narrative Psychologie

Die narrative Psychologie geht der Frage nach, wie sich das Erzählen und die Geschichten von Menschen auf ihr Selbstbild und die Sinnzuschreibungen ihres eigenen Erlebens auswirken. Die persönliche Lebensgeschichte ist dabei aber nur eine von mehreren Ebenen, auf denen sich Persönlichkeitsmerkmale manifestieren. Die narrative Psychologie geht davon aus, dass die Konstruktion einer stimmigen Lebensgeschichte aus vergangenen Erfahrungen Erlebnissen im Zusammenhang mit der Gegenwart und auch derem Projektion auf die Zukunft die wesentliche Art und Weise ist, wie Menschen ihre Identität konstruieren und ihre Beziehungen zur Umwelt mit Bedeutung und Sinnhaftigkeit füllen. Die narrative Psychologie ist innerhalb der Psychologie ein methodischer Ansatz, der sich auf die geisteswissenschaftlichen Wurzeln der Psychologie beruft, und daher in der Tradition der Hermeneutik versucht zu verstehen, in welcher Weise Erzählungen und Geschichten von Menschen für die Sinngebung genutzt werden. Sie hat sich auch aus der Kritik an der klassischen Psychologie entwickelt, wobei die Kritik an der Eindimensionalität und Beschränktheit aktueller psychologischer Ansätze eine Rolle spielt, insbesondere an der naturwissenschaftlich geprägten Psychologie, die sich vorwiegend mit der kognitiven Leistungsfähigkeit des Menschen befasst, nicht aber mit der ebenfalls wichtigen (Selbst)Konstruktion von Sinn, Bedeutung und Identität.

Beim Erzählen der eigenen Lebensgeschichte besitzen Menschen dabei die alleinige Deutungshoheit, können also interpretieren, wer sie sind, was sie machen und wie das zu bewerten ist.  Eine solche Konstruktion erfordert ein bewusstes Herangehen und eine positive Anstrengung, wenn man etwa darab gewöhnt ist, alles in negative Zusammenhänge zu stellen. Aber man hat eben die Wahl zum Beispiel zurückliegenden Begegnungen mit anderen Menschen Positives abzugewinnen, auch wenn es nicht immer auf den ersten Blick erkennbar ist. Im Erzählen und Interpretieren sind Menschen frei und viel weniger weniger an ihre psychischen Merkmale gebunden als im Handeln, können gewissermaßen die eigene Geschichte erfinden. Bekanntlich richtet ein Mensch seine Lebensgeschichte, seine Erinnerungen und Persönlichkeitsentwürfe nie ausschließlich am Faktischen aus, sondern immer auch an Gewolltem und Erwünschtem. Menschen wollen im Zusammenhang mit ihrem Leben eine gute Geschichte erzählen, daher schmücken sie diese aus, fügen etwas Dramatik hinzu und lassen das eine oder andere weg. Dabei ist auch die Stimmigkeit der Geschichte wichtig, , d. h., Menschen biegen die Fakten zurecht, damit sie mit den Auffassungen, die sie von sich selbst haben, und mit den Entwürfen ihrer Zukunft zusammen passen.

Menschen leben daher in ihren Erzählungen, sie filtern die Wahrnehmung autobiografisch, indem sie ein Selbstbild und ein Weltbild mit Erlebnissen erzeugen oder (er)finden, wobei vor allem emotional tiefe Erfahrungen und Erlebnisse ins Unbewusste versinken und nur unter besonderen Bedingungen wieder ins Bewusstsein gerückt werden. Menschen verhalten und entscheiden sich auch stets in Bezug zu ihrem sozialen und physischen Umfeld, greifen dabei immer wieder auf das manifest gewordene Unbewusste zurück, um schnell agieren und reagieren zu können. Die die Menschen umgebende Kultur evoziert daher die erlernten Muster des Unbewussten und selektiert bewusste Entscheidungen, mit denen Menschen Verhalten imitieren, mit anderen kooperieren und versuchen, Anerkennung zu gewinnen. Solche Erzählungen bestimmen somit wirkungsvoll das Leben der Menschen, ihr Selbstbewusstsein und ihre Entscheidungen. Menschen formen Geschichten über die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft, und was sie erwarten beruht häufig auf dem, was sie als richtige Beschreibung zulassen und resultiert weniger aus tatsächlichen Erlebnissen. Insofern können sich Menschen, Gruppen von Menschen und ganze Gesellschaften in ihren Erzählungen geradezu einsperren, denn auch Kultur ist letztlich das, was erzählt wird und erzählt werden darf. Wirklichkeit ist nichts Objektives sondern schlicht das, was auf die Menschen wirkt, sodass letztlich nur das entscheidend ist, was sie wirken lassen. Es ist deshalb von Bedeutung, welche wünschbaren Entwicklungen Menschen überhaupt für möglich halten und auf welche Entdeckungsreisen sie sich begeben, um neue Entwicklungen zu ermöglichen. Die Wahrscheinlichkeit einer Veränderung hängt daher immer auch von der Bereitschaft ab, ungewöhnliche Denkweisen zuzulassen, zu experimentieren, also neue Erzählungen zu ersinnen und diese zuzulassen.

Narratologie

Übrigens: Aus der Literaturwissenschaft stammt der Begriff der Narratologie (narratology) oder Narrativik, womit ganz allgemein die Erzähltheorie oder Erzählforschung bezeichnet wird. Der Gegenstand der Narratologie ist jede Art eines erzählenden Textes, von der erzählenden Literatur über Geschichtsschreibung bis hin zu Interviews, Zeitungsartikeln oder Witzen. Die Narratologie strebt eine systematische Beschreibung der Darstellungsform eines Erzähltextes an, wobei die Erzähltheorie in zahlreichen Disziplinen eine wichtige Rolle spielt, neben der Literaturwissenschaft auch in der Medienwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie.

Quellen & Literatur

Dietrich, G. (2012). Strategien narrativer Psychologie als LebenshilfeWie das Erzählen der eigenen Geschichte aus den Zwängen des negativen Erlebens hilft.
WWW: http://www.geistundgegenwart.de/2012/12/lebenshilfe-narrative-psychologie.html (12-12-18)
Kraus, W. (1998). Narrative Psychologie. In S. Grubitzsch, K. Weber (Hrsg.), Psychologische Grundbegriffe. Ein Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
http://de.wikipedia.org/wiki/Narrative_Psychologie (11-12-12)
Küsters, Ivonne (2009). Narrative Interviews. Grundlagen und Anwendungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.





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