Andorra-Effekt

Der Andorra-Effekt ist ein Begriff aus der Sozialpsychologie, der besagt, dass sich Menschen oft an die Beurteilungen und Einschätzungen ihrer sozialen Umgebung anpassen und dies unabhängig davon, ob diese  korrekt sind oder nicht. Der Effekt beschreibt damit eine Form einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung, da sich eine Person mit der Zeit genau so verhält, wie man es ihr die ganze Zeit vorausgesagt hat, und vermutlich ohne diese Vorhersage aber nicht getan hätte. Oft sind es Erwartungen, die man in andere setzt, die deren Verhalten nachhaltig beeinflussen:  „Man wird so, wie man beurteilt wird“, ist die Kurzformel, auf die dieser Beurteilungsfehler gebracht werden kann. Bemerkungen wie „Du wirst das nie lernen“, sind unter Umständen schicksalshafte Feststellungen. Erfolgt die Verhaltensbeeinflussung ausschließlich durch die Erwartungen einer konkreten Autoritätsperson (etwa eines Vorgesetzten, Lehrers, Arztes oder Versuchsleiters), spricht man eher vom Rosenthal- oder Pygmalion-Effekt.

Aus der Sicht der betroffenen Person bedeutet der Andorra-Effekt, dass man sich nicht mehr zu dem bekennt, was man ist, sondern allmählich zu dem wird, wozu man im Vorurteil von anderen gemacht worden ist, d. h., der Andorra – Effekt ist die Bekräftigung des Vorurteils, indem man das zugeschriebene Verhalten annimmt. Wenn etwa ein Elektrikerling neu in einem Betrieb anfängt und der Meister traut diesem neuen Mitarbeiter vor allem in diesem Alter noch keine Erfahrung und Fähigkeiten zu, schreibt er ihm jeden Handgriff genau vor. Nach einiger Zeit ist der Lehrling selbst der Ansicht, dass er eigentlich unfähig ist, selbständig zu arbeiten, und erledigt seine Arbeiten nur noch so wie der Meister sie vorgibt, wodurch er das Bild des Meisters bestätigt, dass er zu keinem selbständigen Arbeiten in der Lage ist.

Benannt wurde der Effekt nach dem Drama Andorra des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, das von Andri handelt, einem jungen Mann, der von seinem Vater unehelich mit einer Ausländerin gezeugt wurde und deshalb von diesem als jüdischer Pflegesohn ausgegeben wird. Die Bewohner Andorras begegnen Andri permanent mit Vorurteilen, so dass er, selbst nachdem er seine wahre Herkunft erfahren hat, an der ihm zugewiesenen jüdischen Identität festhält. Nach und nach übernimmt Andri die negativen Eigenschaften, die den Juden in Andorras Gesellschaft nachgesagt werden. Es folgt schließlich seine Ermordung durch ein rassistisches Nachbarvolk. Nachdem die Andorraner alles geschehen ließen, rechtfertigen sie ihr Fehlverhalten und ihre Feigheit vor dem Publikum und leugnen ihre Schuld.





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