Schulverweigerung

Es gibt wohl kaum Menschen die noch nicht mit dem Thema „Schulangst“ in irgendeiner Form konfrontiert wurden. Dieser Zustand der erhöhten Anstrengung tritt in Österreich bei 20 % der Schüler auf. Man muss dabei zwischen Schulangst und Schulphobie unterscheiden, wobei die Ursachen für eine Schulphobie meist im familiären Umfeld liegen und etwa in einer zu engen Bindung zwischen Mutter und Kind zu suchen sind. Hinter der Schulphobie steht oft eine unartikulierbare Angst des Kindes vor einer Trennung, d.h., es ist beherrscht von der Vorstellung, dass etwas Furchtbares passieren könnte, während es sich in der Schule befindet.

Bei der Schulverweigerung handelt es sich um eine Form der Schulangst, bei der es sich im wesentlichen um ein Problem der persönlichen Haltung zur Arbeit bzw. Leistung handelt. Diese Kinder wirken nicht ängstlich, sondern eher desinteressiert, sie lehnen die Belastung durch die Schule ab und versuchen, ihr aus dem Weg zu gehen, entweder durch unerlaubtes Fernbleiben von der Schule ( Schulschwänzen) oder durch minimalen Einsatz in der Schule. Diese Verweigerung zeigt sich besonders bei jenen Kindern, die entweder durch eine verwöhnende oder durch vernachlässigende Erziehung keinen Übergang gefunden haben von ausschließlich spiel- und lustbetonten Beschäftigungen zu pflicht- und aufgabenbezogenem Handeln.

Eine Schulphobie hat daher nicht zwangsläufig etwas mit der Schule an sich zu tun, denn diese ist nur das Feld, in dem sich ein anderes, schwerwiegendes psychologisches Problem manifestiert. Die Bildungserwartungen und -ansprüche in unserer Gesellschaft sind enorm gestiegen, sodass die Schule einen hohen Stellenwert in der Familie einnimmt und ihre Beziehungen prägt, indem das Kind etwa auf seine Schülerrolle reduziert wird. Eltern, die kein anderes Bildungsziel als die Matura bzw. das Abitur gelten lassen, beobachten vom Tag der Einschulung an sehr genau das Ist und das Soll auf dem Weg dorthin, vergleichen ihr Kind kritisch mit seinen Alternsgenossen, verknüpfen Noten mit Belohnung und Bestrafung. Wenn dann aus welchen Gründen auch immer die schulischen Anforderungen, die Erwartungen der Eltern und die tatsächlich erbrachten Leistungen zu weit auseinander liegen, geraten die Kinder sehr rasch in einen bedrohlichen Konflikt. Kinder glauben auch häufig, sie müssen sich die Zuneigung ihrer Eltern mit einem guten Zeugnis verdienen, denn sie zweifeln daran, dass sie auch geliebt werden, wenn sie eine schlechte Schularbeit nach Hause bringen. Oft hängt wegen einer schlechten Leistung in der Schule der Haussegen über Tage hinweg schief, nicht selten beginnen die Eltern miteinander zu streiten. Solche Vorkommnisse erlebt ein Kind als existenzielle Frage, die sich körperlich auswirken können und oft buchstäblich auf den Magen schlagen. Nicht selten entsteht daraus ein Teufelskreis, denn ein ängstliches, verunsichertes Kind ist tatsächlich weniger leistungsfähig und aufnahmebereit, sodass der letzte Ausweg aus diesem Dilemma die Flucht vor der Schule darstellt – eine Schulphobie ist entstanden. Auch Probleme mit MitschülerInnen sind eine weitere wichtige Ursache für Schulängste, denn auch in der Klasse können Gruppenzwänge, bei denen ein Kind nicht mitmachen will oder kann eine veritable Belastung darstellen. LehrerInnen selbst können auch der Auslöser für Schulangst sein, wobei die Bedrohung, die ein Kind erlebt, auch damit zusammenhängen kann, dass es Aussagen ds Lehrers oder der Lehrerin falsch interpretiert hat.

Meistens kündigt sich die Schulangst langsam an, wobei die Symptomatik nicht sofort voll ausgeprägt ist, sondern man spürt, dass das Kind nicht ganz glücklich in der Schule ist. Wenn ein Kind immer wieder Entschuldigungen wegen Kopfweh oder Durchfall braucht und es daheim bleiben möchte,, dann verstärkt das lediglich den Fluchtmechanismus, ohne aber eine Perspektive zu bieten. Am wichtigsten ist es, mit dem Kind ins Gespräch zu kommen, was allerdings nicht auf Knopfdruck geht, sondern vorbereitet sein will. Als Elternteil sollte man eine Gelegenheit abwarten, in der das Kind offen ist, zum Beispiel am Abend vor dem Einschlafen oder in einer ruhigen, entspannten Situation zu zweit, und auch dann sollte man sich dem Thema vorsichtig und in kleinen Schritten nähern. Oft hilft esm auf die eigene Vergangenheit als Schülerin oder Schüler Bezug zu nehmen. Mit konkreten Ratschlägen sollte man sparsam umgehen, denn eher sollte man gemeinsam mit dem Kind Lösungsstrategien erarbeiten und in der Phantasie durchspielen. Was könnten wir machen? Was würde dir helfen? Wen könnten wir um Unterstützung bitten?

Definitionen

1. Definition
„In der Klinischen Psychologie und der Kinder- und Jugendpsychiatrie werden Phänomene der Schulverweigerung schon sehr lange beschrieben. Bereits in den 30er Jahren beschrieb Broadwin (1932) in den Vereinigten Staaten Kinder, die während der Schulzeit aufgrund starker Angstgefühle bei ihren Eltern verbleiben. Unter Schulverweigerung werden ganz unterschiedliche Phänomene von der Teilnahmslosigkeit am Unterricht bis hin zu Störungen des Unterrichts und Unterrichtsverweigerung, Schulmüdigkeit und Schulverdrossenheit sowie ausgeprägte Schulphobien verstanden. Der neue Oberbegriff „Schulabsentismus“ fasst alle diese Phänomene zusammen. Unterschieden werden muss insbesondere zwischen schulphobischem Verhalten und Unterrichts- und Schulverweigerung in Form von Schwänzen“ (Platzer, 2001, S. 331, zit. nach Herz, Puhr & Ricking, 2004, S. 100 ff).

2. Definition
„Schulverweigerung bezeichnet die Verweigerung des im Rahmen der gesetzlichen Schulpflicht festgelegten Schulbesuches“ (o.A., 1983, S. 657).

3. Definition
„Breiter Konsens herrscht darüber, dass Schulabsentismus ein Symptom ist, hinter dem sich individuelle, familiäre, soziale und schulstrukturelle Problemlagen verbergen. Schulabsentismus ist sozusagen ein Sekundäreffekt, der – zuerst Symptom – zum eigenständigen „Störungsbild“ avanciert“ (Michel, 2004, S. 52, zit. nach Kittel-Satran, 2006, S. 19 f).
„ Die Schulverweigerung ist eine internalisierende, emotionale Störungsform. In ihr kommen Trennungsangst (bei Trennungsangst haben die betroffenen Kinder Schwierigkeiten, sich der Schule auch nur räumlich zu nähern) und die konkrete Furcht vor Bedrohungsmomenten in der Schule – im angloamerikanischen Raum „Bullying“ oder „Mobbing“ – zum Tragen“ (Ricking, 2004, S. 13 f, zit. nach Kittl-Satran, 2006, S. 19 f).

4. Definition
„Unentschuldigtes Fernbleiben vom Unterricht kann als Opposition zur Schule interpretiert werden, sei es aus Angst oder anderen Gründen. Diese Art der Absenzen kann also die Schulleistung beeinflussen“ (Sima, 1977, S. 30).

5. Definition
„Anders als beim Schulschwänzen und „Blaumachen“ fehlen die Kinder und Jugendlichen bei der Schulverweigerung in der Schule mit Wissen der Eltern aufgrund von „auffälligen psychogenen und/oder psychosomatischen Veränderungen““ (Preuß, 1978a, S. 164, zit. nach Baum, 2004, S. 24).
„Ihre Verhaltensprobleme verdichten sich damit einhergehend im emotionalen Bereich so sehr, dass sie im „Nicht-zur Schule-gehen-können“ resultieren“ (Preuß, 1978a, S. 164, zit. nach Baum, 2004, S. 24).
„Beim Phänomen der Schulverweigerung steht also nicht mehr das kurzzeitige oder lustbetonte Fehlen im Vordergrund, sondern bereits eine mit psychischen oder psychosomatischen Begleiterscheinungen behaftete Einstellung, die mehreren Ursachen zuzuschreiben ist“ (Möhring, 1999, zit. nach Baum, 2004, S. 24 ).

Verwendete Literatur
Baum, N. (2004). Schulabsentismus – Ursachen und Interventionen. Examensarbeit. Angefertigt am Institut für Psychologie und Sozialpsychologie. Universität Lüneburg. Online im Internet: http://books.google.com/books?id=X17D9I4wNu0C&printsec=frontcover&dq=Schulverweigerung&hl=de&vq=%22
Schulverweigerung.%22&source=gbs_citations_module_r&cad=3#v=onepage&q=%22Schulverweigerung.%22&f=false (09-10-27).
Herz, B., Puhr K. & Ricking H. (2004). Problem Schulabsentismus. Wege zurück in die Schule. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.
Kittl-Satran H. (2006). Schulschwänzen – Verweigern – Abbrechen. Eine Studie zur Situation an Österreichs Schulen. In Kittl-Satran H. (Hrsg.), Gesamtkonzeption der Studie (S. 17 – 28). Innsbruck: StudienVerlag.
Lehmkuhl, G & Oelsner, W (2002). Schulangst. Ein Ratgeber für Eltern und Lehrer. Düsseldorf/Zürich: Walter Verlag.
Niederle, M (2002). Schulangst. So helfen Sie Ihrem Kind. Freiburg: Herder.
Nitsch, C. & Von Schelling, C. (2001). Schule ohne Bauchweh. Was Eltern, Schüler und Lehrer wissen sollten über Hausaufgaben, Zensuren, Prüfungsangst, Leistungsdruck. München: Mosaik-Verlag.
Ohne Autor. (1983). Brockhaus Wahrig. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt.
Sima K. (1977). Berufsschulerfolg und Absenzen der Schüler. Wien: Pädagogischer Verlag Eugen Ketterl.
Träbert, D. (2005). Schulangst.
WWW: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Schule/s_953.html (06-06-25)
http://www.stangl.eu/paedagogik/artikel/schul-angst.shtml (10-07-09)
http://paedagogik-news.stangl.eu/465/schulangst-schulverweigerung-schulphobie (09-08-12)
http://www.stangl.eu/psychologie/entwicklung/schulangst.shtml (09-08-21)
http://paedagogik-news.stangl.eu/147/schulangst-macht-krank (09-07-12
http://www.stangl.eu/psychologie/praesentation/schulangst2.shtml (10.07.03)





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  1. 2 Responses to “Schulverweigerung”

  2. Hi,
    Interesting, I`ll quote it on my site later.

    By Socco on Jan 22, 2010

  3. Erstens einmal sind unsere Schulen in den meisten Fällen ziemlich genau das Gegenteil dessen, was das Wort („scholae“ kommt von griech „echein = haben“) bedeutet. Beschreibend müsste man sie Lehrplan- bzw. Unterrichtsvollzugsanstalten nennen. Da keine Schule da ist, kann man folglich nicht von Schulverweigerung sprechen.
    In der ehem. Rogglfinger Schule ist heute eine Filiale der Raiffeisenbank. Bei den Bankkunden tauchen heute keinerlei Schulprobleme auf: die Bankangestellten machen es anders als früher die Lehrer. Sind Schulprobleme also wenigstens zu einem erheblichen Teil in WIRKlichkeit LEHRERprobleme, also a) Probleme mit Lehrern und b) Probleme der Lehrer?
    Bankangestellte wenden eine andere Pädagogik an. Sind Schulprobleme in WIRKlichkeit also PÄDAGOGIKprobleme?
    Verweigern sich die Kinder a) der Schule, b) den Lehrern, c) in bestimmten Fällen anderen Menschen in der Schule oder d) den geistigen, seelischen und/oder körperlichen Misshandlungen der Menschen?
    Als Ich-kann-Schule-Lehrer beobachte ich seit Jahrzehnten mit Missfallen, wie die Pädagogen immer DRUCK machen, wenn sie erZIEHen. Druck gehört doch nicht zur Wortfamilie „ziehen“!
    Unter Druck wächst nichts. Unter Druck verbiegt sich der Mensch seelisch, geistig und körperlich. Unter Druck stauen sich Problem- und Energielawinen …. bis zu Hasslawinen auf. Druck ist lebensgefährlich. Dennoch steigern die Pädagogen – wie sie es gelernt haben – dann i.d.R. den Druck noch mehr – und in der Folge den Misserfolg. An dem sind immer die anderen SCHULD: weil sie nicht richtig mitgearbeitet haben. Eine Kettenreaktion der Ungerechtigkeiten, durch die sich die Lehrer in der Krankheitsstatistik ganz an die Spitze hochgearbeitet haben – die Kinder im Schlepptau. Die Zuwachsraten waren besorgniserregend, darüber sind wir längst hinaus.
    In der neuen Ich-kann-Schule ist das Grundprinzip die SOG-Wirkung. Es geht darum, seinen GEIST zu nutzen und sich was auf- und/oder einfallen zu lassen, was ZIEHT. Sog löst. Sog richtet auf. Sog macht wachsen. Mit Sog lassen sich die Kräfte punktgenau lenken, mühelos.
    Unsere Unterrichtsvollzugsanstalten sind per se ein Gewaltakt und somit darauf angelegt, die Verweigerung dieses Staatsgewaltvollzugs an sich zu provozieren. Wenn die Menschenwürde ein Menschengrundrecht ist, dann muss man sich auch der Verletzung und Unterdrückung dieser Würde wenigstens verweigern dürfen.
    Alles im Leben hat immer zwei Seiten. Wir schwindeln uns immer um die zweite Seite herum, indem wir die erste Seite zweimal sehen. Damit sägen wir uns den Ast ab, auf dem wir selber sitzen.
    Ich grüße freundlich.
    Franz Josef Neffe

    By Franz Josef Neffe on Aug 10, 2011

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