Personenwahrnehmung

Unter Personenwahrnehmung versteht man in der Psychologie all jene Prozesse, die zur Bildung von Einstellungen, Meinungen und Bewertungen anderen Personen gegenüber führen. Auf Grund wahrgenommener oder oft nur angenommener Äußerungen und Handlungen von Menschen gelangt man zu Meinungen über seine Absichten, Einstellungen, Eigenschaften und seine momentane Stimmung. Die Wahrnehmung anderer Menschen ist deshalb so wichtig, da alle soziale Beziehungen mit der Wahrnehmung einer anderen Person beginnen. Menschen beobachten und beurteilen deren Eigenarten, bemühen sich deren Absichten zu entdecken und entwickeln Annahmen über ihr potentielles Verhalten. Manchmal werden die Erwartungen bestätigt, manchmal werden sie auch nicht bestätigt, sodass man nach Gründen dafür sucht, die Sichtweisen verändert oder auch verunsichert ist. Das eigene Verhalten ist meist eine Folge dieser Einschätzung der anderen Person.

Ständig laufen solche unbewussten und bewussten Prozesse ab, die die Personwahrnehmung dadurch beeinflussen, dass sie die hintergründig wirksamen Einstellungen den Menschen oder bestimmten Personen gegenüber konstituieren und unter bestimmten Bedingungen zu deren Veränderung beitragen, und dass sie den eigenen Gefühlen, Wünschen und Absichten zum Durchbruch verhelfen wollen (implizite Persönlichkeitstheorie). Zwischen Wahrnehmenden und Wahrgenommenen entsteht somit eine doppelte Interaktion bzw. eine gegenseitige Beeinflussung. Solche Prozesse führen in vielen Fällen zur Aktualisierung von Vorurteilen, denn die psychologische Forschung zeigt in zahlreichen Esperimenten, was im Kopf abläuft, wenn andere Menschen beurteilt werden und es so zu einer systematisch verzerrten Urteilsbildung kommt. Einige typische Beispiele:

  • Attraktivität: Menschen, die gut aussehen, werden von uns als intelligenter sowie sozial und fachlich kompetenter erlebt als weniger gut aussehende Menschen.
  • Ähnlichkeit: Menschen, die dem Beurteilet im Hinblick auf Ausbildung oder Einstellungen ähnlich sind, werden positiver bewertet als unähnliche.
  • Maskulinität: Menschen, die groß und breitschultrig sind, wird eher Führungsstärke zugesprochen als solchen, die klein und schmächtig sind, wobei sich darin ein archaisches Führungskonzept widerspiegelt, denn in einer Sippe traute man Männern mit diesen Merkmalen eher Führungsqualität zu.
  • Übergewicht: Übergewichtige Menschen werden weniger positiv bewertet als schlanke, denn man unterstellt ihnen eine geringere Disziplin und Leistungsmotivation.
  • Akzent: Menschen mit starkem Akzent werden meist weniger positiv bewertet als solche, die akzentfrei sprechen.

Nach DeCharms (1968) bedeutet, eine Person zu kennen, nicht, auf konstante Wahrnehmungsaspekte dieser Person zu reagieren, sondern vielmehr zu lernen, auf Grund der angesammelten Kenntnisse über die von der betreffenden Person ausgeübten Rollen und ihrer dispositiven Eigenschaften, wie Motive und Absichten, ihr Verhalten vorauszusagen. Einen anderen Menschen zu kennen, bedeutet somit nicht, ihn ein für allemal erfasst zu haben, sodass die Kenntnis einer anderen Person  einen ständig wechselnden, niemals endenden Prozess des Kennenlernens impliziert. Dabei spielen sowohl Aspekte des Wahrnehmens als auch des Erkennens eine Rolle, wobei weder der Wahrnehmende noch der Wahrgenommene, weder der Erkennende noch der Erkannte ein für allemal fixiert sind.

Nach neueren Untersuchungen schätzen Menschen die Innenwelt von anderen grob betrachtet zweidimensional ein, wobei die erste Dimension im weitesten Sinne Kompetenz, mithin Intelligenz, Wissen, die Fähigkeit zu planen, zu handeln und selbstkontrolliert zu sein, betrifft. Die zweite Dimension betrifft im weitesten Sinne dieEmotion, also die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, zu fühlen, sensibel zu sein und wahrzunehmen. Wenn Menschen jemandem ein hohes Ausmaß an Kompetenz attestieren, bescheinigen sie ihm häufig auch weniger Emotionsfähigkeit und vice versa, denn Menschen denken meist unwillkürlich, dass ein intelligenter, handlungssicherer und selbstkontrollierter Mensch nicht gleichzeitig auch sehr sensibel und gefühlvoll sein kann (Gray et al., 2011).

Literatur
deCharms, R. (1968). Personal causation. New York: Academic Press.
Gray, Kurt, Knobe, Joshua, Sheskin, Mark, Bloom, Paul & Barrett, Lisa F. (2011). More than a body: Mind perception and the nature of objectification. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 1207-1220.
Herkner, Werner (1990). Einführung in die Sozialpsychologie. Bern: Verlag Hans Huber.





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