Bossing

Bossing ist die psychische Aggression eines Vorgesetzten gegen eine Person im eigenen Betrieb, wobei in der Regel die schikanierte Person erkrankt Gehaltskürzungen in Kauf nehmen und genau das machen muss, was der oder die Vorgesetzte letztlich will, nämlich kündigen. Ein solches feindseliges Führungsverhalten (abusive supervision) sind vor allem aggressive verbale und nonverbale Handlungen, die ein Vorgesetzter gegenüber MitarbeiterInnen zeigt, wobei körperliche Übergriffe nicht dazuzählen. Typische Verhaltensweisen sind dabei, wenn der Vorgesetzte jemanden zum Sündenbock für ein Problem macht, einen Wutausbruch bekommt, herumschreit oder einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin vor seinen KollegInnen herabsetzt und demütigt. Bossing ist eine spezielle Form des Mobbings, bei dem ebenfalls Psychoterror am Arbeitsplatz ausgeübt wird. Oft wird das Opfer vor dem Team öffentlich lächerlich gemacht es wird der oder dem Betroffenen Arbeit gegeben, die nicht bewältigt werden kann, dem Team wird signalisiert, dass die Person zum Abschuss frei gegeben worden ist, der Vorgesetzte entzieht der Person Privilegien (z.B. den direkten Zugang zu wichtigen Stellen oder Informationen), schikaniert, demütigt, unterstellt Fehler, drangsaliert oder stichelt.

Nach einer Studie ist die zentrale Ursache für Bossing – also das Mobben der Mitarbeiter durch Vorgesetzte – meist mangelndes Selbstbewusstsein, denn im selben Ausmaß, in dem sich ein Vorgesetzter unsicher und inkompetent fühlt, steigt auch seine Aggressionsbereitschaft gegenüber den MitarbeiterInnen. Wer eine machtvolle Position hat, braucht mehr als alle anderen das Gefühl, kompetent und stark zu sein, denn er muss Anforderungen und Erwartungen erfüllen. Wenn jemand nicht mit dieser Selbstsicherheit ausgestattet ist, legt er sich eine besonders harte Fassade zu. Liegt hinter dieser Fassade Unsicherheit, fühlen sich Vorgesetzte schnell angegriffen. Meist reagieren Vorgesetzte auf den vermeintlichen Angriff mit einem Gegenangriff und neigen so zum Bossing. Um gegen diese spezifische Aggression in Machtpositionen am besten vorzugehen, kann man dem verunsicherten Vorgesetzten bezüglich seiner Kompetenzen schmeicheln. Doch das funktioniert nur kurze Zeit. Untersuchungen (Garcia et al., 2014) zeigen, dass Vorgesetzte diese Aggressionen in ihren Herkunftsfamilien gelernt haben. Je mehr familiäre Aggressionen von Führungskräften selbst erlebt hatten, desto größer war die Feindseligkeit der Vorgesetzten. Offensichtlich werden die Rollenmodelle in der Herkunftsfamilie mitgenommen, denn Vorgesetzte, deren Eltern sich häufig befehdeten, übernahmen langfristig deren Verhalten, aber auch ihre Gedanken und Gefühle in Konfliktsituationen.

Frank Ochmann berichtet in stern.de unter dem Titel „Rüpelnde Chefs kosten Millionen“ von einer Untersuchung, die Christine Porath und Christine Pearson durchführten, dass von 9000 interviewten Beschäftigten 96 Prozent selbst schon einmal rüde angegangen worden, und 99 Prozent beobachtet hatten, wie andere es mit rüpelnden, diskriminierenden oder einfach nur unhöflichen Chefs zu tun bekommen hatten. Ein solches Verhalten hat nicht nur für die Betroffenen schwerwiegende Folgen, denn kaum etwas ist so belastend für Menschen wie die Erfahrung von Respektlosigkeit, wo sie Respekt mit allem Recht erwarten dürfen, wobei auch die Gesundheit darunter nachhaltig leiden kann. Weitere Folgen: „94 Prozent der Beleidigten rächen sich direkt an denen, die ihnen unhöflich oder sonst wie grob begegneten, 88 Prozent schädigen als Vergeltung das Unternehmen, in dem sie schlecht behandelt wurden: 48 Prozent reduzierten absichtlich die Arbeitsleistung, 47 Prozent die Arbeitszeit und 38 Prozent die Qualität der Arbeit, an der sie gerade sitzen. 80 Prozent verlieren zudem Arbeitszeit, weil sie die Begebenheit ihrer Demütigung innerlich noch lange beschäftigt und 63 Prozent, weil sie dem aus dem Weg gehen, der sie beleidigt hat. So gut wie immer leidet aber nicht nur das Verhältnis zum leitenden Übeltäter. 78 Prozent der Betroffenen fühlen sich nach einem derartigen unangenehmen Vorfall insgesamt weniger mit ihrem Unternehmen verbunden. Und für 12 Prozent bleibt am Ende nur noch ein Ausweg: die Kündigung.“

2011 war einer Pressemeldung zu entnehmen, dass  in Österreich der Oberste Gerichtshof erstmals rechtskräftig festgestellt hat, dass seelische Qualen Körperverletzungen sind und dem Opfer Schmerzensgeld zusteht. Wichtige Grundlage war ein neuropsychiatrisches Gutachten, das den Zusammenhang zwischen der seelischen Erkrankung einer Arbeitnehmerin und den Mobbing-Attacken ihres Chefs eindeutig bestätigt.  Schon das Landesgericht und das Oberlandesgericht Graz sprachen der Angestellten, die monatelang unter den Schikanen, Verleumdungen und Bedrohungen ihres Chefs gelitten hatte, Schmerzensgeld in Höhe von 5900 Euro zu.

Siehe dazu das Arbeitsblatt Bossing.

Literatur

Garcia, Patrick Raymund James M., Restubog, Simon Lloyd D., Kiewitz, Christian, Scott, Kristin L. & Tang, Robert L. (2014). Roots Run Deep: Investigating Psychological Mechanisms Between History of Family Aggression and Abusive Supervision. Journal of Applied Psychology, 99, 883-897.
http://www.stern.de/wissen/mensch/kopfwelten-ruepelnde-chefs-kosten-millionen-1585102.html (10-07-20)
OÖN vom 20. August 2011





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