olfaktorische Wahrnehmung

Der Geruchssinn ist entwicklungsgeschichtlich einer der ältesten Sinne, denn keine andere Wahrnehmung empfinden Menschen so unmittelbar wie das Riechen. Während Sehen, Hören, Fühlen und Schmecken kognitive vorgefiltert werden, gelangen Geruchsinformationen unmittelbar ins Gehirn, da die Riechnerven direkt in die Nase reichen, wobei die Gerüche in annähernd der gleichen Gehirnregion wie Emotionen verarbeitet werden.

Das olfaktorische System ist dabei kein atavistischer Rest der menschlichen Evolution, sondern es erfüllt wesentliche Aufgaben, etwa indem es den Geschmackssinn der Zunge ergänzt, denn diese erkennt lediglich fünf Geshmacksrichtungen (süß, sauer, salzig, bitter, umami). Alles Übrige erledigt die Nase, das sind etwa achtzig Prozent der beim Essen und Trinken empfundenen Geschmacksnoten.

Der Riechsinn bzw. die olfaktorische Wahrnehmung ist eine der komplexesten Formen der Wahrnehmung, da sie eng mit dem Geschmackssinn interagiert. Riechen ist das komplexeste Sinnessystem, das Menschen überhaupt haben, denn sie besitzen 350 verschiedene Riechrezeptoren, an denen Duftmoleküle andocken können, wobei jeder Rezeptor auf ein bestimmtes Molekül spezialisiert ist. Die meisten Gerüche sind komplexe Kombinationen von Duftstoffen, d. h., jeder Duft kann aus 100 bis 150 Komponenten bestehen und erst wenn das Gehirn diese Kombinationen gelernt hat, kann es den Duft wiedererkennen.

Wie bei der haptischen Wahrnehmung geht man auch bei der olfaktorischen Wahrnehmung davon aus, dass sie dem Gehirn bei der visuellen Wahrnehmung als Merkmalsspeicher dient, denn so werden etwa überfüllte Mülltonnen automatisch mit unangenehmen Gerüchen verknüpft. Der Geruchsinn nimmt mit dem Alter ab, wobei etwa ein Drittel der über 70-Jährigen ihren Geruchsinn weitgehend verloren hat, was bedeutet, dass von diesen viele Erinnerungen, die an einen Duft gekoppelt im Gehirn gespeichert wurden, nicht mehr abgerufen werden können.

Die Nase sendet mit jedem Atemzug Informationen über den Menschen umgebende Düfte an das Gehirn, und zwar direkt an das Erinnerungs- und das Emotionszentrum, weshalb Düfte einen ungefilterten Zugang zu Gefühlen und Trieben erschließen. Im Unterschied zu den anderen Sinnesorganen verfügt es über eine direkte Beziehung zum Gehirn, sodass Duftreize ungefiltert zu Zentren weitergeleitet werden, die Gefühle und Gedächtnisinhalte steuern, d. h., ihre Wirkungen treten gleichermassen schnell wie unausweichlich ein. Gerüche werden ständig wahrgenommen und bestimmen die Stimmung des Menschen. Sie spielen auch in der Kommunikation eine wichtige Rolle. Personen, die wir nicht riechen können, kann man tatsächlich meist nicht leiden, auch dann nicht, wenn man sich dazu zwingt. Forscher konnten bei Tierversuchen zeigen, dass im Gehirn Netzwerke von Neuronen existieren, die eintreffende Geruchsinformationen bündeln und erst dann an andere Gehirnregionen weiterleiten, wobei durch diese Bündelung die Daten für die jeweils zuständigen Hirnareale leichter verständlich werden – es findet also eine Vorverarbeitung bzw. vielleicht sogar Vorinterpretation statt. Besonders gefordert wird der Geruchssinn, wenn sich Menschen ineinander verlieben bzw. bei der Partnerwahl. Der Geruchssinn ist in der Lage, genetische Individualität über den Geruch zu erkennen, denn ist das Immunsystem des Partners gegensätzlich, stärkt diese Paarung die eigene Abwehr und wird so präferiert. Der Geruch eines solchen Partners wird also meist unbewusst als positiv bewertet und die Chancen steigen, dass auch sonst die Chemie untereinander stimmt.

Wissenschaftler des Mainzer Instituts für Experimentelle Psychologie ließen fünfhundert Probanden in schwarzen Gläsern einen Riesling trinken, dessen Geschmack sie anschließend bewerten sollten, wobei die Verkostung  in einem völlig weißen Raum stattfand, der später farbig ausgeleuchtet wurde. Wurde der Raum in rotes Licht getaucht, schien der Wein ein intensives fruchtiges Aroma zu verströmen, schmeckte anderthalb mal süßer als bei blauem oder weißem Licht, und die Versuchspersonen waren bereit, pro Flasche einen Euro mehr zu bezahlen. Strahlten die Lampen grün, entfaltete der Wein ein apfelartiges Aroma, schmeckte äußerst sauer, und die Versuchspersonen erklärten, für ihn am wenigsten ausgeben zu wollen. Nicht besser wurde der Wein bei blauem Licht beurteilt, denn dann schmeckte er wie Wasser und hatte einen leicht bitteren Nachgeschmack. Erst bei gelbem Licht schmeckte der Riesling genau wie erwartet nach Pfirsich und Aprikose.

In Kaufhäusern oder Supermärkten wird die olfaktorische Kommunikation bewusst eingesetzt, um den Umsatz zu steigern, denn wer von draußen in einen Supermarkt kommt, wird meist von einem anregender Duft nach frischem Brot empfangen, d. h., der Bäcker wird meist gleich an den Markteingang positioniert. Häufig werden natürliche Zusatzstoffe mitgebacken, die den Duft nach frischen Backwaren noch verstärken. Mit diesen Marketingstrategien sollen Emotionen geweckt und das Unbewusste angesprochen werden. Der Duft nach frischem Brot erinnert viele Menschen an ihre Kindheit, wodurch generell die Stimmung steigt. Manche Supermärkte versprühten Orangen- oder Schokoladenduft über die Klimaanlage, denn mit solchen Düften erhält der Betreiber des Marktes oder Kaufhauses einen direkten Zugang zum Gedächtnis und zu positiven Erinnerungen. Ein Duft, der positive Erinnerungen im Gehirn aktiviert, schaltet rationale Barrieren teilweise aus, sodass unter Umständen mehr gekauft wird als beabsichtigt. Zur Weihnachtszeit löst der Geruch von Zimt und Tannennadeln bei Menschen umgehend positive, weil an Weihnachten erinnernde Emotionen aus, während das Parfum eines unsympathischen Menschen sofort eine ärgerliche Stimmung aufkommen lässt. Düfte steuern somit bewusst oder unbewusst Empfindungen und Verhaltensweisen in erheblichem Maße, sodass ohne Gerüche die Welt viel von ihrer Emotionalität verlöre.

Übrigens: Keine Zeit im Jahreskreislauf ist annähernd mit so vielen Gerüchen behaftet wie die Weihnachtszeit, wobei sich das olfaktorische Gedächtnis über Tannenreisig, Lebkuchen, Kerzen, Glühwein und Zimt definiert. Solche Geruchserinnerungen sind stark mit positiven Emotionen und positiven Erinnerungen verbunden, die sich in der frühen Kindheit ins Gedächtnis geprägt haben, da diese alljährlich gemeinsam mit diesen Gerüchen abgespeichert wurden.

Geruchstraining: Das Lernen von Düften

Nach Hanns Hatt, einem Geruchsforscher an der Ruhr-Universität Bochum, stimuliert Geruchstraining das menschliche Gehirn mehr als Gehirnjogging, denn das Lernen von Düften ist für das menschliche Gehirn sehr anspruchsvoll. Düfte sind die am dauerhaftesten abgespeicherten Informationen in unserem Gehirn, denn wenn man bewusst riecht und damit Emotionen und Erinnerungen zulässt, die ein Duft auslöst, dann werden viele verschiedene Zentren im Gehirn aktiviert, und zwar mehr als beim Gehirnjogging mit Zahlenspielen oder Sudoku.

Menschen, die ihren Geruchssinn aufgrund eines Unfalls oder einer Krankheit verloren haben, wünschen sich auch nichts sehnlicher, als wieder riechen zu können, selbst wenn es sich dabei um den Hinterhofgeruch einer Großstadt handeln sollte.

Quellen

http://arbeitsblaetter-news.stangl-taller.at/ bedeutung-des-geruchs-aus-psychologischer-sicht/ (14-12-12)
NZZ vom 19. Dezember 2016



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