Kategorisierung – Kategorienbildung

Kategorisierung oder Kategorienbildung bezeichnet in der Psychologie den Prozess, Objekte in Untergruppen oder Begriffsklassen einzuteilen. In der Sozialpsychologie gilt die Kategorisierung als eine Ursache für die Entstehung von Stereotypen.

Kategorisiert werden im Alltag dabei nicht nur Tiere, Gegenstände oder Gedanken, kategorisiert wird auch soziales Verhalten oder Merkmale von Menschen, die soziales Verhalten beeinflussen können, und auch solche Kategorien verfestigen oder ändern sich durch Lernprozesse. Menschen besitzen eine bestimmte Vorerwartung, sie haben ein bestimmtes Schema und Muster, die Schubladendenken auslösen. Dieses Schubladendenken bzw. Kategorisieren hilft Menschen im Alltag, wenngleich mit der Zeit die Flexibilität verloren geht, insbesondere wenn man dadurch kaum mehr neue Erfahrungen machen kann. Wie gut Schubladendenken funktioniert, hängt unter anderem vom Alter und wahrscheinlich von der Plastizität des Gehirns ab, aber auch von den konkreten Inhalten, die das Gehirn in Kategorien verteilen muss. Solche Inhalte verändern sich mit dem Alter und der individuellen Lebenssituation und werden erlernt.

Beim wissenschaftlichen Kategorisieren hingegen wird versucht, eine große Menge an Elementen, die durch gleiche Merkmale gekennzeichnet sind, zusammenzufassen, denn so bilden zum Beispiel alle Personen mit einem Universitätsabschluss die Kategorie AkademikerInnen.

Vor allem bei der Inhaltsanalyse werden Kommunikationsinhalte jeder Art nach festgelegten Regeln in Kategorien klassifiziert. Bei der quantitativen Inhaltsanalyse werden für jede Dimension Analysekategorien entwickelt, denen das vorliegende Material zugeordnet werden kann. Auf dieser Basis erfolgt die statistische Auswertung, z. B. als Gruppen- und Zeitvergleich. Die qualitative Inhaltsanalyse bezieht auch Kommunikationsinhalte, die nicht explizit ausgesprochen werden, in die Analyse ein. Durch eine systematische Interpretation wird die inhaltliche Bedeutung von Aussagen ermittelt, ohne das Material auf quantifizierbare Aussagen zu reduzieren. Dabei wird zunächst nach Sichtung des Materials ein System von Kategorien festgelegt, anhand dessen durch die interpretativen Techniken der Zusammenfassung, Explikation und/oder Strukturierung Aussagen aus dem Text herausgefiltert werden.

Beispiel das Ablaufmodell deduktiver Kategorienbildung nach Mayring (2000):

Fähigkeit zur Kategorisierung

Die Fähigkeit zur Kategorisierung ist ein wesentlicher Entwicklungsschritt in der kognitiven Entwicklung eines Kindes:


[Quelle:www.youtube.com/embed/tYtNk0BotRE]

Kategorienbildung bei Säuglingen erfolgt im Schlaf

Im Schlafen ist das menschliche Gehirn zwar weitgehend vom Informationsfluss aus den Sinnesorganen abgeschnitten, viele Areale sind aber während des Schlafes besonders aktiv, denn das Gehirn ruft im Schlaf zuvor Erlebtes noch einmal ab und festigt so neue Gedächtnisinhalte, indem es diese in die bestehende Gedächtnisstruktur integriert. Dabei werden Verbindungen zwischen Nervenzellen verstärkt, neu geknüpft oder auch abgebaut, was vor allem im Säuglings- und Kleinkindalter von Bedeutung ist.
In einem Experiment (Friedrich, Wilhelm, Born &  Friederici, 2015) erhielten während einer Lernphase Säuglinge  Bilder von Fantasie-Objektenpräsentiert und hörten gleichzeitig den Objekten zugeordnete Fantasie-Namen, wobei manche Objekte einander ähnelten und lediglich in ihren Proportionen, in den Farben oder bestimmten Details variierten. Dabei erhielten ähnlichen Objekte immer den gleichen Namen. Die folgenden ein bis zwei Stunden verbrachte die Versuchsgruppe von Säuglingen schlafend im Kinderwagen, während die Kontrollgruppe diese Zeit wach auf einer Spazierfahrt im Kinderwagen oder spielend im Untersuchungszimmer verbrachte. In der anschließenden Testphase zeigte man den Kindern noch einmal Bild-Wort-Paare, dieses Mal sowohl in den gleichen Kombinationen wie in der Lernphase als auch in neuen Kombinationen und maß dabei die Gehirnaktivität. Die Analyse zeigte, dass die Kinder in der Lernphase die Namen der einzelnen Gegenstände gelernt hatten, und zwar unabhängig von ihrem Alter. Anders sah es mit der Kategorisierungsfähigkeit aus, denn am Ende der Lernphase konnten die Kinder neue Objekte noch nicht den bereits mehrfach gehörten Namen ähnlicher Objekte zuordnen. Die Gehirnaktivität während der späteren Testphase unterschied deutlich zwischen den Kindern, die im Anschluss an die Lernphase geschlafen hatten, und denen, die wach geblieben waren. Während die wach gebliebenen Kinder die Namen für die einzelnen Objekte vergessen hatten, behielten die Kinder der Schlafgruppe die Objekt-Wort-Zuordnungen im Gedächtnis, aber auch die Kategorisierungsfähigkeit der Kinder unterschied sich deutlich, denn jene Kinder, die unmittelbar nach der Lernphase geschlafen hatten, ordnen neuen Objekten die Namen von Objekten mit ähnlichem Aussehen zu, was sie vor dem Schlaf noch nicht konnten , wobei auch die wach gebliebenen Kinder dazu nicht in der Lage waren. Die Kategorien wurden offensichtlich also während des Schlafes gebildet, sodass man daraus den Schluss ziehen kann, dass Schlaf maßgeblich das Erinnerungsvermögen schon im kindlichen Gehirn bestimmt, also in einer Phase, in der das Gedächtnis massiv aufgebaut wird. Während das wache Gehirn der Kinder neu gelernte Benennungen schnell wieder vergisst, werden im Schlaf die Wörter jedoch dauerhaft mit den Objekten verknüpft und prägen sich ein. Wenn das Gehirn wie im Schlaf von äußeren Einflüssen weitegehend abgeschnitten ist, kann es offenbar seine Erfahrungen ordnen und neue verallgemeinernde Gedächtnisinhalte bilden, sodass im Gehirn aus Erlebtem Wissen entsteht.

Prototyp-Strategie vs Ausnahme-Strategie

Für die Kategorienbildung wenden Menschen verschiedene Strategien an, wobei es Gehirnareale gibt, die besonders aktiv sind, wenn eine bestimmte Kategorisierungsstrategie angewendet wird. Wenn man Objekte anhand eines Prototyps einordnet, ist der linke Gyrus fusiformis aktiv, ein Bereich des Gehirns, der für das Erkennen abstrakter Objekte zuständig ist – Prototyp-Strategie. Beim Abgleichen mit konkreten Beispielen einer Kategorie wird hingegen der rechte Hippocampus aktiviert – Ausnahme-Strategie, also ein Areal, das eine wichtige Rolle spielt, wenn Erinnerungen gespeichert und abgerufen werden. Will man etwa herausfinden, ob ein bestimmtes Tier in die Kategorie „Vogel“ passt, nimmt man gemäß der Prototyp-Strategie zunächst einen allgemeinen, abstrakten „Vogel“ als Vergleich her, wobei dieser die wichtigsten Merkmale der Kategorie aufweist, also etwa Schnabel, Flugfähigkeit oder Federn. Wenn jedoch eine Ausnahme, wie ein Strauß oder ein Pinguin, kategorisiert werden muss, funktioniert diese Strategie nur schlecht, sodass man die Ausnahme-Strategie ergreift, die ein Tier mit einer Vielzahl an verschiedenen und ganz unterschiedlich aussehenden Beispielen vergleicht, die bereits der Kategorie zugeordnet wurden. Dadurch können auch die entfernten Verwandten einer Kategorie richtig zugeordnet werden. Obwohl die Aktivierungsmuster im Gehirn zeigen, dass beide Strategien von unterschiedlichen Gehirnarealen gesteuert werden, vermuten man dennoch, dass zwischen beiden Lernmustern ein komplexes Wechselspiel besteht, denn die Ergebnisse deuten darauf hin, dass für beide Strategien jeweils eigene Areale im Gehirn zuständig sind, dass aber im Verlauf des Lernens sich der Rhythmus der Aktivierung der beiden Arealen angleicht (Lech et al., 2016). Mit Hilfe der Magnetresonanztomografie untersuchte man experimentell das Schubladendenken bei Menschen, indem diese die Zuordnung von Elementen erlernen mussten, etwa Kreise mit bestimmten Farben, also dass dieser Kreis in die Familie A, dieser Kreis in die Familie B gehört. Darunter war aber auch ein Kreis, der noch zur Familie A gehört, aber wie ein uneheliches Kind der Familie B aussah, d. h., der Kreis hatte viel mehr Ähnlichkeit zur ersten Familie. Wie lernt nun das Gehirn die einfache Zuordnung und wie lernt es die Ausnahme? Das Gehirn aktiviert für die Einteilung der Umwelt in Kategorien drei Areale des Gehirns, wobei sich zeigte, dass die Fähigkeit zum Schubladendenken keineswegs bei allen Menschen gleich ausgeprägt ist. Ältere Menschen haben übrigens größere Probleme mit dem Kategorisieren, während Jüngere ausgesprochen fit beim Einteilen der Welt in Schubladen waren. Da dieser Prozess unentwegt und automatisch abläuft, besitzt er für das Gehirn offensichtlich eine große Bedeutung.

Literatur
Friedrich, Manuela, Wilhelm, Ines, Born, Jan & Angela D. Friederici (2015). Generalization of word meanings during infant sleep. Nature Communications, doi: 10.1038/ncomms7004.
WWW: http://www.nature.com/ncomms/2015/150129/ncomms7004/full/ncomms7004.html (15-01-28)
Lech, Robert K., Güntürkün, Onur & , Boris (2016). An interplay of fusiform gyrus and hippocampus enables prototype- and exemplar-based category learning. Behavioural Brain Research, 311, 239–246.
Mayring, Philipp (2000). Qualitative Inhaltsanalyse. Forum Qualitative Sozialforschung. On-line Journal.
WWW: http://qualitative-research.net/fqs/fqs-d/2-00inhalt-d.htm (01-11-26)
Stangl, W. (2007). Inhaltsanalyse, content analysis. [werner  stangl]s arbeitsblätter.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/FORSCHUNGSMETHODEN/Inhaltsanalyse.shtml (07-09-19)





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