Stottern

Stottern ist die häufige Unterbrechungen des Sprechablaufs durch Wiederholungen von Lauten und anderen Teilen eines Wortes und ist eine Sprachbehinderung, die meist im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, seltener auch später beginnt. Ein Großteil der stotternden Kinder verliert die Störung bis zur Pubertät, wobei danach eine vollständige Remission unwahrscheinlich bis unmöglich ist, jedoch eine Besserung meist mit Hilfe einer Therapie möglich ist. Man vermutet, dass im Gehirn stotternder Menschen ein Areal verändert ist, das die Sprechmuskulatur koordiniert, doch nur wer eine Veranlagung zum Stottern hat, wird diese Sprachstörung entwickeln, denn vergleicht man eineiige und zweieiige Zwillinge, die jeweils gemeinsam aufwachsen, so ist die Wahrscheinlichkeit bei eineiigen Zwillingen viel höher, dass auch der zweite Zwilling stottert. Auch für das Stottern vermuten Forscher ähnlich wie bei Taubheit eine multigenetische Vererbung, allerdings ob sich die genetische Veranlagung (in etwa 70 Prozent) durchsetzt, ist zum einen davon abhängig, wie ausgeprägt der Gendefekt ist, aber andererseit auch von traumatisierenden Erlebnissen, die den Beginn des Stotterns auslösen.
Typischerweise tritt Stottern das erste Mal im Alter von zwei bis vier Jahren auf, also dann, wenn Kinder beginnen, komplexere Sätze zu formen. Kinder haben oft Probleme, ihre Sprachprobleme selber zu erkennen, was an der auditiven Rückkopplung liegt, denn sie hören in der Regel nicht so schnell wie Erwachsene, erkennen fehlerhaftes Sprechen nicht als solches und haben daher wenige Möglichkeiten gegenzusteuern. Bei einem Großteil der Kinder wächst sich das Stottern wieder aus, mit oder ohne Therapie, doch bei bis zu einem Viertel von ihnen entwickelt sich eine chronische Sprachstörung. Je länger Stottern bei Kindern unbehandelt bleibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich manifestiert und dann chronisch wird. Anzeichen dafür sind Mitbewegungen, das Zusammenkneifen der Augen oder das Verziehen des Gesichts, was mit der Zeit immer mehr zunimmt.
Eltern sollten daher in jedem Fall zu einem Arzt oder Logopäden gehen, sobald sie Veränderungen in der Sprache ihrer Kinder bemerken, da das Gehirn bei Kindern noch plastisch, also veränderbar ist, kann eine Sprachtherapie in frühem Alter besonders viel ausrichten. Die Prognose, bei welchen Kindern das Stottern wieder vergeht und bei welchen es ein Leben lang bestehen bleibt, ist heute unmöglich. Vor allem unter Stress steigt das Risiko, denn Stotterer müssen sich sowohl auf das Sprechen als auch den Inhalt gleichzeitig konzentrieren.
Bei den Therapiemethoden für das Stottern unterscheidet man mehrere Richtungen: das „Fluency Shaping“, d.h., die Veränderung der Sprechweise sowie die „Stottermodifikation“, die Veränderung des Stotterns selber und den mentalen Ansatz. Die Methode der Veränderung der Sprechweise nimmt Anleihen aus Gesangs-, Atem- und Stimmtechnik zielt auf das Erlernen einer neuen Sprechweise ab. Der Modifikationsansatz zielt primär darauf ab, die stotternde Sprechweise anzunehmen, mit ihr leben und sie explizit modifizieren zu lernen. Die Vorgehensweise ist verhaltenstherapeutisch angelegt. Der mentaler Ansatz hat seinen Ursprung im Leistungssport, wobei das Sprechen angstfrei in geordneten Bahnen neu und natürlich gelernt werden soll, um die alten Stotterstrukturen zu verlernen.
Therapien, die besonders schnelle Besserung versprechen, funktionieren selten im Alltag, d.h., besser sind Verfahren, die zuerst etwas länger brauchen, aber dafür langfristig den Umgang mit der Sprachstörung im Alltag erleichtern und dem Stotternden die Möglichkeit geben, ein normales Leben zu führen.
Alle Behandlungsformen erfordern daher von den Betroffenen und Angehörigen Geduld und Ausdauer, denn einmal erlernte Techniken müssen immer wieder geübt werden. Bei stotternden Kindern werden in einem indirekten Ansatz die Sprechfreude durch Sprach- und Bewegungsspiele, Entspannungs- und Dialogübungen gefördert, d.h., die Kinder werden bewusst nicht mit ihrer Sprachbehinderung konfrontiert, sondern es soll in Zusammenarbeit mit den Eltern ein angstfreies und ruhiges Sprechen ermöglicht werden. Ein direkter Ansatz setzt mit spielerischen und altersgemäßen Übungen unmittelbar an der Sprechweise und den Stottersymptomen an, d.h., die Kinder lernen, wie sie ihr Sprechen beherrschen und sich bei Sprechblockaden entspannen können. Praktisch alle Behandlungsformen sollen auf die Begleitsymptome des Stotterns wie Vermeidungsverhalten und Sprechangst eine positive Wirkung haben und das Selbstwertgefühl der Betroffenen steigern.

Wie Neef et al. (2011) gezeigt haben, findet bei Stotterern die Koordination im Gehirn zwischen Hören und geplanten Bewegungen in einem anderen Areal statt als bei Nichtstotterern. Man spielte in dem Experiment Stotternden und Nichtstotternden einen regelmäßigen Takt vor, wobei die Probanden den Takt mit dem Finger nachklopfen mussten, während man verschiedene Gehirnbereiche mit transkranieller Magnetstimulation störte. Dabei zögerten Menschen, die seit der Kindheit stockend sprechen, beim Taktklopfen, wenn der rechte prämotorische Cortex, in dem die Vorsteuerung des Bewegungszentrums stattfindet, irritiert wurde. In diesem Bereich verbindet das Gehirn Hörsignale mit der Bewegungsplanung, während das bei Menschen ohne Sprechstörung auf der linken Hirnseite stattfindet. Bei Stotterern ist offensichtlich der linke prämotorische Kortex weniger leistungsfähig, sodass die rechte Seite einspringt.

Quellen
STUTTGARTER ZEITUNG vom 26.02.2011
Neef, N.E., Paulus, W., Neef, A., von Gudenberg, A.W. & Sommer, M. (2011). Reduced intracortical inhibition and facilitation in the primary motor tongue representation of adults who stutter. Clin Neurophysiol., 122(9), 1802-1811.





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