Counterdependenz

Unter Counterdependenz (manchmal auch Counter-Dependenz oder Konterdependenz) versteht man eine gegen eine andere Person gerichtete Haltung, die aber auf Grund der Konstellation in sich gleichzeitig auf einer Abhängigkeit der Betroffenen beruht. Typische Beispiele sind etwa Drogensüchtige und Angehörige, Kraftwerks-Gegner und Kraftwerks-Betreiber bzw. Staat, Arbeitgeber und Gewerkschaften, Eltern und ihre pubertierenden Kinder. Siehe dazu auch die Phasen der Abhängigkeit in der Kindheitsentwicklung, unter denen die Phase der Counterdependenz eine wichtige Rolle spielt.

In sozialen Gruppe können vor allem Führungspersonen durch offensichtliche aber auch nur  vermeintlichen Provokationen Widerstand, also Counterdependenz auslösen. Dabei ist die Auseinandersetzung mit Autoritäten für die Entwicklung eines sozialen Systems meist wichtig und kann dadurch einen Gruppenprozess vorantreiben, jedoch können auch Resignation, eine gewisse Lähmung und Ohnmachtsgefühle entstehen. Diese Gefühle treten insbesondere dann auf, wenn sich eine Gruppe gegenüber der Autorität nicht einig werden kann, bzw. diese als zu stark oder zu überzeugend wahrgenommen wird.

In Trainingsgruppen kann man vor allem in den Verhandlungen zur Überwindung der Phase der Counterdependenz erkennen, dass die Wahrnehmung der Beteiligten sehr selektiv ist, denn während kritisierbare Äußerungen der TrainerInnen stets sehr genau registriert werden, sind die Beschreibungen des Prozesses meist nur sehr rudimentär erinnerbar. Dabei entwickeln Gruppen oft einen sehr gesunden Widerstand gegen unverarbeitbare Irritationen, vor allem, wenn sie als Beschreibungen nicht zutreffen. Dann antwortet die Trainingsgruppe mit offener Kritik und stellt sich bewusst gegen die Trainer, bzw. wenn ihnen dieser bewusste Widerstand noch als unbewusster Vorgang (Widerstand als Schutz gegen das Auftauchen von Verdrängtem) gedeutet wird, so wehren sie sich nochmals oder ziehen sich resigniert zurück, da Trainingsgruppen kein optimaler Ort für psychoanalytische Deutungen darstellen. Ein brauchbarer Umgang mit dem Thema Autorität und den sich daran manifestierenden Wünschen nach Abhängigkeit und Ablösung, um ein Phase der annähernden Interdependenz zwischen Trainern und Gruppe zu erreichen, ist nach Dalheimer (2000) ohnehin notwendig, um möglichst viel von den Prozessen und Strukturen in der Gruppen sehen und beeinflussen zu können. In slchen Verhandlungen können vor allem Co-Trainer eine zentrale Rolle spielen, wenn sie verfügbare Rivalen sind und sich gleichzeitig abgrenzen können. Laufen sie zu schnell in die Gruppe über, dann sind sie als Kampf- und Koalitionspartner nicht mehr brauchbar, verstecken sie sich jedoch hinter dem Trainer, dann bleiben sie selbst unerreichbar. Ein Weg, das Thema in der Gruppe nachhaltig zu unterdrücken, ist das Festhalten an einer möglichst gleichbleibenden Beziehung zu den TrainerInnen.

Eine in einer Trainingsgruppe gemeinsam erlebte und durchgestandene Conterdependenz, die an der Negation der Autorität sich ihr Gruppenerlebnis schafft, aktiviert höchste Gefühlsintensität. Die Gruppe erlebt dabei ihre Selbstbefreiung, wobei die Auseinandersetzung mit der Autorität das Hier und Jetzt, die besondere Situation der Gruppe, an der alle teilhaben, sich mit der lebensgeschichtlichen Erinnerung eines jeden einzelnen Gruppenmitgliedes vereinigt. Denn in irgendeiner Form hat jeder bereits Erfahrungen mit Autorität gemacht und sein eigenes Verhältnis zu ihr bestimmen müssen. Eine kollektive Conterdependenz ist meist von einer Dichte und Intensität, wie sie sonst kaum erlebt wird, denn die Gruppe erfährt  zunächst eine rein emotionell gesteuerte Solidarität, Trainer und Trainerin sehen sich u. U. Hassgefühlen und Vernichtungswünschen gegenüber, die sie trotz Modellkenntnis natürlich nicht unbewegt lassen. Kollektive Conterdependenz macht in der Regel Angst, wobei die Gruppe selbst, hin- und hergeschleudert zwischen Freude über Widerstandsfähigkeit, Selbstbefreiungserleben und Schuldgefühlen, nun ihr agiertes Gemeinschaftserleben hat, das aber in sich zusammenbrechen würde, wenn ihm nicht eine differenzierte Aufarbeitung folgte. In dieser von den Trainern angeleiteten Aufarbeitung wird den GruppenteilnehmerInnen ermöglicht, ihre Gefühle und Eindrücke zur Situation kundzutun, die nun durch die vorhergehende kollektive Erfahrung miteinander in Beziehung zu bringen sind. In Verbindung damit lassen sich auch individuelle Berichte über den generellen Autoritätsumgang einbringen, wobei es auch dem Trainer bzw. der Trainerin nun möglich ist, über seine Erlebnisse zu berichten. Das wird meist auch deshalb verstanden und angenommen, weil man als Gruppenmitglied wohl selbst nicht genau weiß, was man mit seiner Heftigkeit angerichtet hat. Man wollte vielleicht nur die Rolle und die Funktion treffen und muss nun bemerken, dass hinter dieser sich auch eine Person verbirgt, und diese ist auch betroffen und verletzlich. Conterdependenz in einer Trainingsgruppe zwingt dadurch förmlich zu einer Personifizierung der alten Autorität, und jeder Trainer bzw. jede Trainerin bemerkt an der eigenen Gefühlslage, ob es sich um eine wirkliche Conterdependenz oder nur um ein spielerisch-tastendes Geplänkel gehandelt hat.

Literatur
Dalheimer, V. (2000). Das Modell von der Dependenz – und seine aktuelle Valenz.
WWW: http://www.oeggo.at/ngcms/htdocs/resources/downloads/dalheimer_vroni_Dependenz.pdf  (07-03-05)
Heintel, Peter (Hrsg.) (2006). betrifft: TEAM. Dynamische Prozesse in Gruppen. Opladen.

 





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