Mathetik

Mathetik ist eine notwendige Korrektur des gedankenlos
verabsolutierten Prinzips der Didaktik:
dass Lernen auf Belehrung geschähe.
Hartmut von Hentig

Mathetik ist ein schon von Comenius verwendeter didaktischer Begriff, bei dem nicht die Lehre und die dadurch bedingte Aufgliederung eines Stoffes, sondern das Lernen der Kinder im Vordergrund steht. Üblicher Weise wird in der Didaktik vom Lehren und Lernen gesprochen und damit der Auffassung Vorschub geleistet wird, dass das, was ordentlich gelehrt wird, auch schon gelernt ist. Mathetik wechselt paradigmatisch die Seiten und betrachtet reformpädagogisch Lehren und Lernen radikal von den Kindern, also den Lernenden aus und wendet sich kategorisch gegen alle fachdidaktischen Überlegungen.

Mathetik betrachtet etwa schulisches Lernen aus dem Blickwinkel des Schülers und charakterisiert das Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden als symmetrisch und herrschaftsfrei, d. h., Schüler und Lehrer stehen auf einer Ebene. Didaktik und Mathetik besitzen daher eine politische Dimension, da sie wesentlich zur aufgeklärten Gleichberechtigung, und damit zur Entscheidungsfreiheit und Entscheidungssicherheit der Mitglieder demokratischer Gesellschaften beitragen und einer Emotionalisierung sowie Radikalisierung nachhaltig entgegenwirken.

Mathetik verstanden als Gegenpol zur lehrerorientierten Didaktik schließt das unterrichtliche Voranschreiten vom konkreten zum formalen Operieren ein und relativiert die in der lernzielorientierten Didaktik dezidierte Evaluation dahingehend, dass eine punktgenaue Lernzielkontrolle häufig nicht möglich und auch nicht sinnvoll ist. Mathetik impliziert also ein konstruktivistisches Verständnis von Lernen, das dieses als aktiven, selbstorganisierenden Prozess versteht, bei dem die je eigenen Wirklichkeiten des Individuums von diesem konstruiert werden. Mathetik bezieht eine ganzheitliche Sichtweise des Schülers mit ein, wobei es auf den Begriff der Ganzheitlichkeit der Ganzheitstheorie zurückgreift, die im Sinne einer humanistischen Persönlichkeitstheorie zu verstehen ist. Diese sieht jede einzelne Handlung des Menschen im Zusammenhang mit seiner Gesamtpersönlichkeit und erkennt alle Erfahrungen, die er mit sich und seiner Umwelt macht, als umfassendes Erleben und integratives Zusammenwirken.

Im Mittelpunkt mathetischen Denkens etwa in der Freinet-Pädagogik stehen die Kinder, ihre Ausdauer, sich mit etwas zu beschäftigen, ihre jede Konvention beiseite lassenden Gedanken und Theorien über die Welt, ihre Auffassungsgabe, ihre individuelle Lerngeschwindigkeit, ihre Neugier. Schule kann nach der Freinetschen Auffassung auch ganz anders organisiert sein und funktionieren, als das üblicherweise der Fall ist. In der Schule sollte das Prinzip der Selbstorientierung der Schüler die Richtschnur sein und statt eines Kanons vorgeschriebener und festgelegter Inhalte solltw gelernt werden, was die Schüler lernen wollen und was sie interessiert. Dabei wird auf Jahrgangsstufen verzichtet und damit vor allem auf die vergleichbare Qualifizierung der Kinder, wodurch das Konkurrenzprinzip in der Schulstruktur kein besonderes Gewicht erhält, was auch durch einen Verzicht auf die herkömmliche Leistungsbewertung unterstrichen wird, das letztlich freies, unbelastetes Lernen verdirbt. Neben Freinet fordern auch die Reformpädagogen, Neurologen und Konstruktivisten die traditionelle Schulstruktur der real existierenden Schule so zu verändern, dass Schüler selbsttätig lernen können und Lernen ohne Lehren gelingt.

Mathetik wendet sich gegen eine technisierte Unterrichtsvorbereitung und gegen ein lehrerzentriertes Durchziehen des Unterrichts und fordert, immer wieder einen Perspektivenwechsel vorzunehmen und das bewusste, strukturierte Lehren im Unterricht stets ganzheitlich vom Lernen des Schülers aus zu betrachten. Daraus folgt für die Lehrenden, sich einem relativistischen Standpunkt zu verpflichten und zu einer Haltung aufgefordert zu sein, die die eigenen Beurteilungen stets in Frage stellt. In der Konsequenz heißt das, Lehren vor allem als strukturiertes, umfassendes Angebot an den Lernenden zu sehen, das nicht nur auf der Inhaltsebene sondern auch auf der Beziehungsebene abläuft. Damit beinhaltet es einerseits das Lernen selbst und spricht andererseits nicht nur die Kognition, sondern auch Emotion, Motivation und Volition der Lernenden an.

Anmerkung: In einer geöffneten Schule und in einem geöffneten Unterricht sind unterschiedliche reformpädagogische Ansätze vereint. Als gemeinsamer Nenner liegt allen Formen eine starke Beteiligung von SchülerInnen an der Planung und Realisierung ihres Lernens und schulischen Lebens , sowie ein Abau von Lehrerzentriertheit zu Grunde. Dabei ist das Ziel, Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, dass sie selbst Fragen stellen, ihre Fragen finden und lernen , diese zu beantworten. In der Praxis sind die Formen der Öffnung immer nur Teil der pädagogischen Realität und gekoppelt mit geschlossenen Phasen.

Quellen

Schreger, Christian &  Göndör, Jürgen (o.J.). Welt-ABC.
http://schulpaed.de/de/mathetik.html (12-03-08)
http://de.wikipedia.org/wiki/Mathetik (12-03-08)




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