Vergessen

Ein gutes Gedächtnis gilt für viele Menschen als eine der Kernkompetenzen für sozialen und beruflichen Aufstieg, aber auch für Kulturfähigkeit, d. h., nach dieser Maxime ist Erinnern für den Menschen gut, Vergessen aber schlecht. Vergessen ist jedoch eine wichtige Form der Anpassung, um dem Gedächtnis zu helfen, nur die Dinge zu behalten, die wirklich relevant sind. Auch hilft das Vergessen dabei, dass man weniger abgelenkt ist und sich besser konzentrieren kann. Vergessen ist daher auch eine positive Eigenschaft des Gedächtnisses, denn einige wenig Menschen ohne diese Kompetenz hatte Probleme mit der Bewältigung des Lebens, etwa wie der Mathematiker John von Neumann, der alles, was er gelesen hatte, danach memorieren konnte. Als Sechsjähriger konnte er achtstellige Zahlen im Kopf dividieren, d. h., er besaß ein fotografisches Gedächtnis, das ihm später erlaubte, den Inhalt einer Buchseite nach einem kurzen Blick darauf präzise wiederzugeben. Vergessen zu können ist daher auch ein evolutionärer Vorteil, denn das Versinken des wenig Relevanten, des Unangenehmen, bereitet den Boden für eine individuelle Zukunftsorientierung bzw. ermöglicht den Menschen überhaupt, in voller Denkfähigkeit im Hier und Jetzt zu leben.

Es ist daher wichtig, dass sich die Repräsentationen im Gehirn ständig verändern, und zwar durch etwa fünf Updates pro Sekunde, denn so aktualisiert das Gehirn ständig die Einstellungen zu den Kontexten, mit denen man sich aktuell befindet. Wenn Menschen daher Probleme haben, sich in manchen Situationen an bestimmte Dinge zu erinnern, ist das bis zu einem gewissen Grad normal, denn das menschliche Gedächtnis ist eben kein festes Gebilde, sondern die Verknüpfungen zwischen den einzelnen Gedächtnisinhalten ändern sich permanent, wobei neues Wissen eingebaut und alte Gedächtnisinhalte überarbeitet oder in den Hintergrund gedrängt werden. Allein wenn man eine Erinnerung abruft, entstehen dadurch neue Verbindungen im Gehirn, sodass man sich im Grunde nie zweimal an genau dasselbe erinnern kann. Wenn man auf bestimmte Gedächtnisinhalte nicht zugreifen kann, hat das verschiedene Ursachen. In manchen Situationen nehmen Emotionen und die aktuelle Umgebung Einfluss auf das Erinnerungsvermögen, etwa wenn man die Kellnerin eines häufig besuchten Lokals auf der Straße trifft und einem der Name partout nicht einfallen will. Auch Stress oder Müdigkeit können zu einem geminderten Erinnerungsvermögen führen, wobei diese in der Regel die kognitiven Fähigkeiten nur für eine begrenzte Dauer beeinträchtigen, denn ist die belastende Situation oder die Müdigkeit vorbeit, arbeitet auch das Gedächtnis wieder ohne Probleme. Großer Flüssigkeitsmangel erzeugt unter Umständen sogar Verwirrtheitszustände, was vor allem auf ältere Menschen zutrifft. Auch Krankheiten und Medikamente schwächen nicht nur den Körper sondern oft auch das Erinnerungsvermögen. Depressionen, Diabetes, Fieber, Infektionen, Demenzerkrankungen oder krankheitsbedingte Durchblutungsstörungen des Gehirns beeinträchtigen ebenfalls das Gedächtnis. Neben Medikamenten können auch Drogen und Alkohol das Gedächtnis nicht nur kurzfristig beeinträchtigen, sondern das Gehirn sogar dauerhaft schädigen.

Über das, was im Gehirn passiert, wenn wir vergessen, gibt es im Wesentlichen zwei Theorien, von denen die Theorie des Spurenverfalls besagt, dass die Gedächtnisspur einfach mit der Zeit verblasst und verschwindet, während die zweite Theorie  davon ausgeht, dass wir vergessen, indem neue Eindrücke die alten Gedächtnisspuren überlagern und so den Zugriff auf alte Erinnerungen erschweren – Interferenztheorie. Die Theorie von der Überlagerung oder Störungen durch neue Informationen erklärt das Vergessen insgesamt besser, d.h., Vergessen ist in den meisten Fällen ein „Verlernen“ durch neu hinzukommende, aktuellere Inhalte, wobei das Verlernen für ein Individuum lebensnotwendig ist. Lernen und Verlernen sind zwei zusammengehörige Fähigkeiten und notwendig zur laufenden Anpassung und Bewältigung einer sich wandelnden Umwelt.
Vergessen geschieht nach neuesten Forschungen im Gehirns chemisch dadurch, dass Sternzellen die Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen umschließen, wobei sie über einen cannabisähnlichen Stoff den Nervenzellen auf chemischem Weg die Anweisung geben, weniger Signale auszutauschen, worauf hin die Verbindung zwischen den Zellen schwächer wird, und die gespeicherte Information allmählich  verloren geht.

Übrigens sind Menschen im Vergleich zu manchen Tieren nicht besonders gut mit Merkfähigkeit (Langzeitgedächtnis) ausgestattet, denn so erinnern sich Häher bis an zu 30000 Futterverstecke, und zwar über Monate hinweg. Auch in Bezug auf das Kurzzeitgedächtnis sind etwa Schimpanse gegen jeden Menschen überlegen, wie der bekannte Memory-Versuch zeigte, denn ein Schimpanse merkt sich die Lage von Zahlen auf einer Bildschirmfläche für lange Zeit viel besser, als Menschen das je könnten. Dies ist auf ein ausgesprochen gut entwickeltes eidetisches Gedächtnis zurückzuführen.

Es gibt übrigens Menschen, die nichts vergessen können – siehe dazu die Ausschnitte aus dem Interview mit Jill Price, einer Frau, die sich an alles in ihrem Leben erinnern kann.

Unterhaltsames: Frauen sind immer erstaunt, was Männer alles vergessen. Männer sind erstaunt, woran Frauen sich erinnern. Peter Bamm

Literatur
Stangl, W. (2011). Das Vergessen.  [werner stangl]s arbeitsblätter.
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/GEDAECHTNIS/Vergessen.shtml (11-05-02)
http://psychologie-news.stangl.eu/356/ueber-das-vergessen-und-das-erinnern (12-04-21)





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