Egozentrismus

Der Begriff Egozentrismus oder Egozentrizität geht auf den Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget zurück, der damit vor allem eine kindliche Geisteshaltung beschreibt. Man bezeichnet damit allgemein vor allem die Unfähigkeit, sich in die Rolle eines anderen hineinzuversetzen bzw. den Blickwinkel eines anderen einzunehmen. So besitzt ein egozentrisches Kind keine Vorstellung über sein eigenes „Ich“, d.h., Gegenstände existieren nicht, wenn sie etwa außerhalb des Gesichtsfeldes sind (aus den Augen – aus dem Sinn). Dieses Denken besteht während der gesamten Kindheit. Dies zeigt sich vor allem am klarsten beim Säugling, welcher nicht einmal die Hände und Füße als Teile seines Körpers empfindet. Menschen beziehen sich bei der Einschätzung ihrer Mitmenschen und ihrer Umwelt auf sich selbst, und tendieren dazu, den eigenen Gemütszustand auf andere zu projizieren.
In der Adoleszenz entsteht bei Jugendlichen eine weitere Form egozentrischen Denkens, da sie davon überzeugt sind, dass die Aufmerksamkeit anderer stets auf sie gerichtet ist und ihre Gefühle und Erfahrungen einmalig sind. Aufgrund dessen verhalten sie sich häufig so, als würden sie von einem imaginären Publikum beobachtet werden. In der Entwicklungsphase der Adoleszenz besteht ein einger Zusammenhang zwichen Egozentrismus und Identität. Die egozentrische Denkweise wirkt sich auf das Risikoverhalten der Jugendlichen aus , da diese annehmen, dass sie vor Schaden besonders geschützt sind und nur andere Personen Gefahren ausgesetzt sind. Bei Erwachsenen ist der Eindruck eigener Unverwundbarkeit ebenso vertreten wie bei Jugendlichen, was ein Zeichen dafür ist, dass Egozentrismus über ein Leben lang fortbesteht.
Man geht heute davon aus, dass Menschen zur Empathie vor allem ihre eigenen Emotionen als Referenz heranziehen, wobei das aber nur solange funktioniert, wie man sich im gleichen Zustand wie das Gegenüber befindet, denn sonst muss das Gehirn gegensteuern und korrigieren. Bei gesunden Menschen wird dabei der emotionsbedingte Egozentrismus vom Gehirn erkannt und korrigiert, wobei dafür das Gehirnareal Gyrus supramarginalis verantwortlich ist, dass man den eigenen Gefühlszustand von dem anderer Menschen trennen kann (Silani, 2013). Fritz Breithaupt übrigens warnt vor zu großem Mitgefühl gegenüber anderen, denn Empathie kann zwar helfen, andere Menschen besser zu verstehen, aber sie führt nicht automatisch dazu, dass man anderen auch tatsächlich hilft. Empathie ist manchmal sehr egoistisch, denn es geht ausschließlich darum, was wir fühlen, wenn wir uns in andere Menschen hineinversetzen, und nicht um deren persönliche Lage. Diese Form der Empathie ist für manche Menschen wie eine Droge, denn es steht nur das eigene gute Gefühl im Mittelpunkt.
Soutschek et al. (2016) wiesen übrigens nach, dass auch Mechanismen der Selbstkontrolle zur Überwindung von Egozentriertheit eine Rolle spielen. In ihrem Experiment trafen Versuchspersonen zwei Arten von Entscheidungen: Sie wählten zwischen einer kleineren, sofort verfügbaren finanziellen Belohnung und einer größeren Belohnung in der Zukunft sowie zwischen einer Belohnung nur für sie selbst und einer Belohnung, die zwischen ihnen und einer anderen Person geteilt wurde. Die Forscher deaktivierten dabei mit Hilfe nicht-invasiver Hirnstimulation die temporo-parietale Grenze, eine Region an der hinteren Außenseite des Gehirns, die Menschen erlaubt, während sozialer Interaktionen die Perspektive einer anderen Person einzunehmen. Diese Gehirnregion spielte dabei in jenen Situationen eine entscheidende Rolle, in denen gar keine andere Person involviert war, d. h., dass Probanden beim Ausfall dieses Areals nicht nur schlechter die Perspektive anderer einnehmen konnten und selbstsüchtiger handelten, sondern auch für sich selbst impulsivere Entscheidungen trafen. Offensichtlich steuern dieselben Hirnmechanismen, die notwendig sind, um Geduld aufzubringen, auch die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu teilen, dass also auf neuronaler Ebene das zukünftige Selbst der Zukunft wie eine andere Person bewertet wird.

Siehe dazu in den Arbeitsblättern Der Egozentrismus des Kindes

Wenn man im Mittelpunkt einer Party stehen will,
darf man nicht hingehen.
Audrey Hepburn

Definitionen

Ichbezogenheit; eine Haftung (bes. beim Kleinkind), die die eigene Person als Zentrum allen Geschehens betrachtet und alle Ergebnisse nur in ihrer Bed. Für und ihrem Bezug auf die eigene Person wertet (vgl. Bibliographisches Institut, 1981, S.401).
Wenn man selbst mit Schwierigkeiten im Leben zu kämpfen und diesen Kampf als schicksalsbedingt hinzunehmen gelernt hat, erwartet man gleiches auch vom anderen. Man lässt sich im letzteren Fall nicht auf die konkrete Situation des Mitmenschen ein, sondern erwartet von ihm ein gleiches härtegeprägtes Verhalten, wie man es selbst gezeigt hat – glaubte zeigen zu müssen. Damit wird aber auch deutlich, dass dieses Egozentrismus das Ergebnis einer komplexen Auseinandersetzung mit dem Leben ist. In ihm auch die Enttäuschungen und Auseinandersetzungen mit diesen verarbeitet. Es ist ein eher verhärmter, desillusionierter Egozentrismus, von dem wir hier sprechen. Dieser E. enthält keinerlei Illusionen mehr (vgl. Schenk 1998, S.208f).
Nach J. Piaget eine Phase in der Entwicklung des Kindes, in der es noch nicht fähig ist, die Sichtweise des anderen einzunehmen und dabei unabhängig vom eigenen Standpunkt zu urteilen; insofern sachlich wertneutraler Begriff (vgl. Lexikon- Institut Bertelsmann 1995, S.77).
Egozentrismus und Erkenntnisrealismus sind die kognitiven Fundamente der Kindermoral. Piaget untersucht das moralische Bewusstsein insbesondere in den Bereichen Regelbewusstsein, Gerechtigkeitskonzeptionen und Schuldzuschreibungen. Erkenntnisrealismus und Egozentrismus, die Nichteunterscheidung von Subjektivem und Obhekttivem erklärt auch die fehlende Differenzierung von Intentionen und Handlungskonsequenzen (vgl. Oesterdiekhoff 2001, S.541f).
Ichbezogenheit, Bezeichnung für eine Einstellung oder auch Weltauffassung, die das eigene Ich in den Mittelpunkt des Denkens und Handelns stellt und alles – vor allem den anderen Menschen – nach seiner Bedeutung für die eigene Person bewertet. E. muss nicht mit Egoismus einhergehen (vgl. Fuchs-Heinritz & Lautman & Rammstedt & Wienold 1978, S.156).

Literatur
Bibliographisches Institut (1981). Farbiges großes Volkslexikon, Band 3 (Cond- Fd), Mannheim, S.401.
Fuchs- Heinritz, W./ Lautman R./ Rammstedt,O./Wienold, H. (1978). Lexikon zur Soziologie, Gabler Wissenschaftsverlag (Westdeutscher Verlag), S.156.
Mietzel, Gerd (2002). Wege in die Entwicklungspsychologie. Kindheit und Jugend. Weinheim: BeltzPVU.
Oerter, R. & Dreher, E. (2002). Jugendalter. In R. Oerter & L. Montada (Hrsg.). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Beltz Verlag.
Oesterdiekhoff, G. W. (2001). Lexikon der soziologischen Werke, VS- Verlag, S. 541.
Schenk, Josef & Gisela (1998). Kommunikation als Herausforderung im Alltag und in der Wissenschaft, Verlag Königshausen und Neumann, S. 208.
Lexikon-Institut Bertelsmann (1995). Lexikon der Psychologie, Gütersloh, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, S. 77.
Silani, Giorgia, Lamm, Claus, Ruff, Christian C. & Singer, Tania (2013). Right Supramarginal Gyrus Is Crucial to Overcome Emotional Egocentricity Bias in Social Judgements. The Journal of Neuroscience. Online,  doi: 10.1523/JNEUROSCI.1488-13.2013.
Soutschek, A., Ruff, C. C., Strombach, T., Kalenscher, T. & Tobler, P. N. (2016). Brain stimulation reveals crucial role of overcoming self-centeredness in self-control. Science Advances, 2 (10), e1600992.
WWW: http://advances.sciencemag.org/content/advances/2/10/e1600992.full.pdf (16-11-01)



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