Schreibaby

Als Schreibabys werden umgangssprachlich Säuglinge bezeichnet bzw. stigmatisiert, die mindestens über einen Zeitraum von drei Wochen an drei Tagen der Woche drei Stunden täglich oder mehr schreien (Dreierregel, rule of threes).  Die Dreierregel besagt, dass das Neugeborene über drei Wochen lang an mindestens drei Tagen in der Woche mehr als drei Stunden schreit. Aber auch wenn Babys weniger als diese definierte Zeit schreien, ist dies oft ein Anzeichen für ein Unwohlsein des Babys, denn gesunde Babys schreien täglich normalerweise nur für kurze Zeit, um ihre Bedürfnisse auszudrücken und auf sich aufmerksam zu machen.

Eltern sollten schon früher Hilfe aufsuchen, wenn ihr Kind übermäßig schreit und sie überfordert sind. Meist beginnt das Kind um den 7. bis 10. Lebenstag in den Abendstunden vermehrt ohne ersichtlichen Grund zu schreien. Die Muskeln sind angespannt, der Kopf wird rot und das Kind reagiert auf keine der Beruhigungsversuche von den Eltern. In der sechsten Lebenswoche ist der Höhepunkt der Schreiattacken erreicht. Sie reduzieren sich schließlich bis zum vierten Lebensmonat auf täglich eine Stunde.

Neben der Dreierregel wird insbesondere die Unstillbarkeit der Schreiattacken als charakteristisches Merkmal betont, wobei auch die subjektiv erlebte Belastung der Säuglinge und Eltern für die Beurteilung der Schwere der Beeinträchtigung bzw. des Krankheitswerts eine Rolle spielt. Das Schreien beginnt zumeist zwei Wochen nach der Geburt, wobei die Ursache für dieses Verhalten eine Unreife des Gehirns ist. Da der Geburtszeitpunkt beim Menschen früh angesetzt ist, da Gehirn und Schädel sehr groß sind, ist der Mensch eigentlich eine Frühgeburt, sodass zwar die meisten der Babys damit gut zurecht kommen, sind manche mit den vielen Reizen, die auf sie einwirken, noch überfordert und flüchten sich ins Schreien. Das Störungsbild beginnt meist um die zweite Lebenswoche und bildet sich in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle nach drei bis vier Monaten zurück, wenn das Gehirn ausgereift ist. Falls das nicht der Fall ist, sollten unbedingt Krankheiten als Ursache ausgeschlossen werden.

Die pränatale Psychotherapie hat festgestellt, dass unter anderem ein möglicher Zusammenhang zwischen einem Geburtstrauma und dem heftigem Schreien eines Babys in den ersten Lebensmonaten bestehen  kann. Dabei dient das Schreien, das zunächst das einzige Kommunikationsmittel eines Kindes ist, als Ausdruck von Empfindungen, Bedürfnissen oder Gefühlen, denn die Babys, die sich noch nicht sprachlich äußern können, drücken ihr Empfinden, ihre Gefühle und Emotionen körperlich aus. Nach Ansicht mancher Experten geht es dem Baby darum, durch das Schreien jene Stress und Spannungen abzubauen, die etwa durch ein Geburtstrauma aufgebaut worden sind. Die Babys nutzen dabei das Weinen und Schreien, um Stress zu reduzieren bzw. auszudrücken. Auch ein Schreien in Situationen, die geburtsähnlich sind, in denen etwa Enge, gedrückt oder gequetscht zu werden erfahren wird, kann die Geburtserinnerung wieder wachrufen. Aber auch Ereignisse, bei denen ähnlicher Stress oder Schmerz wie bei der Geburt empfunden wird (Licht, Geräusche), können die Geburtserinnerung und die damit verbundenen Gefühle wieder auslösen. Babys, die eine traumatische Geburt erlebt haben und dies durch das Schreien und Weinen zu kompensieren versuchen, zeigen dauerhaft ein erregtes sympathisches Nervensystem und einen erhöhten Stresshormonspiegel an, wobei das Schreien dazu dient, dieses Ungleichgewicht auszugleichen.

Betroffen sind oft aufgeweckte, neugierige Kinder, denn sie nehmen für ihre kleinen, unreifen Gehirne einfach zu viel auf. Daher tritt sas Schreien tritt zumeist gegen Abend auf, wenn das Maß an Reizen voll ist. Als Vorbeugung hilft es dafür zu sorgen, dass das Kind tagsüber genügend Schlafinseln hat, damit das Gehirn zwischendurch abschalten kann (je mindestens eine Stunde am Vormittag und eine am Nachmittag), denn wenn ein Kind in diesem Alter tagsüber sich nicht regenerieren kann, dann ist es am Abend zu müde und überreizt, um abzuschalten.
Wichtig: Schreien ist Teil des normalen Verhaltensrepertoires eines Säuglings, denn durch Schreien signalisiert der Säugling zum Beispiel, dass er Hunger oder Schmerzen hat, ihm unwohl ist, oder er Zuwendung braucht.

Literatur
Renggli, F. (2001). Der Ursprung der Angst. Antike Mythen und das Trauma der Geburt. Düsseldorf/Zürich: Walter Verlag.




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017