Autismus

Autismus hat wenig mit Intelligenz zu tun, denn theoretisch ist jedes Intelligenzniveau bei den Betroffenen zu finden, doch bei etwa drei Viertel findet man eine testmäßig überprüfbare Intelligenzminderung. Im Gegensatz zu einer geistigen Behinderung liegt ein qualitativ anderer Entwicklungsverlauf vor, der sich vor allem in der Beeinträchtigung der zwischenmenschlichen Beziehungen äußert. Betroffene Kinder können keine Beziehung aufbauen, aber auch ihre Phantasie ist oft schwer beeinträchtigt. Manche Kinder zeigen eine verzögerte oder prompte Echolalie, aber auch wenn die sprachlichen Fähigkeiten weitgehend normal scheinen, ist der nonverbale Anteil oft unangemessen ausgeprägt.

1. Definition
“Autismus von E. Bleuler (1911) in die Psychatrie eingeführte Bezeichnung für psychotische (meist schizophrene) Persönlichkeitsstörungen, die durch extreme Selbstbezogenheit und Insichgekehrtheit sowie durch phantastisch-traumhaftes, frei-assoziatives und affektiv-impulsives Denken und Sprechen gekennzeichnet sind; später auch auf ähnliche nichtpsychotische Verhaltensformen ausgedehnt“ (Brockhaus, 1987, S. 401).

2. Definition
„Die autistischen Störungen werden aufgrund ihres wesentlichen Merkmals, als schwere qualitative Veränderungen in der Entwicklung bestimmter Verhaltensbereiche, als ‚tiefgreifende Entwicklungsstörungen’ bezeichnet. Man gebraucht den Begriff ‚autistische Störung’, da es sich um Störungen in einem breiten Verhaltensspektrum handelt“ (Kusch & Petermann, 1991, S. 15).

3. Definition
„Beim autistischen Syndrom handelt es sich gemäß allgemein akzeptierter Definition um eine schwere Verhaltensstörung, die sich insbesondere als tief greifende Kontakt- und Beziehungsstörung äußert. Sie beginnt in der frühen Kindheit und erreicht den Höhepunkt der typischen Symptome offensichtlich zwischen dem fünften und achten Lebensjahr“ (Lösche, 1992, S. 3).

4. Definition
„Demnach wird hier unter Autismus ein Zustand verstanden, der von Eigenempfindungen beherrscht wird und in dem sich die Aufmerksamkeit fast ausschließlich auf Körperrhythmen und – empfindungen richtet. Objekte der äußeren Welt werden zwar beachtet (offenbar häufiger sogar aufmerksam und minutiös); doch wird bei näherer Betrachtung klar, daß sie als Teile des Körpers oder als ihm doch sehr eng verbunden betrachtet werden,äußerenPersonen oder Dingen wird selten eine gesonderte Existenz zugestanden. Statt dessen werden sie als Erweiterung der körperlichen Aktivitäten aufgefasst, und zwar im Rahmen sinnlicher, vor allem taktiler Erfahrungen mit ihnen, kurz, bei Autismus handelt es sich um einen Zustand, in dem Erfahrungen weder nennenswert differenziert noch objektiviert ist“ (Tustin, 1989, S. 13f).

5. Definition
„Die vorliegende Untersuchung verdeutlicht, daß die Verhaltensweise autistisch gestörter Kinder – als Resultat einer Störung des Zusammenspiels von Assimilation und Akkomoldation – nicht als statische Symptome eines Krankenbildes, sondern als Teil und Ausdruck eines unter spezifischen, unterschiedlich ausgeprägten Beeinträchtigungen ablaufenden Sozialisationsprozesses zu verstehen sind“ (Wilmert, 1991, S. 3f).

Eine mögliche Ursache für Autismus liegt in der Synapsenfunktion

Damit Gehirnzellen kommunizieren können, müssen ihre Kontakte untereinander funktionieren, wobei das Eiweißmolekül Neuroligin-1 eine wichtige Rolle spielt, da es die notwendigen Reifungsprozesse an den Synapsen stimuliert. Ein voll funktionsfähiger Kontakt kommt nämlich nur dann zustande, wenn sich Sender und Empfänger der Information am Reifungsprozess beteiligen, d.h., wird kein Neuroligin-1 gebildet, bleiben die Nervenendigungen in unreifen Stadien und setzten weniger Botenstoff frei, der Informationsfluss ist somit gestört. Nach neuesten Forschungen vermutet man, dass eine Störung dieser Synapsenreifung an der Entstehung von Autismus beteiligt sein könnte.

Genetische Ursachen

Ob Individuen autistische Verhaltensweisen entwickeln oder nicht, hängt nach neuesten Forschungen an Mäuseembryonen auch von der Gehirnentwicklung ab, denn ein veränderter Genabschnitt auf dem X-Chromosom (“Fragiles X-Syndrom”) kann dazu führen, dass sich schon im Mutterleib wichtige Verbindungen zwischen Gehirnzellen nicht richtig entwickeln. Diese vererbbare Genvariante tritt bei einer von 8000 Frauen und einem von 4000 Männern auf, wobei Menschen mit diesem Syndrom schon als Kinder und Jugendliche auffälliges Verhalten entwickeln. Konkret schrecken sie vor Körperkontakt zurück und sehen anderen nicht in die Augen, umarmen die Eltern nicht und reagieren überempfindlich auf Berührung und Lärm.

Selbsterkenntnis bei Autisten gestört

Autistische Menschen scheinen sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen, aber dabei interessiert sie die eigene Person ebenso wenig wie die Menschen in ihrer Umgebung. Durch bildgebende Verfahren entdecken Wissenschaftler der Universität von Cambridge, dass autistische Gehirne kaum aktiv werden, wenn sie zur Selbstreflexion aufgefordert werden. Michael Lombardo et al. (2009) untersuchten die Hirnaktivität von Menschen mit und ohne autistische Störung, indem sie alle Probanden dazu aufforderten, über eigene Meinungen, Vorlieben oder äußerliche Besonderheiten nachzudenken. Danach sollten die Versuchsteilnehmer nach denselben Kriterien über eine andere Person reflektieren. Bei den gesunden Probanden reagierte der präfrontale Cortex intensiver, wenn sie über sich selbst nachdachten als über eine dritte Person, bei den Autismuspatienten hingegen blieb die Gehirnregion aber gleichermaßen inaktiv, ob sie nun über sich selbst oder eine dritte Person nachdenken sollten. Ein autistisches Gehirn verarbeitet selbstbezogene Informationen offensichtlich nicht wie ein normales. Im Umgang mit anderen Menschen ist es allerdings wichtig, Informationen über das eigene Ich und über andere auf die gleiche Art und Weise zu verarbeiten

Kim Peek, das Vorbild des Rain Man

2009 starb das Gedächtnis-Genie Kim Peek im Alter von 58 Jahren, dessen außergewöhnlichen intellektuellen Fähigkeiten als Vorlage für den Autisten im Film “Rain Man” dienten. Peek war kurz nach seiner Geburt 1951 als behindert und geistig zurückgeblieben eingestuft worden, doch mit 16 Monaten begann Kim Peek zu lesen und Bücher wie alle Shakespeare-Dramen und das Alte und Neue Testament auswendig zu lernen. Eine Gehirnuntersuchung ergab, dass bei Peek das Corpus callosum fehlte, die als Gedächtnisfilter dient, wodurch Peek etwa 98 Prozent all dessen, was er las, hörte oder sah, im Gedächtnis behalten konnte. Peek war extrem schüchtern und zurückgezogen und hielt sich am liebsten in Büchereien auf, wo er Literatur verschlang. 1984 lernte ihn Drehbuchautor Barry Morrow kennen, der danach das Drehbuch für den Film “Rain Man” schrieb. Bis zu seinem Tod hatte Peek etwa 9000 Bücher komplett auswendig gelernt, und er verfügte über eine große Tiefe und Breite an Wissen und Erinnerung.

Verwendete Literatur
Brockhaus-Enzyklopaedie (1987). Deutsches Woerterbuch. Mannhein: Verlag Brockhaus.
Kusch, M. & Petermann, F. (1991). Entwicklung autistischer Stoerungen, 2. erweiterte Auflage. Bern, Stuttgart, Toronto: Verlag Hans Huber.
Loesche, G. (1992). Entwicklung autistischer Kinder in den ersten dreieinhalb Lebensjahren. Weinheim: Verlag Psychologie Verlags Union.
Tustin, F. (1989). Autistische Zustaende bei Kindern. Stuttgart: Verlag Klett-Cotta.
Wilmert, H. (1991). Autistische Stoerungen. Frankfurt am Main, Bern, New York, Paris: Verlag Perter Lang.
Ohne Autor (2009). Autismus: Kein Interesse am Ich.
WWW: http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gehirn/news/
autismus-kein-interesse-am-ich_aid_462870.html (09-12-14)
Michael V. Lombardo, Bhismadev Chakrabarti, Edward T. Bullmore, Susan A. Sadek, Greg Pasco, Sally J. Wheelwright, John Suckling, & Simon Baron-Cohen (2009). Atypical neural self-representation in autism. Brain, doi:10.1093/brain/awp306. Brain scanning study reveals that the brains of people with autism are less active when engaged in self-reflective thought.
WWW: http://brain.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/awp306v1(09-12-14)

http://www.medizinische-fakultaet-hd.uni-heidelberg.de/

Institut-fuer-Anatomie-und-Zellbiologie.102626.0.html (10-01-02)

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