Weisheit

Weisheit stellt sich nicht immer mit dem Alter ein.
Manchmal kommt auch das Alter ganz allein.
Jeanne Moreau

Erfahrung ist eine nützliche Sache.
Leider macht man sie immer erst kurz nachdem man sie brauchte.
Johann Wolfgang von Goethe

Die Erfahrung ist wie eine Laterne im Rücken:
sie beleuchtet stets nur das Stück des Weges, das wir bereits hinter uns haben.
Konfuzius

Ob ein Mensch klug ist, erkennt man an seinen Antworten.
Ob ein Mensch weise ist, erkennt man an seinen Fragen.
Nagib Mahfuz

Die Kunst der Weisheit besteht darin zu wissen, was man übersehen muss.
William James

Auf dem Hintergrund der Kybernetik zweiter Ordnung entsteht das Potential zur Weisheit, wenn die Gebundenheit eines Systems an solchen Unterscheidungen, d.h. an irgendwelchen Vorstellungen von sich selbst bzw. der Welt entfällt. Das System identifiziert sich dann mit seinem Eigenwert, der die Eigenschaft hat, sich unabhängig von Unterscheidungen zu stabilisieren (Diagonalisierung).
In einer amerikanischen Studie von Igor Grossmann et al. (im Druck) wurden mittels Telefoninterviews von 247 TeilnehmerInnen aus den Altersgruppen 25 bis 40, 41 bis 59 und über 60 Jahren, die Strategien verschiedener Altersgruppen bei der Konfliktlösung untersucht. Es zeigte sich, dass Menschen über 60 Jahre im Vergleich mit Jüngeren deutlich mehr Eigenschaften aufweisen, die in der psychologischen Literatur als Aspekte von Weisheitgelten, etwa die Fähigkeit, in einem Konflikt verschiedene Blickwinkel einzunehmen, Verständnis für unterschiedliche Werte und Ansichten aufzubringen, den Einsatz für Kompromisslösungen oder die Erkenntnis, dass menschliche Einschätzungen immer mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind, da ihnen nur begrenzte Informationen zur Verfügung stehen. Die Antworten der ProbandInnen auf verschiedene Konfliktszenarios wurden von Wissenschaftlern, die das Alter der Antwortenden nicht kannten, beurteilt, wobei die über 60-Jährigen durchgängig höhere Werte erhielten. Zusätzlich ließen die Forscher die Antworten noch einmal von Experten beurteilen, die sich beruflich mit der Lösung von Konflikten auseinandersetzen, wie beispielsweise von Geistlichen, Richtern und Psychotherapeuten. Die Weisheit der Älteren war weitgehend unabhängig von der Intelligenz, der Bildung oder dem sozioökonomischen Status, d.h., die beteiligten Akademiker waren nicht weiser als die Befragten ohne solche Ausbildung. Vermutlich ist die Weisheit der Älteren neben ihrer größeren Lebenserfahrung auch dadurch bedingt, dass sie eine größere Distanz zu Konflikten gewonnen haben und weniger emotional involviert sind.

weisheit


Psychologie der Weisheit – Judith Glück, Professorin für Entwicklungspsychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt, im Interview

Was sind die Aufgaben und Ziele der Weisheitsforschung, welche Personen würde sie selbst als weise bezeichnen und wie kann sich jeder selbst der Weisheit ein Stück annähern? Nach Ansicht von Judith Glück hat Weisheit sehr viel mit Wissen zu tun hat, und zwar nicht mit Buchwissen, sondern einem auf Lebenserfahrung basierenden Wissen, denn die Auseinandersetzung mit schwierigen Lebenserfahrungen kann weise machen. Zur Weisheit gehört auch Selbstreflexion, denn ein weiser Mensch wird nie von sich sagen, dass er diese Dinge ungeheuer gut kann, weil er sich vielleicht mehr als ein anderer dessen bewusst ist, was er alles nicht kann. Glück nimmt an, dass es fünf Merkmale gibt, die weise Menschen auszeichnen. Zunächst eine allgemeine Offenheit, d. h., keine Angst vor neuen Ideen, Veränderungen, Sichtweisen haben, sondern diese als spannend und positiv sehen. Damit verwandt ist die Sensitivität für eigene Gefühle, denn wer bereit ist, sich anzuschauen, was er selbst empfindet, kann viel lernen. Man muss viele Fragen an sich selbst stellen: Was macht mir Angst? Wo habe ich Schwächen, die ich nicht so gern sehe? Diese zu erkennen hilft einem, mit den eigenen Gefühlen besser umzugehen, mit sich ins Reine zu kommen und sich weiterzuentwickeln. Das Gegenstück dazu ist drittens die Empathie, also die Gefühle und Sichtweisen anderer wahrzunehmen und wichtig zu finden. Eine zentrale Ressource ist auch die Reflektivität, also die Bereitschaft, Dinge in ihrer Komplexität zu sehen, und schließlich die Fähigkeit, Unkontrollierbarkeit auszuhalten, was Menschen mit zunehmendem Alter lernen, denn viele Dinge passieren einfach und es gibt Grenzen, was man kontrollieren kann. Im Grunde stimmt es, dass Weisheit statistisch gesehen eher mit dem Alter kommt, weil man dann Lebenserfahrung über die Zeit schon angesammelt hat. Und auch, weil gerade das Altern diese Unkontrollierbarkeitserfahrungen mit sich bringt, wobei es oft Krisen und Konflikte sind, da diese die eigene Weltsicht durcheinanderwerfen. Wenn Laien weise Menschen beschreiben, betonen sie eine gewisse Gelassenheit, eine Freude am Leben, selbst wenn jemand auch sehr viel Negatives erlebt hat.


Literarisches zur Weisheit

Ich wäre gerne auch weise.
In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

Aus dem Gedicht „An die Nachgeborenen, I“ von Bertolt Brecht, entstanden zwischen 1934 und 1938, am 15. Juni 1939 in „Die neue Weltbühne“ (Paris) veröffentlicht.


Literatur
Grossmann, I., Na, J., Varnum, M. E.W., Park, D. C., Kitayama, S. & Nisbett, R.E. (in press). Reasoning about Social Conflicts Improves into Old Age. Proceedings of the National Academy of Science.
PNAS, Onlinevorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1001715107).
Die Presse, Print-Ausgabe vom 21. Jänner 2017.
Bildquelle: http://paedpsych.jku.at:4711/LEHRTEXTE/Goorhuis98c.html





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