Dissoziation

Der Begriff Dissoziation beschreibt laut Definition des DSM-IV die Unterbrechung der normalerweise integrativen Funktionen des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Identität oder der Wahrnehmung der Umwelt. Dissoziation im psychiatrischen und/oder psychotherapeutischen Sinne kann als ein Defekt der mentalen Integration verstanden werden, bei der eine oder mehrere Bereiche mentaler Prozesse vom Bewusstsein getrennt werden und unabhängig voneinander ablaufen (Abspaltung von Bewusstsein). Demgegenüber umfasst Konversion somatische, also sensorische und motorische Phänomene. Der französische Psychiater Pierre Janet verwendete als erster den Begriff Dissoziation, um psychische Prozesse zu beschreiben, die mit einem Auseinanderdriften und sich Trennen von  Bewusstseinsinhalten einhergehen.

In der Psychologie versteht man darunter vorwiegend den teilweisen oder völligen Verlust der normalen Integration von Erinnerungen an die eigene Vergangenheit, des Identitätsbewusstseins, der unmittelbaren Empfindungen sowie der Kontrolle von Körperbewegungen. Die Dissoziation ist dabei eine allgemeine menschliche Fähigkeit bzw. eine bestimmte Form der Erlebnisverarbeitung, die für manche Menschen auch von Vorteil sein kann. Bei schweren traumatischen Erlebnissen wie Missbrauch oder Vergewaltigung, die als besonders bedrohlich und angstmachend empfunden werden, kommt es zu diesem speziellen Prozess der Abspeicherung im Gedächtnis, d. h., Erinnerungen an das Bedrohliche werden vom Bewusstsein abgespalten, sodass ein Zugriff auf dieses implizite Gedächtnis nicht willentlich möglich ist. Erst durch Stimuli, die vom Betroffenen nicht steuerbar sind, können solche Erinnerungen oft erst viele Jahre später abgerufen werden.

Gesunde Menschen erleben Dissoziationen etwa wenn sie durch eine bestimmte Tätigkeit oder Aufgabe völlig in den Bann gezogen sind (Flow), sodass andere Wahrnehmungen, Sinneseindrücke oder Körperempfindungen nicht mehr in ihr Bewusstsein vordringen können (Absorption). Es entwickelt sich in solchen Situationen eine unsichtbare Wand, hinter der ein Teil des Selbst verschwindet, wobei das Bewusstsein in diesem Augenblick nicht in der Lage ist, die Gesamtsituation in einem kontinuierlichen zeitlichen Kontext und unter Erfassung aller Sinneswahrnehmungen zu integrieren. Auch Tagträume stellen einen solchen Zustand dar, in dem sich ein bestimmter Seinszustand gewissermaßen aus dem Alltagsbewusstsein abspaltet. Durch äußere und innere Reize wird unwillkürlich und nicht zielgerichtet gesteuert ein Gedankenstrom angeregt, ein psychischer Prozess, der nicht in die übrigen Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozesse integriert scheint und manchmal eine alternative Realität konstruiert.

Eine Dissoziation ist demnach also eine Spaltung des Bewusstseins, ein psychophysischenr Prozess, der gleichermaßen bei psychisch gesunden als auch bei psychisch kranken Menschen vorkommt. Ob eine Dissoziation als krankhaft eingestuft werden muss oder nicht, hängt von den Konsequenzen dieses Prozesses ab. Dissoziative Phänomene können im alltäglichen Leben gefunden werden, etwa Erscheinungen beim Einschlafen und Phantasiebilder. Im engeren, psychopathologischen Sinn versteht man unter dem Begriff der Dissoziation den teilweisen oder völligen Verlust einer normalen Integration, die sich auf Erinnerungen an die Vergangenheit, auf Identitätsbewusstsein und unmittelbare Empfindungen sowie auf die Kontrolle von Körperbewegungen bezieht. Das bedeutet konkret, dass die Erfahrung der Ganzheitlichkeit der eigenen Person und ihrer Kontinuität in der Zeit vorübergehend oder dauernd eingeschränkt, gestört bzw. verzerrt oder gar verloren gegangen ist. Eine Dissoziation des Bewusstseins bzw. des Selbsterlebens ist häufig an die Verarbeitung traumatischer Erlebnisse wie eines Schocks gebunden.

Manche Menschen kommen bei automatisch ablaufenden Handlungen oder bei hoher Konzentration in eine leichte Trance, d.h., sie können sich dann nicht mehr genau erinnern, was sie gerade getan haben. Auch Tagträume und Gedankenabschweifungen sind dissoziative Phänomene, die besonders in Ermüdungssituationen oder bei traumatischen Ereignissen aufteten, wobei es sich bei dieser Form der Dissoziation um eine Art Schutzfunktion handelt, den Betroffenen vor überflutenden negativen Erfahrungen und Gefühlen zu schützen. Die Dissoziation wird im therapeutischen Prozess manchmal auch intentional eingesetzt, indem die KlientInnen sich gleichsam von außen betrachten.

Die Psychoanalyse sieht in der Dissoziation eine Form der Abwehr, in der Selbstschutz und Integrität durch Selbstverdopplung gewährleistet werden sollen, was bedeutet, dass ein unversehrter Selbstanteil neben dem traumatisch geschädigten weiterexistieren kann. In einer traumatischen Situation führt Dissoziation beim Erlebnis eines Widerspruchs zwischen einer bedrohlichen Situation und den individuellen Möglichkeiten zur Bewältigung dieser Bedrohung – wobei das Widerspruchserlebnis mit den Gefühlen der Hilflosigkeit einhergeht – zu einem innerliche Weglaufen, denn wenn jemand nicht weglaufen kann, muss er dissoziieren. Diese Problematik findet man häufig schon in frühester Kindheit, denn vor allem kleine Kinder haben in der Regel nicht diese Möglichkeit zur Flucht, wobei je früher und intensiver ein Trauma, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Bewusstsein multipel manifestiert, wobei es der Psyche darum geht, einen Teil des Selbst zu retten, indem der andere abgespalten wird.

In der Soziologie versteht man unter Dissoziation die Trennung bestimmter Werte und Normen von Gruppierungen bzw. Schichten.

Beim Tanz, insbesondere beim Tango, versteht man darunter die Trennung von Oberkörper und Unterkörper bei der Ausführung von Bewegungen.

Auch beim Spielen eines Schlagzeugs oder der Orgel ist diese Dissoziation notwendig, um mit den Gliedmaßen unterschiedliche Rhythmen spielen zu können.

Dissoziieren bedeutet ganz allgemein betrachtet „abspalten“ oder „trennen“, sowohl im naturwissenschaftlichen als auch im Sprachgebrauch in der Psychologie bzw. Psychiatrie. Es gibt psychsche Erkrankungen, bei denen Menschen seelisch schmerzhafte Erlebnisse hatten, etwa sexueller Natur, dass sie sich innerlich in verschiedene Personen abspalten „müssen“, um psychisch überleben zu können. Diese Erkrankung nannte man früher multiple Persönlichkeitsstörung, während der jetzt gebräuchliche Begriff dissoziative Störung ist.





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