Bewusstsein

Grundsätzliches: Bewusstsein ist nach Ansicht der Psychologie nichts, was über das normale Denken hinausreicht, sondern es ist eine Form des Denkens, das sich mit den Spuren früheren Denkens beschäftigt, also Meta-Denken. Bewusstsein hat ein Mensch immer dann, wenn er in der Lage ist zu bedenken, ob das, was er tut, vernünftig ist, und wenn er in der Lage ist zu sagen, nein, das mache ich jetzt anders.

Auch die einfachsten Organismen, wie etwa Einzeller, stehen mit der Umwelt in Wechselwirkung, denn als ein stoffwechselndes System im Fließgleichgewicht sind sie auf Nahrung aus der Umwelt angewiesen. Da sie also nicht im Vakuum leben, stehen die Organismen außerdem mit dem sie umgebenden Medium, sei es nun Wasser oder Luft, in fortwährendem Kontakt. Aber auch Sonnenstrahlen und anderen elektromagnetischen wie auch chemischen Einwirkungen ist jeder Organismus ausgesetzt. Aus diesen Wechselwirkungen zwischen Organismus und Umweltreizen bildeten sich im Laufe der Evolution die verschiedenen Sinnessysteme für unterschiedliche Umweltreize, auf die der Organismus als Nahrung angewiesen war oder die er vermeiden musste, weil sie für ihn gefährlich waren. In beiden Fällen mussten daher vom Organismus Sensoren ausgebildet werden, die über Interneuronen den motorischen Zellen automatisch das Signal für das angeborene Verhalten von Fliehen oder Annäherung gaben.

Aus dieser Wechselwirkung zwischen Organismus und Umweltreizen gingen evolutionär die Sinnessysteme und ihre Abstimmung mit den physischen Reizen hervor. Aber während die Umweltreize als Energiequelle und Nahrung vom Organismus durch den Mund direkt aufgenommen wurden, wurden die Sinnessysteme zu Organen, die nicht den Umweltreiz selbst, sondern in erster Linie die Information über ihn empfingen. Die Umwelt der mehrzelligen Organismen wurde dadurch erweitert und die Reize, auf die der Organismus reagieren musste, um zu überleben, wurden immer bunter und vielfältiger, sodass der Organismus schließlich auf Grund von Versuch und Irrtum sowie Selektion Reizfilter im Rezeptorsystem entwickelte, die auf Reizkombinationen und Reizrelationen abgestimmt waren, die eine biologische Bedeutung für den Organismus hatten. Diese Kombinationen und Relationen von Reizen erfolgten durch die Sinnessysteme, die die Reize nach bestimmten Kategorien auswählten, die von biologischen Faktoren determiniert sind. Bei der Ausbildung der Sinnesqualitäten im Laufe der Evolution bildete diese Invariantenbildung eine wichtige Rolle, denn die Wiedererkennung einer Nahrung oder eines Raubtiers unter verschiedenen Beleuchtungs- und Umweltbedingungen war für das Überleben entscheidend. Dafür war es von Vorteil, wenn die Sinnessysteme die Reize selbst über die Sinnesfilter mit selbstgenerierten Zeichen markieren konnten. Jede Sinnesempfindung und -wahrnehmung kann dabei nur über die symbolische Information der Sinnesqualitäten stattfinden, denn kein Nervensystem hat unmittelbar die Fähigkeit, die eigenen Prozesse und Zustände unmittelbar zu erfahren. Nur die symbolische Information konnte daher zum Objekt der Aufmerksamkeit werden, auf das das sensorische bzw. kognitive System ausgerichtet wird, was nichts anderes bedeutet, dass nur solche Eigenschaften physischer Ereignisse oder Objekte wahrgenommen werden, die in Sinnesqualitäten umgewandelt wurden. In dieser Objektbildung haben das Bewusstsein und das Erkennen ihren Ursprung.

Seit der Antike denkt man den Ort des Bewusstseins und über das Denken nach, wobei man in der Regel in eigenartige, quälenden Spiralen kommt. Gedächtnis, Intelligenz, Moral, Bewusstsein, das alles geschieht irgendwie im Gehirn des Menschen. Bis zum Mittelalter gab es keine nennenswerten Vorstellungen über das menschliche Bewusstsein, obwohl die Philosophen der Frühzeit – allen voran Aristoteles (Die Seele ist zwar kein Körper, aber sie ist körperlich) – einige Ansätze theoretischer Natur gefunden hatten, diese aber durch eine grundlegende Unschärfe und Widersprüche gekennzeichnet waren. Auf Aristoteles Vorstellung einer Trennung zwischen Körper, Geist und Seele bauten praktisch alle Theologen und Philosophen auf, und erst während der Renaissance erfolgte der Versuch einer Trennung von Dogma und Wissenschaft. Es waren bis dahin vor allem Philosophen ohne jede wissenschaftliche Grundlage und Ausbildung, die oft skurile Spekulationen über das Wesen des menschlichen Bewusstseins anstellten. So hat etwa Gottfried Wilhelm Leibniz das Bewusstsein des Menschen mit einem berühmten Gedankenexperiment veranschaulicht: Was würde man finden, wenn man eine begehbare Maschine beträte, die denken, fühlen und wahrnehmen kann?

Erst die Psychologie als empirische Disziplin begann mit dem Sammeln von Daten und stützte sich dabei vorwiegend auf statistische und mathematische Verfahren. Besonders durch Weber, Fechner, Wundt und Ebbinghaus wird der Werkzeugkasten der empirischen Psychologie immer größer und die Erkenntnisse über das Bewusstsein des Menschen nahmen einen beachtlichen Umfang ein. Wissenschaftler konzentrieren sich heute bei der Erforschung des Bewusstseins vor allem auf Vorgänge im Gehirn, denn ein Bewusstsein ohne Aktivität von Nervenzellen im menschlichen Gehirn gibt es nicht. Außerdem hat sich gezeigt, dass sich Läsionen im Gehirn auf das Bewusstsein auswirken können, wobei etwa eine bestimmte Schädigung dazu führen kann, dass der davon betroffene Mensch einen Teil seiner Umgebung oder seines Körpers kaum oder gar nicht wahrnimmt (siehe Neglect). Daher scheint es einen begrenzten Bereich, der als Sitz des Bewusstseins angesehen werden kann, im Gehirn nicht zu geben, denn an der Verarbeitung der Informationen, die von den Sinnesorganen geliefert werden, sind stets zahlreiche und zum Teil räumlich weit voneinander entfernte Areale beteiligt. Nervenzellen im Gehirn sind dabei über eine Vielzahl von Synapsen, miteinander verbunden, sodass ein großes Netzwerk entsteht, auf das sich das geistige Erleben zurückführen lässt. Allein die Funktion der Formatio reticularis, ein Netzwerk im Gehirnstamm, scheint als zentrale Basisfunktion bewusster Wahrnehmung zu fungieren.

Nach Jahrhunderten der Bemühung von Neurowissenschaftlern, Psychologen und Philosophen bleibt zur Frage, wie das Gehirn uns Bewusstsein verleiht, wie es Empfindungen, Gefühle und Subjektivität entstehen lässt, nur eines weiterhin gewiss: Wir haben keine Ahnung. David Eagleman beschreibt das Bewusstsein treffend als einen blinden Passagier auf einem Ozeandampfer, der behauptet, das Schiff zu steuern, ohne auch nur von der Existenz des gewaltigen Maschinenraums im Inneren zu wissen. Das Bewusstsein ist nicht etwas, das an einem konkreten Ort nämlich im Gehirn „ist“, sondern das Bewusstsein ist etwas, das Menschen durch ihre Tätigkeit ständig neu schaffen, sodass das menschliche Denken nicht auf einen neuronalen Vorgang reduziert werden kann. Die Gehirnforschung ist verkürzt dabei die Perspektive auf den menschliche Denken, da sie nur den neuronalen Mikrofokus betrachtet, nicht aber den dynamischen Lebensprozess eines Lebewesens im Austausch mit seiner kulturellen, biologischen und sozialen Umwelt. Menschen stecken nicht in ihrem Kopf, sondern sie sind in der Welt zu Hause.
Der psychologische Begriff Bewusstsein umschreibt, dass ein Mensch sowohl wach als auch orientiert ist, was impliziert, in Raum und Zeit orientiert zu sein, sodass sich die Person in diesen Kontext einordnen kann. Bewusstsein (consciousness) ist somit die Gesamtheit der unmittelbaren Erfahrung, die sich aus der Wahrnehmung von Menschen selbst und ihrer Umgebung, ihren Kognitionen, Vorstellungen und Gefühlen zusammensetzt.
Störungen des Bewusstseins sind immer auch Störungen der Aktiviertheit, etwa große Müdigkeit, das Erleben nach Schlafentzug, die unterschiedlichen Variationen des Erlebens zwischen hellwach sein, tief schlafen oder bewusstlos sein, bis hin zum Koma. Aktiviertheit reicht aber alleine nicht zum Bewusstsein aus, denn auch starke Aktiviertheit wie eine starke Emotion kann zu einer Störung der Orientiertheit führen, was auch durch psychotrope Substanzen wie Rauschnmittel hervorgerufen werden kann. Bewusstsein ist also jener Zustand, mit dem man die verschiedenen Grade der Aktivierung mentaler Prozesse und Orientiertheit in Raum und Zeit sowie zu sich selber bezeichnet.

Literatur

Hernegger, R. (1995). Wahrnehmung und Bewußtsein. Ein Diskussionsbeitrag zu den Neurowissenschaften. Heidelberg: Akademischer Verlag.




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