendpsychiaterInnen und den PsychiaterInnen aktualisiert, und ist als pdf-Datei dowloadbar: http://www.ag-adhs.de/uploads/Leitlinie2014mr.pdf (14-03-21) Es muss allerdings beachtet werden, dass sie sich an medizinischen und nicht psychologischen Kriterien orientieren, denn ADHS wird als ein neurobiologisch heterogenes Störungsbild mit Dysfunktionen in Regelkreisen zwischen präfrontalem Kortex, parietooccipitalem Kortex, Basalganglien und Cerebellum auf dem Boden einer Neurotransmitterfunktionsstörung im dopaminergen System betrachtet. Neurophysiologisch führen die Dysfunktionen verschiedener Regelkreise zu einer Störung der Informationsverarbeitung, der Reaktionszeiten und Beeinträchtigung der Kontrolle von Motorik, Aufmerksamkeitssteuerung und exekutiver Funktionen.

Literatur
Alfred, A., Eiden, S., Heuschen, W., Neuy-Bartmann, A. & Rothfelder, U. (2007). ADHS-Praxishandbuch.
Ein praktischer Leitfaden für Kinder und ihre Eltern, Jugendliche, Erwachsene, Lehrer und Therapeuten. Norderstedt: Books on Demand Verlag.
Benkert, O. & Hippius, H. (2007). Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie. 6. Auflage.
Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
Estévez, N., Eich-Höchli, D., M, Gmel, G., Studer, J., et al. (2014). Prevalence of and Associated Factors for Adult Attention Deficit Hyperactivity Disorder in Young Swiss Men. PLoS ONE 9(2): e89298. doi:10.1371/journal.pone.0089298
Herpertz-Dahlmann, B., Resch, F., Schulte-Markwort, M. & Warnke, A. (2008). Entwicklungspsychiatrie. Biopsychologische Grundlagen und die Entwicklung psychischer Störungen. 2. Auflage.
Stuttgart: Schattauer Verlag.
Peters, U. (2007). Lexikon Psychiatrie Psychologie Medizinische Psychologie. 6. Auflage.
München: Urban & Fischer Verlag.
Warnke, A. & Satzger-Harsch, U. (2004). ADHS Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Klare Antworten auf die 25 häufigsten Fragen. Für Eltern und Lehrer: So handeln Sie richtig. Mit hilfreichen Materialen zum Heraustrennen. Stuttgart: TRIAS Verlag.
http://www.ag-adhs.de/informationen/leitlinie.html (14-03-21)
Wuppermann, A., Schwandt, H., Hering, R., Schulz, M. & Bätzing-Feigenbaum, J. (2015). Die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) bei Kindern und Jugendlichen in der ambulanten Versorgung in Deutschland. Teil 2: Zusammenhang zwischen ADHS-Diagnose- und Medikationsprävalenzen und dem Einschulungsalter. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi), Versorgungsatlas-Bericht Nr. 15/11.
WWWW: http://www.versorgungsatlas.de/fileadmin/ziva_docs/61/VA-61-ADHS-Teil2-final.pdf (15-08-12)


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  1. 2 Responses to “Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts–Syndrom – ADHS”

  2. was ich suchte, danke

    By nacyvosy-tool on Sep 24, 2010

  3. Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und kann bis ins Erwachsenenalter fortbestehen. Schätzungen zufolge sind 500.000 bis 600.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland betroffen, Jungen dabei drei- bis viermal so häufig wie Mädchen. Kinder mit ADHS zeigen weniger Ausdauer, sind leicht ablenkbar und haben einen ausgeprägten Bewegungsdrang. Sie neigen zudem zu impulsivem und unüberlegtem Verhalten und sind emotional instabil.

    By ADHS-Experte on Aug 13, 2015

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