Multitasking
Der Begriff Multitasking kommt aus dem Computer-Bereich und wird seit geraumer Zeit auch auf Menschen angewendet, d.h., man spricht von guten oder schlechten Multitaskern. Das menschliche Gehirn ist von seinem Aufbau her für das Multitasking komplexer Tätigkeiten nicht geeignet, denn Menschen können nach eingehender Übung zwar anspruchslose und automatisierte Abläufe nebeneinander ablaufen lassen, doch qualifizierte Aufgaben können nur nacheinander erledigt werden. Ein Wechsel zwischen zwei Abläufen produziert aber auch in diese Fall stets Fehler und mehr Zeitaufwand, denn Menschen, die mehrere Informationsquellen zeitgleich nutzen wollen, können dann nicht mehr die wichtigen Informationen von den unwichtigen trennen, da die Aufmerksamkeit bei Informationsflut nur mehr breit und oberflächlich anstatt fokussiert und tief verteilt wird, vor allem weil dann Unwichtiges nicht mehr ignoriert wird, was aber bei einer erfolgreichen konzentrierten Tätigkeit notwendig ist.
Was Menschen als Multitasking erleben, liegt vermutlich an der Struktur des Arbeitsgedächtnisses, das sie in begrenztem Maße dazu befähigt, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen, jedoch ist es nur bei Routineaufgaben wie Turnübungen, Erdäpfelschälen, Kochen, Duschen oder Lesen möglich, dabei gleichzeitig die Gedanken schweifen zu lassen. Das Arbeitsgedächtnis unterstützt Menschen in ihren alltäglichen Planungen, denn während Routinetätigkeiten können die Gedanken zu aktuellen Problemen abschweifen, die nebenher durchdacht werden können. Dieser Gehirnspeicher sorgt schließlich auch dafür, dass man einen Text lesen kann, ohne am Satzende wieder den Satzanfang zu vergessen. Wenn man allerdings die Gedanken schweifen lässt, verbraucht man immer Ressourcen, sodass es zu dem bekannten Effekt kommt, dass man am Ende einer Lektüre möglicherweise gar nicht mehr weiß, was man eigentlich gelesen hat. Studien deuten darauf hin, dass gerade die Menschen, die beim Autofahren telefonieren, dies eigentlich nicht tun sollten, denn diejenigen, die am meisten multitasken, sind offenbar am wenigsten dazu fähig. Generell scheinen die meisten Menschen ihre diesbezüglichen Fähigkeiten zu überschätzen, denn siebzig Prozent erklärten sich für überdurchschnittlich gut. Den Daten zufolge neigen impulsive Menschen, die sich leicht langweilen, zum Multitasking.
In aufwändigen Experimenten wird zwar immer wieder versucht, nachzuweisen, dass Multitasking doch funktioniert, doch wenn man sich die Künstlichkeit der Aufgaben ansieht, dann kann man rasch erkennen, dass solche Ergebnisse nicht wirklich auf den Alltag übertragen lassen. Basler Psychologen ( Hoffmann et al., 2013) haben etwa in Experimenten gezeigt, dass eine kognitive Zusatzbelastung nicht automatisch zu einer schlechteren Urteilsleistung führt, sondern abhängig von der Wahl der Lösungsstrategie die Leistung sogar verbessern kann. Die ProbandInnen mussten in zwei Experimenten Urteilsaufgaben lösen, und zwar, basierend auf Merkmalen von Comicfiguren wie kurzes/langes Haar oder grünes/blaues T-Shirt, lernten die Teilnehmer abzuschätzen, wie viele Tiere die Figuren einfangen können. Die eine Aufgabe erlaubte, sich die Figur im Gedächtnis zu merken, die andere konnte nur über kognitiv anstrengende Regeln gelöst werden. Daneben wurden die Probanden mit Zusatzaufgaben abgelenkt. Nun zeigte sich, dass wer bei der ersten Aufgabe nicht versuchte, eine Regel zu abstrahieren, sondern sich die Figuren merkte, also gedächtnisbasiert arbeitete, diese Aufgabe sogar besser löste als jene, die keine Ablenkung zu bewältigen hatten, während die zweite Aufgabe nur besser von TeilnehmerInnen gelöst werden konnte, die trotz kognitiver Belastung noch Regeln abstrahieren konnten.
Siehe dazu Multitasking eine Illusion
Literatur
Hoffmann, J. A., von Helversen, B. & Rieskamp, J. (2013). Deliberation’s Blindsight: How Cognitive Load Can Improve Judgments. Psychological Science; DOI: 10.1177/0956797612463581.

