Sexsucht

Früher bezeichnete man den krankhaft gesteigerten Sexualtrieb des Mannes als Satyriasis (nach den Satyrn, den wollüstigen Waldgeistern aus der griechischen Mythologie) oder auch Donjuanismus. Im 19. Jahrhundert behandelte man ihn mit kalten Bädern, körperlicher Arbeit und – im Extremfall – Kastration. Als Ursachen galten häufiges Onanieren und sitzende Tätigkeiten. Heute wird eine reine Quantifizierung von sexuellen Motivationen oder Handlungsweisen als alleinige Grundlage für eine Normierung des Verhaltens im Bereich der Sexualität nicht mehr ausschließlich herangezogen. Nach Schätzungen sind etwa drei Prozent der Bevölkerung von Sexsucht betroffen. Man sollte Sexsucht jedoch nicht mit einem übermäßigen Sexualtrieb (Hypersexualität) gleichsetzen. Die Sexsucht tritt unabhängig vom Geschlecht und von der sexuellen Orientierung auf und betrifft die Heterosexualität genauso wie die Homosexualität, wobei auch alle Spielarten der Sexualität betroffen sind. Die sexuellen Beziehungen bestehen entweder mit vielen verschiedenen Menschen oder durch die Verwendung von pornografischen Materialien, wobei es manchen Sexsüchtigen in erster Linie um die Verführung geht, denn kommt es tatsächlich zur sexuellen Begegnung, erlischt das Interesse.

Das zwanghafte Bedürfnis nach Sexualität ist eine Krankheit, bei der Betroffene fast an nichts mehr anderes denken können. Mehrmals am Tag Lust auf Sexualität zu haben, ist allerdings noch kein Anzeichen für eine Sexsucht, denn erst wenn Betroffene an nichts anderes mehr denken können und sie in ihrem Lebensvollzug eingeschränkt sind, sich also ihrem Verlangen ausgeliefert fühlen und sie unter dem Zwang zu leiden beginnen, kann von einer Sexsucht gesprochen werden. Zur Sexsucht führt häufig auch ein Minderwertigkeitskomplex und hat besonders in der Verführungssucht oft mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu tun, die mit einem starken Trieb einhergehen, wobei es unter Umständen auch genetische Faktoren gibt, die mitbestimmen, wie wichtig Sexualität für den Betroffenen ist. Bei der Sexsucht kann man aber in keinem Fall von einer angeborenen Sucht sprechen, eher spielen frühkindliche Bindungsstörungen bzw. der Umgang mit Sexualität in der Familie eine Rolle, wobei hier sowohl eine Überflutung mit sexuellen Reizen als auch strikte Tabus einen Nährboden bilden.

Diese Störung gehört wie die Kaufsucht zur Gruppe der Kontrollverluste (siehe dazu Kontrollillusion), d.h., Betroffene haben keine Möglichkeit mehr, ihr sexuelles Verlangen zu kontrollieren. Das permanente Denken an Sexualität führt zu Problemen bei der Arbeit, die Leistungsfähigkeit und Konzentrationsvermögen lassen nach, da das Denken von Vorstellungen und Phantasien beherrscht wird.

Wie alle Suchterkrankten leiden auch Sexsüchtige unter diesem Kontrollverlust über sich und ihr Handeln, wobei die Folgen zwar individuell verschieden, aber oft dramatisch sind, denn manche geben all ihr Geld für käuflichen Sex aus, andere finden vor lauter Pornoschauen keine Zeit mehr zum Lernen und Arbeiten. Sexsüchtige haben in der Regel ihr Leben dem drängenden Verlangen angepasst, wobei von Sexsucht in erster Linie oft Menschen betroffen sind, die in ihrer Kindheit sexuell verwundet worden sind, etwa in Form von Gewalt oder Ausbeutung. Es ist allerdings nicht zu leugnen, dass neben seelischen Verwundungen die Krankheit aber auch durch die leichte Verfügbarkeit von Sex und Pornografie beeinflusst wird, sodass die von Sexsucht Betroffenen in den letzten Jahren weiter zugenommen hat. Pornografie ist durch das Internet einfach und anonym verfügbar, wodurch auch schon sehr junge Männer an Sexsucht erkranken. Bei Frauen wird die Sexsucht häufig als Nymphomanie bezeichnet, wobei die Ursachen oft in der Persönlichkeit der betroffenen Frauen liegen, wobei als Hauptursache ein sehr starkes Bedürfnis nach Anerkennung bzw. Bestätigung der eigenen Person vermutet wird, wobei die sexuelle Aktivität als Zeichen der Attraktivität der eigenen Person erlebt wird.

Die Lösung für die Problematik ist nach Ansicht von Experten, dass Betroffene ein positives, nährendes Sexualleben aufbauen müssen, dass also vor allem die partnerschaftliche Sexualität gefördert wird. Behandlungsmöglichkeiten der Sexsucht bestehen meist in einer Psychotherapie, bei der die Betroffenen zunächst ein Bewusstsein für ihre Störung entwickeln müssen, und ihr Verhalten tatsächlich verändern wollen, wobei manchmal auch Medikamente zum Einsatz kommen, die den Sexualtrieb vermindern. Wie bei anderen ähnlichen Störungen gilt: Je länger die Sucht unbehandelt bleibt, umso schwerer wird es, von dieser loszukommen.

Siehe dazu Hörigkeit, Abhängigkeit, Beziehungssucht



Post a Comment

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu