Tastsinn

Der Tastsinn lässt sich in eine taktile (passive, das Berührtwerden) und haptische (aktive, das Berühren) Wahrnehmung unterteilen. Diese beiden Wahrnehmungsformen treten in der Regel in Verbindung mit anderen Sinneseindrücken auf, denn so haben haptische Erfahrungen direkten Einfluss auf die visuelle Wahrnehmung, wenn ein wahrgenommener Stein wird durch frühere haptische Eindrücke als kühl, schwer, hart und unzerbrechlich eingeordnet wird. Auch hat bei Menschen die über den Tastsinn wahrgenommene Temperatur direkten Einfluss auf das Wohlbefinden an einem bestimmten Ort, denn das Sitzen als auf sehr kalt oder sehr heiß wahrgenommenen Flächen wird in der Regel als unangenehm empfunden.

In der menschlichen Haut, den Gelenken, Muskeln und Sehnen befinden sich etwa 300 bis 600 Millionen Tastsinnesrezeptoren, die ermöglichen, dass man sich jederzeit über die Position unseres Körpers im Raum im Klaren ist. Tastsinnesrezeptoren sind in ihrer Form und Funktion vielfältig, so sind etwa die Vater-Pacini-Körperchen, die bis zu vier Millimeter lang und in der Haut, den Muskeln und den Sehnen zu finden sind. Mit ihrer Hilfe kann man Vibrationen der Umgebung wahrnehmen. Die Meissnerschen Körperchen sind rund 40 Mikrometer breit und 100 Mikrometer lang, und liegen direkt unter der Hautoberfläche. Die Fingerkuppen sind besonders reichlich mit diesen Rezeptoren ausgestattet, denn auf einem Quadratmillimeter findet man bis zu 24 Meissnersche Körperchen. Mit den Fingerkuppen kann man Oberflächenunterschiede von bis zu 4 Mikrometern wahrnehmen.

Nach Ansicht von Martin Grunwald ist der Tastsinn ein Lebensprinzip, denn nicht nur Babys haben das Bedürfnis, alles anzufassen, sondern auch für Erwachsene spielt der Tastsinn eine wichtige Rolle. Es werden Menschen blind oder taub geboren, aber ohne den Tastsinn ist noch niemand auf die Welt gekommen, und auch schon Einzeller haben ein Tastsinnessystem, denn um fliehen zu können oder für die Nahrungsaufnahme, benötigt der Einzeller ein Bewusstsein über die eigene Körperlichkeit. Mit Hilfe von Sensoren an seinen Grenzflächen registriert etwa die Amöbe, dass es ein Innen und ein Außen, den eignen Körper und die Welt außerhalb des eigenen Körpers gibt. Beim Menschen zeigt sich die Bedeutung schon während der Embryonalentwicklung, wobei der Tastsinn wesentlich früher als das auditive oder visuelle System funktioniert. In der achten Schwangerschaftswoche reagiert ein 2,5 Zentimeter großer Fötus auf Reize im Lippenbereich mit heftigen Bewegungen, und wenige Wochen später kann das Ungeborene Greifbewegungen ausführen, die Nabelschnur umfassen oder beginnt, am eigenen Daumen zu lutschen, d. h., schon im Mutterleib entdeckt der Fötus sich selbst. Er bewegt sich dort immer wieder an äußeren räumlichen Begrenzungen und weiß sehr sicher: das bin ich und da fängt die Außenwelt an, sodass durch die vorgeburtlichen Körpererfahrungen mit Hilfe des Tastsinnessystems eine Art neuronale Basismatrix entwickelt wird, die die Grundlage für alle anderen Sinne bildet, die sich später entwickeln. Menschen kommen bereits mit einem Körperschema auf die Welt, sie wissen genau, wie ihr Körper beschaffen ist, auch ohne visuelle Kontrolle. Für das Neugeborene sind Berührungsreize eine Art Lebensmittel, denn erfolgen sie nicht oder nur in geringem Umfang, kann das negative Auswirkungen auf die Entwicklung haben (Hospitalismus, Deprivation).

Der Tastsinn reift also in der menschlichen Entwicklung sehr früh und Säuglinge sind bereits vor der Geburt berührungs- und schmerzempfindlich, wobei in der Neugeborenenzeit die Neurone, die Schmerz-Information von der Peripherie zum Gehirn leiten, noch nicht voll differenziert im Rückenmark verschaltet sind. Ferner sind die afferenten Neuronen noch nicht hinreichend isoliert, so dass es vergleichsweise lange dauert, bis ein Schmerzreiz als solcher wahrgenommen und eine Reaktion darauf eingeleitet wird. Man vermutet aber, dass frühkindliche Schmerzerfahrungen, wie sie etwa von Frühgeborenen vermehrt gemacht werden, die Schmerzwahrnehmung nachhaltig prägen. Die besondere Bedeutung dieses Sinnes wird vor allem daran deutlich, dass sich Frühgeborene, die viel Zeit auf der Haut ihrer Eltern verbringen, besser entwickeln als eine Vergleichsgruppe ohne entsprechenden Hautkontakt. Das sogenannte Känguruhen und die damit einhergehende taktile Stimulierung stellen damit protektive Faktoren dar. Die hochsensitiven Neuronen in der Haut sind nicht nur für die Tast- und Wärmeempfindungen verantwortlich, indem Berührungen, Temperatur, Vibrationen oder Verletzungen an das Gehirn weitergeleitet werden, sondern die vielverzweigten Neuronen des taktilen Systems werten einige Informationen auch gleich selbst aus. Dabei werden etwa Informationen über die geometrische Form und Beschaffenheit des berührenden Impulsgebers selbst an Ort und Stelle berechnet. Wenn man mit der Fingerspitze über eine Oberfläche fährt, werden die Berührungsempfindungen auf unserer Haut also bereits von den Nervenzellen in der Haut vorverarbeitet, bevor sie das Gehirn überhaupt erreichen.

Manche Empfindungen der Haupt entstehen vorwiegend rational. Bekanntlich gibt es beim Menschen keine Rezeptoren, die dem Gehirn die Botschaft „feucht“ oder „nass“ übermitteln könnten. Wie Menschen dennoch zu dieser Empfindung kommen, wurde in mehreren Experimenten (Filingeri et al., 2014) untersucht. Dazu wurden Probanden mit kaltem, mit mittel temperiertem und mit warmem Wasser am Unterarm (behaart) und an den Fingerspitzen (unbehaart) konfrontiert, wobei sie gebeten wurden, das Ausmaß der Feuchtigkeit anzugeben. Die Probanden nahmen die Nässe bei kaltem Wasser deutlicher wahr, d. h., kaltes Wasser fühlt sich deutlich „nasser“ an als warmes Wasser. Wurden die Nervenbahnen mit einem Blutdruckmessgerät blockiert, dann waren die Männer weniger empfindlich, doch je mehr Haare sie auf den Hautpartien hatten, desto sensitiver waren sie. Was Menschen demnach als „Feuchtigkeit“ oder „Nässe“ empfinden, ist offensichtlich nur eine Wahrnehmungsillusion, d. h., man fühlt das, was man glaubt, fühlen zu müssen, was man durch Erfahrung gelernt hat und mit der Information „feucht“ oder „nass“ verbindet.

Experimente (Milenkovic et al., 2014) zu Sinnestäuschungen haben gezeigt, dass das Temperaturempfinden und das haptische Empfinden eng miteinander verknüpft sind, denn so scheint etwa eine kalte Münze in der Hand schwerer zu wiegen als eine warme. Temperatur- oder Thermorezeptoren befinden sich überall im Körper und in der Haut, und sie informieren das zentrale Nervensystem über die Temperaturverhältnisse des Körpers und der Außenwelt. In neueren Untersuchungen bei Mäusen, die in diesen Bereichen eine dem Menschen sehr ähnliche Gehirnstruktur aufweisen, wurden nachgewiesen, dass Informationen über die Temperatur und die Haptik eines Objekts in derselben Hirnregion, dem primären somatosensorischen Cortex, verarbeitet werden. Man entdeckte dabei auch, dass Zellen, die bisher als Schmerzrezeptoren angesehen wurden, auch Informationen über nicht schmerzhafte Temperaturreize weiterleiten, was die übermäßige Schmerzempfindlichkeit bei vielen neurologischen Störungen erklären könnte.

Angesichts einer Welt, in der schon die Kleinstkinder ständig mit Handy oder Tablet beschäftigt sind, läuten bei einem Haptiker alle Alarmglocken, denn es ist etwas vollkommen anderes, ob man eine Blume auf seinem Touchpad hervorzaubert oder ob man eine echte Pflanze anfasst. Die Welt wird begriffen, und wenn der Körper nicht mehr mit der Welt interagiert, wird das Folgen haben. Man muss daher beobachten, ob die soziale und die kognitive Entwicklung von Kindern nicht durch eine besondere Art der sensorischen Armut bestimmt wird, d. h., Schule, Bildung und das Aufwachsen allgemein benötigen einen haptischen Background, denn sonst funktioniert die elementarste Aneignungsform – das „Begreifen“ – nicht mehr.

Literatur
Filingeri, D., Fournet, D., Hodder, S. & Havenith, G. (2014). Why wet feels wet? A neurophysiological model of human cutaneous wetness sensitivity. Journal of Neurophysiology, 112, 1457-1469.
Nevena Milenkovic, Wen-Jie Zhao, Jan Walcher, Tobias Albert, Jan Siemens, Gary R. Lewin & James F. A. Poulet (2014). A somatosensory circuit for cooling perception in mice. Nature Neuroscience, 17, 1560–1566.
Pauen, Sabina & Vonderlin, Eva (2007). Entwicklungsdiagnostik in den ersten drei Lebensjahren. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.
http://www.spektrum.de/news/der-tastsinn-ist-ein-lebensprinzip/1302125 (14-07-25)



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