Mentiologie

Die Mentiologie ist ein Peter Stiegnitz in die Forschung eingeführter Begriff, der die Wissenschaft von der Lüge bezeichnet. Menschen, die wirklich überzeugt sind, dass Unwahrheiten real sind, sind in der Regel krank, denn dabei handelt es sich dann um Wahnvorstellungen, und Kranke haben kein Bewusstsein für Wahres und Unwahres. Das bewusste Lügen ist bei bestimmten Persönlichkeitsstörungen häufig, denn so werden etwa bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung Todes- oder Krankheitsfälle von Angehörigen erfunden, um dadurch Aufmerksamkeit zu erlangen. Bei einer narzisstischen Störung erzählen betroffene Menschen, dass sie eine Berühmtheit kennen oder erfinden Dinge, die sie erreicht hätten. Hinzu kommt die antisoziale Persönlichkeitsstörung, bei der Psychopathen ohne Skrupel und Scheu lügen können.

Die mentiologische Forschung (lat. „mentiri“ = „lügen“) unterscheidet verschiedene Kategorien von Lügen:

  • Die Selbstlüge
    Die Selbstlüge wird benutzt, um unliebsame Wahrheiten zu verdrängen. Wenn Menschen sichbetrunken ans Steuer setzen und sich einreden, sie hätten nach wie vor alles unter Kontrolle. Man sagt: „Das ist die letzte Zigarette!“, obwohl man genau weiß, dass man der Sucht nicht widerstehen kann. Mithilfe dieser Art Kontroll-Illusion kann man es aber auch schaffen, erfolgreich gegen Lebensängste anzukämpfen.
  • Die Notlüge aus Freundschaft
    Viele Schwindeleien entspringen vornehmlich dem Wunsch, seinen Mitmenschen eine Freude zu machen, sie nicht bloßzustellen oder gar zu verletzen. Man denke nur an die „nette“ todlangweilige Party oder an die völlig missratene Frisur, die der Nachbarin „wirklich gut steht“.
  • Die Geltungslüge
    Diese betrifft vor allem um Übertreibungen, mit denen andere Menschen beeindruckt werden und die das Bedürfnis nach Anerkennung stillen. Da wird der kleine Hügel, den man im Urlaub bestiegen hat, schnell zu einem Dreitausender.
  • Die Angstlüge
    Der Schutzfaktor bei der Angstlüge ist meist gering, da sich diese meist leicht überprüfen lässt. Statt ehrlich einen Fehler zuzugeben, will man den anderen etwas vormachen, etwa aus Angst vor unangenehmen Konsequenzen oder Bestrafungen.
  • Die skrupellose Lüge
    Lügen, die gezielt eingesetzt werden, um andere zu täuschen und zu benachteiligen, zu desinformieren oder in die Irre zu führen, haben den eigenen Vorteil zum Zweck und werden oft von karrieresüchtigen Menschen verwendet. Um sich selbst ins rechte Licht zu rücken, werden Kollegen oder Familienmitglieder beschuldigt, anstatt die eigenen Fehler einzugestehen

Der Intellekt entfaltet seine Hauptkräfte in der Verstellung,
denn diese ist das Mittel, durch das die schwächeren,
weniger robusten Individuen sich erhalten,
als welchen einen Kampf um die Existenz
mit Hörnern oder scharfem Raubtier-Gebiss zu führen versagt ist.
Friedrich Nietzsche (Über Wahrheit und Lügen im außermoralischen Sinn, 1896)

Psychologische Sicht auf die Lüge

Viele Psychologen sehen etwa in der Selbsttäuschung einen Selektionsvorteil und nicht nur einen unbewussten Abwehrmechanismus, denn Menschen täuschen sich auch selber, um andere besser täuschen zu können. Vor allem Lebenslügen entwickeln sich oft in langsamen Lernprozessen, während derer die Menschen ihr Spiel nach und nach perfektionieren bzw. die imaginierte Rolle auf Grund der Reaktionen der Umwelt immer mehr und immer besser anpassen. Je mehr ein Mensch selbst an das Bild glaubt, das er in seiner Umgebung hervorrufen möchte, desto überzeugender wirkt er auch mit der Zeit, was gegenüber absichtlichen Lügen den Vorteil hat, dass die Gefahr des Selbstverrats immer geringer wird, denn bewusste Täuschungsabsichten verraten sich in irgendeiner Form beinahe immer non-verbal, denn „wer Augen zum Sehen und Ohren zum Hören hat, möge sich davon überzeugen, dass kein Sterblicher ein Geheimnis bewahren kann. Wenn seine Lippen schweigen, schwatzt er mit den Fingerspitzen: Verrat sickert durch jede seiner Poren“ (Sigmund Freud).

Lebenslügen, Familienmythen und verzerrte Selbstbildern müssen nicht zwangsläufig zu eigenem oder fremden Leid und pathologischem Verhalten führen, sondern diese können auch als positive Illusionen Energien freisetzen oder schwierige Lebensphasen erträglicher machen. Voraussetzung für eine erfolgreiche Selbsttäuschung kann dabei eine innere Zensur sein, eine selektive Wahrnehmung und Uminterpretation von Fakten, die zu einer selbstdienlichen Verzerrung (self-serving bias) führen. Dieses so gewonnene Selbstwertgefühl gilt es dann durch eine selbstauferlegte Ignoranz gegenüber realen Fakten, Bevorzugung von bestätigenden Informationen (confirmation bias) und das Vermeiden offensichtlicher logischer Widersprüche (kognitiver Dissonanzen) durch eine Dogmatisierung des eigenen Glaubens-Systems zu verteidigen.

Man geht in der Psychologie daher aus gutem Grund davon aus, dass Lügen lebensnotwendig sind, denn sie dienen dazu, das Selbstwertgefühl zu erhöhen und einen leichteren Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu ermöglichen bzw. weil sie auch das Miteinander mit anderen Menschen erleichtern. Lügen ist daher aus psychologischer Sicht natürlich und gehört zum Grundbedürfnis, mit anderen Menschen zu kommunizieren dazu, wobei Lügen schon in der Sprache angelegt ist. Menschen müssen beim Lügen äußerst geschickt sein, sich in andere hineinversetzen können, um ein einmal errichtetes Lügengebäude aufrechtzuerhalten und vor allem um auch konsistent zu lügen. Lügen ist von der Logik her betrachtet eine komplexe Angelegenheit, denn Lügner und Lügnerinnen müssen beim Erzählen einerseits zurückschauen, um sich zu erinnern, was sie vorher gesagt haben, und andererseits gleichzeitig nach vorne schauen, um in ihren Aussagen konsistent zu bleiben. Die Menschen mischen daher beim Lügen Wahrheit und Unwahres, da es sie psychisch und emotional entlastet. Kinder lernen das Lügen, wenn sie etwa vier Jahre alt sind, denn in diesem Alter erlernen sie das, was man theory of mind nennt, d. h.,, sie entwickeln eine eigene theoretische Vorstellung darüber, was in den Köpfen anderer Menschen vor sich geht. Diese Vorstellung ist beim Lügen enorm wichtig, denn zum Lügen benötigt man die Fähigkeit zur Perspektivübernahme. Überspitzt formuliert: Wenn ein Kind nicht das Lügen lernt, ist es in seiner Wahrnehmung der anderen Menschen bis zu einem gewissen Grad gestört. Studien zeigen übrigens, dass Kinder, die während eines Experiments gelogen haben, in Tests, die ihr Gedächtnis sowie ihre sprachliche Kreativität untersuchten, besser abschneiden. Offensichtlich entwickeln Kinder, die gute Lügner sind, ein besseres Gedächtnis, weil man zum erfolgreichen Verbergen einer Lüge eine große Zahl von Fähigkeiten und geistige Flexibilität benötigt.

In einer Umfrage mit über tausend TeilnehmerInnen wurde in Deutschland 2016 die Einstellung zum Thema Ehrlichkeit untersucht, und hatte gefragt, wer wen wie häufig in welchen Situationen anlügt und aus welchen Gründen dies geschieht. Es zeigte sich, dass etwa drei Viertel der Lügen im direkten Gespräch von Angesicht zu Angesicht benutzt werden, jede fünfte Lüge wird telefonisch oder schriftlich übermittelt. Am häufigsten wird im Bekanntenkreis belogen, denn vier von zehn Befragten gaben an, am Vortag gegenüber Bekannten unehrlich gewesen zu sein, und jeder Dritte hatte im gleichen Zeitraum seinen Partner oder seinen Arbeitskollegen belogen. Den eigenen Kindern oder engen Freunden gegenüber ist gut jeder Vierte nicht ganz ehrlich gewesen, während Eltern und Vorgesetzte offenbar noch am ehesten als Respektspersonen wahrgenommen werden und nur noch knapp jeder Fünfte verwendet diesen Menschen gegenüber Lügen. Gründe dafür sind meist soziale, denn so möchte mehr als die Hälfte der Befragten andere nicht verletzen oder durch Lügen sogar schützen. Jeder Zweite findet die Wahrheit manchmal einfach unbequem oder möchte sich so Ärger ersparen, während jeder Vierte offenbar aus Kalkül lügt, um seine Ziele zu erreichen. Jeder Sechste lügt aus Angst heraus, sonst nicht gemocht zu werden.
Im privaten Umfeld werden von knapp der Hälfte der Befragten andere Verpflichtungen vorgeschoben, wenn sie keine Lust auf ein Treffen mit Bekannten haben. Im Beruf wird am ehesten aus kollegialen Gründen gelogen oder um sich in ein besseres Licht zu rücken, denn vier von zehn Befragten würden den Vorgesetzten zum Schutz eines Kollegen belügen. Jeder Fünfte bläst seine Bewerbung mit übertrieben Fähigkeiten auf, um so seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Intrigen am Arbeitsplatz werden eher selten geschmiedet, denn die wenigsten würden eigene Fehler KollegInnen in die Schuhe schieben oder absichtlich falsche Informationen streuen, um ihnen zu schaden. Die vollständigen Ergebnisse der Studie unter https://www.splendid-research.com/studie-ehrlichkeit.html

RP-ONLINE trefflich über die Lüge: „Sie zählt ohne Frage zu den wichtigsten Notunterkünften der menschlichen Psyche. Wir suchen sie auf, wenn wir nicht weiter wissen, und wir ruhen uns bei ihr aus, um uns Vorteile zu erschleichen oder um Vorwürfe zu entkräften. Die Lüge hilft uns, für kurze Zeit das Ruhekissen aufzuschütteln. Aber nicht selten bleibt sie eine Erbse in unserem Gewissen, ein Plagegeist, ein Dorn, der an uns nagt und uns zwickt. Jeder Gelegenheitslügner wird von Reue geplagt oder von der Angst, überführt zu werden“

Siehe dazu Lügen, Täuschen und Verdecken.

Literatur
Sommer, V. (2015). Lob der Lüge. Wie in der Evolution der Zweck die Mittel heiligt. S. Hirzel.
Stangl, W. (2004). Lügen, Täuschen und Verdecken.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/KOMMUNIKATION/KommLuegen.shtml (04-06-21)
Stiegnitz, Peter (2001). Die Wahrheit: Wir lügen alle.
WWW: http://www.connection.de/cms/content/view/817/181/ (07-02-02)
Stiegnitz, Peter (1997). Die Lüge – Das Salz des Lebens. Edition Va Bene.
http://www.rp-online.de/leben/gesundheit/psychologie/warum-luegen-menschen-aid-1.6189614 (16-08-23)



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