Resilienz

Kurzdefinition: Als Resilienz bezeichnet man die Fähigkeit zu Belastbarkeit und innerer Stärke. Vor allem in der therapeutischen Arbeit wird verstärkt Wert darauf gelegt, Resilienz auszubilden und damit psychischen Störungen und anderen persönlichen Problemen vorzubeugen.

Resilienz bezeichnet zunächst in der Entwicklungspsychologie die Widerstandsfähigkeit von Kindern, sich trotz belastender Umstände und Bedingungen normal zu entwickeln. Ganz allgemein betrachtet ist Resilienz die Fähigkeit von Menschen, auf wechselnde Lebenssituationen und  Anforderungen in sich ändernder Situationen flexibel und angemessen zu reagieren und stressreiche, frustrierende, schwierige und belastende Situationen ohne psychische Folgeschäden zu meistern, d.h., solchen außergewöhnlichen Belastungen ohne negative Folgen standzuhalten. Individuelle Unterschiede in der Resilienz können dann erklären, warum es bei manchen Menschen trotz vergleichbarer Belastung nicht zu solchen Folgen kommt, womit das Thema Resilienz im weitesten Sinn zum Themenbereich der Positiven Psychologie gerechnet werden kann. Die Ursprünge der Resilienzforschung gehen in die 1950er-Jahre, in denen die amerikanische Entwicklungspsychologin Emmy Werner eine Studie auf der hawaiianischen Insel Kauai begann, in der sie vier Jahrzehnte lang 698 Jungen und Mädchen beobachtete, deren Chancen auf ein erfolgreiches Leben durch Armut, Vernachlässigung und Misshandlung schlecht waren. Nicht selten waren die Ehen der Eltern zerrüttet, Geld fehlte, viele Väter waren süchtig nach Alkohol. Doch am Ende aber gab es eine große Überraschung, denn traditionellerweise hätte man den Kindern ein desaströses Schicksal vorausgesagt, doch seit dieser Langzeitstudie klar: Auch wenn die Startbedingungen noch so schlecht sind, meistern manche Menschen ihr Leben gut. Ein Drittel der Kinder von Kauai wuchs zu selbstbewussten, fürsorglichen und leistungsfähigen Erwachsenen heran, die im Beruf wie in persönlichen Beziehungen bestanden. Die starken Kinder von Kauai hatten etwas, das die anderen nicht hatten: Es gab zumindest eine liebevolle Bezugsperson, die sich um sie kümmerte, wobei die Vertrauensperson nicht unbedingt Mutter oder Vater sein muss, sondern auch eine Tante, ein Lehrer, eine Nachbarin können diese Rolle füllen. Werner fasste ihre Ergebnisse in drei protektiven Faktoren zusammen.

  • Eine durchschnittliche Intelligenz und ein Temperament, das sich positiv auf Lehrer und Eltern auswirkt. In diesem Zusammenhang wird auch eine gewisse Robustheit, Energie und ein sozial verbindliches Wesen genannt, denn  Kinder, die diese Eigenschaften besitzen, erhalten mehr positive Zuwendung von ihren Eltern oder Bezugspersonen.
  • Eine emotionale Bindung an die Eltern oder Ersatzbezugspersonen, die die Kinder zu Vertrauen und Selbstständigkeit ermutigten, was seinerseits die schulischen Fähigkeiten beeinflusste. Darunter fiel auch die Überzeugung der Kinder, selbst für ihre Erfolge verantwortlich zu sein. Durch diese Überzeugung gelingt es den Heranwachsenden, aktiv auf widrige Umstände zu reagieren und auch Menschen aufsuchen, die Ihnen Rat geben.
  • Die Unterstützung von Seiten der Gesellschaft, die haltgebende Werte vermittelt, wobei vor allem die Schule einen starken Einfluss auf die Bildung der Resilienz der Kinder hat, indem sie die Kompetenzen der Kinder anerkennt und belohnt. In diesem Aspekt zeigt sich die Verantwortung der Gesellschaft in Bezug auf die Bildung resilienter Fähigkeiten bei Kindern, sodass durch das Erkennen des Zusammenhangs von Anerkennung und Förderung der Stärken der Kindern ein erheblicher Beitrag zur präventiven Gesundheitsförderung geleistet werden kann.

Wichtig ist es, Kindern auf Augenhöhe zu begegnen, denn jemand muss ihnen Geborgenheit geben, ihre Fortschritte anerkennen, ihre Fähigkeiten fördern und sie unabhängig von Leistung und Wohlverhalten lieben. Resilienz entsteht meist früh, lässt sich aber auch im späteren Leben noch erlernen. Man sollte sich dabei aber nicht zu viel zuzumuten, aber durchaus einigen Anforderungen stellen, denn an den Erfolgen lernte man, dass schwierige Aufgaben zu meisternsind. Und wer von Anfang an auch Scheitern einkalkuliert, der lernt auch aus Misserfolgen, ohne diese nur negativ zu sehen. Auf diese Art wächst man an seinen Aufgaben, denn seelisch Starke klammern sich nicht an bestimmte Lebensentwürfe oder Vorstellungen, sondern betreiben „flexible Zielanpassung“. Ein Ziel wird hartnäckig verfolgt, aber nur solange, bis sich herausstellt, dass es zwecklos ist. Der Begriff der Resilienz („resilire“ bedeutet „zurückspringen“ oder „abprallen“) stammt ursprünglich aus der Physik und bedeutet dort so viel wie „in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehren“, wobei damit die Eigenschaften von Materialien beschrieben werden, elastisch und flexibel auf äußere Einwirkungen zu reagieren und dabei dennoch ihre Form zu bewahren. Die Resilienzforschung richtet ihren Blick auf die seelischen Widerstandskräfte und Ressourcen von Menschen.

Zu Beginn der Resilienzforschung wurde Resilienz mit dem doch sehr unrealistischen Menschenbild der „Unverletzlichkeit“ (siehe dazu Vulnerabilität) gleichgesetzt, doch inzwischen betonen Wissenschaftler, dass seelische Widerstandskraft nicht durch bestimmte Charaktereigenschaften gekennzeichnet ist, sondern sich vielmehr in einem komplexen Wechselspiel zwischen Risiko- und Schutzfaktoren entfaltet, und demnach eine höchst individuelle Angelegenheit darstellt und bis zu einem gewissen Grade erlernbar ist. Es sollte beim Konzept der Resilienz beachtet werden, dass sich Resilienz nicht trotz widriger Umstände wie Armut, Verlusterfahrungen oder sexueller Gewalt entwickelt, sondern in erster Linie auf Grund der Herausforderungen, die diese negativen Bedingungen für die Entwicklung eines Kindes haben und mit denen es sich notgedrungen auseinandersetzen muss. Wesentlich sind dabei das Vorhandensein von Schutzfaktoren im Umfeld, auf die das Kind zurückgreifen kann, und ein Umfeld, in dem sich dynamischer Anpassungs- und Entwicklungsprozesse vollziehen können. Resilienz kann aber auch situationsspezifisch entwickelt werden, denn Kinder, die in einem konflikthaften Elternhaus aufwuchsen, erweisen sich etwa in ihrer schulischen Kompetenz als widerstandsfähig, blieben sich aber in ihrer sozialen Kompetenz höchst verletzlich. Es sollte daher nie vergessen werden, dass Resilienz nur eine zumeist zeitlich begrenzte, von verschiedenen Schutzfaktoren gespeiste psychische Widerstandsfähigkeit oder Bewältigungskapazität ist, also nicht in allen Lebensbereichen in gleichem Maße sichtbar wird.

1. Definition „Unter Resilienz wird die Fähigkeit von Menschen verstanden, Krisen im Lebenszyklus unter Rückgriff auf persönliche und sozial vermittelte Ressourcen zu meisten und als Anlass für Entwicklung zu nutzen“ (Welter-Enderling & Hildenbrand, 2006, S. 13).

2. Definition „Resilienz bezeichnet die Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung des früheren psychischen Anpassungs- und Funktionsniveaus nach einem eingetretenen Trauma oder bei bestehenden Einschränkungen und Verlusten“ (Oerter &Montada, 2002, S. 991).

3. Definition „Mit Resilienz werden Prozesse oder Phänomene beschrieben, die eine positive Anpassung des Individuums trotz vorhandener Risikofaktoren widerspiegeln“ (Hammelstein, 2006, S. 18).

4. Definition Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit von Menschen, die es ermöglicht, selbst widrigste Lebenssituationen und hohe Belastungen ohne nachhaltige psychische Schäden zu bewältigen (vgl. „Resilienz“ in Brockhaus Enzyklopädie Online).

5. Definition Der Begriff Resilienz leitet sich von dem englischen Wort „resilience“ (Spannkraft, Widerstandsfähigkeit, Elastizität) ab und bezeichnet allgemein die Fähigkeit einer Person oder eines sozialen Systems, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und negativen Folgen von Stress umzugehen (vgl. Wustmann, 2004, S. 18).

Wenn die Kinderbetreuung für die ersten Lebensjahre heutzutage immer mehr ausgebaut wird, dann muss aber dafür gesorgt sein, dass die Kinder auch unter diesen Umständen ein stabiles Bindungsmuster ausbilden könnten, das ihnen im späteren Leben bei der Bewältigung von Krisen hilft. Denn nach Ansicht von Experten erhält jeder Mensch erst durch seine individuelle Biographie sein ganz persönliches neuronales Netzwerk, denn der Mensch wird nicht entweder nur durch seine Anlagen oder nur durch seine Umwelt geprägt, sondern aus dem Zusammenspiel beider. Die menschliche Gehirnarchitektur folgt einem genetisch angelegten Bauplan, der durch frühe Erfahrung und Lerneffekte stark modifizierbar ist, wobei der wichtigste Input dafür die Bindungsqualität zwischen Mutter und Kind bzw. einer ähnlich stabilen Beziehung zu einer anderen Person darstellt. Negative Erfahrungen in dieser Entwicklungsphase hinterlassen Stressnarben im Gehirn, wobei es manchen Menschen zwar gelingt, Resilienz zu entwickeln, also die Fähigkeit, trotz belastender Faktoren in der Lage zu sein, Frustrationen zu überwinden, doch auch diese lässt sich nur bis zu einem gewissen Grad erlernen, wobei es sich in den frühen Jahren entscheidet, ob ein Mensch später beziehungsfähig wird und seine Affekte angemessen kontrollieren kann. Die Resilienzfaktoren im Kindes- und Jugendalter entwickeln sich laut Noeker & Petermann (2008) vorwiegend auf folgenden vier Ebenen:

  • personale Kompetenzen des Kindes, wie Stressverarbeitung, Selbstregulation, Motivation, Lernen,
  • Kompetenzen des Familiensystems, worunter Bindung, Interaktion und Erziehung fällt,
  • Ressourcen des sozialen Netzwerkes (Schule, Gleichaltrige) und
  • gesellschaftlich-kulturelle Faktoren, wie Normen und Werte.

Die biologischen Einflussfaktoren können die Impulskontrolle, die Handlungsplanung und die Emotionsregulation ebenfalls stark beeinflussen, genauso wie auch die Vermittlung beruflicher Perspektiven und Integration. Manche Stressforscher orten einen wesentlichen Anteil der Residenz in den Genen, denn Menschen, die sich wie auch Versuchstiere an eine sich schnell ändernde Umwelt gut anpassen können, zeigen ein anderes epigenetisches Muster in den Stressverarbeitungszentren ihres Gehirns. Auch unter Versuchstieren gibt es immer wieder Tiere, die sich nicht so sehr von aggressiven Mitbewohnern einschüchtern lassen, die den Geruch ihres ärgsten Feindes wegstecken und trotzdem noch für die Gemeinschaft da sind.

Resilienz in Organisationen

Die Resilienz eines Menschen ist unter diesem Aspekt ein hochkomplexes Konstrukt und umfasst Potentiale wie Emotionssteuerung, Empathie, Impulskontrolle, Kausalanalyse, realistischer Optimismus, Selbstwirksamkeit, Zielorientierung, Netzwerkorientierung, Vermeiden der Opferrolle, Übernahme von Verantwortung. Dieses psychologische Konstrukt hat sich in den vergangenen Jahren zu einem intensiv erforschten und fruchtbaren Feld der wirtschaftspsychologischen Forschung entwickelt und findet auch in der psychologischen Praxis zunehmend Verbreitung und Anwendung.
Auch in der Wirtschaftspsychologie spricht man vermehrt von Resilienz, wobei sie hier die Widerstandsfähigkeit gegenüber Krisen und Belastungen bezeichnet, also Anpassungsfähigkeit, Zielorientierung, Integrationsfähigkeit und Strukturerhalt wesentlichen Eigenschaften widerstandsfähiger Arbeitnehmer darstellen. Aus der Perspektive des Arbeitgebers vermindert hohe Resilienz Stress bei den Mitarbeiterinnen, stabilisiert deren Gesundheit und steigert ihre Produktivität. Bisher wurde Resilienz in der Psychologie eher als stabile personale Ressource verstanden, doch um das Konstrukt der Resilienz für die betriebliche Praxis zu nutzen und im Rahmen von Interventionen gezielt zu fördern, ist eine verhaltensnahe Konzeption von Resilienz notwendig. Zwar wurden schon bisher häufig Programme zur Steigerung von Resilienz angeboten, die Wirkungen sind jedoch oft bescheiden und fragwürdig. Das liegt auch daran, dass sich Organisationen zunehmend auf Teams stützen, um den Anforderungen komplexer Aufgaben gerecht zu werden, sodass eine bloße Aggregation individueller Effekte der Komplexität des kollektiven Phänomens der Team­-Resilienz nicht gerecht wird.
Resiliente Teams bzw. ganze Organisationen haben MitarbeiterInnen und Führungskräfte, die fähig sind, die Realität zu akzeptieren und anzupacken, wobei das Wertesystem resilienter Organisationen dabei als Halt in schwierigen Situationen dient, sodass die Arbeitnehmer in der Lage sind, zu improvisieren und alle ihre Ressourcen einzusetzen. Resilienz ist hier auch unter dem Aspekt der Kooperation zu betrachten, denn die Resilienz von Teams kann neben dem wiederholten Training kritischer Situationen vor allem durch die Verbesserung der Beziehung und Kommunikation zwischen den Gruppenmitgliedern erhöht werden. Wichtig sind in diesem Kontext positive gemeinsam erlebte und ausgedrückte Emotionen wie Enthusiasmus, Optimismus, Zufriedenheit, Wohlbefinden und Entspannung, letztlich ein transformationaler Führungsstil, geteilte Führungsaufgaben im Team, gemeinsames Lernen und die Entwicklung einer gemeinsamen sozialen Identität.
Quelle: Mühlfelder, Manfred & Steffanowski, Andres (Hrsg.) (2015). Resilienz – Perspektiven und Konzepte aus der wirtschaftspsychologischen Forschung und Praxis. Wirtschaftspsychologie 4.

Resilienz im Alltag

Resilient zu sein bedeutet für den Einzelnen, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen und mit den negativen Folgen von Stress umzugehen, d.h., Resilienz ist so etwas wie die psychische Widerstandsfähigkeit eines Menschen. Es ist entscheidend, sich durch Widerstände im Leben nicht entmutigen zu lassen, sondern daraus zu lernen und diese Erfahrungen in das eigene Leben zu integrieren. Ein Grund- oder Urvertrauen, das sich in der Kindheit bildet, ist dazu bedeutsam, aber auch die genetische Ausstattung bestimmt die seelische Widerstandsfähigkeit mit. Das Grundvertrauen resilienter Menschen zeigt sich etwa in guten Beziehungen zu Freunden und Partnern und in einem positiven Selbstbild. Diese Menschen sind breiter interessiert, diszipliniert, neigen weniger zu Katastrophenphantasien und suchen auch bei Schicksalsschlägen nach positiven Aspekten, engagieren sich dort, wo sie Freude erleben und treten für ihr Glücklichsein ein. Anhaltende negative Gefühle, schwelende Unzufriedenheit und Anspannung begünstigen psychische Krankheiten, während eine positive Gestimmtheit das kreative Denken fördert und entspannt. Die Resilienzforschung gibt dabei einige praktische Empfehlungen:

  • Setze im Leben nicht alles auf eine Karte. Ein Mensch braucht immer mehrere Fäden, um am Muster für seinen Lebenspullover zu stricken.
  • Verweigerung des Fatalismus, d.h., ich nicht dem Schicksal ausliefern, sondern immer die Möglichkeit eines Neuanfangs suchen.
  • Bette dein Leben in einen großen Rahmen, denn wie man eine Sache sieht, ist offensichtlich eine Frage der Umrahmung, der Lebenseinstellung.
  • Freunde und soziales Leben, also die „psychologische Familie“ als Kreis jener Personen, die einen im Leben umgeben, sind entscheidend.
  • Einen Sinn für nichtmaterielle Werte entwickeln.
  • Generell für positive Gefühle sorgen, denn so wichtig wie Bewegung für die Körperabwehr ist, so wichtig sind Freude, Frohsinn, Humor, Faszination und Liebe für die seelische Abwehrkraft und können negative Ereignisse neutralisieren.
  • Sich fragen, ob alles, was man sich im Alltag aufgehalst hat, auch noch relevant ist und ob man es mit Freude macht. Zwar bringt jeder Beruf oder jede Verpflichtung auch unangenehme Tätigkeiten mit sich, wobei das nur dann problematisch ist, wenn der negative Stress deutlich überwiegt.
  • Alleinsein ist ab und zu heilsam, doch Einsamkeit kann auf Dauer krank machen, daher sind gute Beziehungen und Freunde wichtig. Aber Kontakte erhalten sich nicht von allein, sie wollen gepflegt werden.
  • Psychische Gesundheit hängt auch damit zusammen, ob das Leben einigermaßen vorhersagbar und sicher ist, ob also klare Verhältnisse vorliegen und nicht Unsicherheiten den Alltag belasten. Beziehungen, in denen man nicht weiß, woran man ist, schwächen mehr als die helfen.
  • Es gibt Umstände, die nicht zu ändern sind, wer aber für alles, was ihm gegen den Strich geht, für jede Enttäuschung, zu wenig Wertschätzung im Beruf etc. einen Sündenbock sucht, der drückt sich vor der Eigenverantwortung. Wer das Gefühl hat, in gewissem Maß sein Leben kontrollieren zu können, der Schöpfer seines Wohls zu sein, der entscheidet bewusster und erlebt weniger Enttäuschung.
  • Wenn man sich noch im Herzen berühren lässt, zeugt das von seelischer Gesundheit, egal, ob im Positiven oder im Negativen, doch wer sich einen Schutzpanzer gegen Gefühle zugelegt hat, droht irgendwann emotional zu ersticken. Jeder darf auch traurig, wütend, verzweifelt, grantig sein.
  • Wer eine Trennung oder einen Todesfall in der Familie hinter sich hat, kann sich im Moment nicht vorstellen, dass er wieder glücklich werden wird. Es hilft manchmal, sich vor Augen zu führen, welche Belastungen man schon erfolgreich im Leben gemeistert hat. Sich erinnern, welche Strategien damals geholfen haben, wieder auf die Beine zu kommen.
  • Halten seelische Beschwerden, Schlafstörungen, Antriebslosigkeit und Niedergeschlagenheit mehr als zwei Wochen lang ohne äußeren Grund an, sollten man einen Psychotherapeuten, Psychiater oder Psychologen aufsuchen. Unnötiges Leid nicht ertragen, oft hilft ein einziges Gespräch mit Fachleuten schon weiter.

Übrigens zeigen resiliente Menschen im orbitofrontalen Cortex weniger Aktivität, d. h., resiliente Menschen machen sich generell weniger Sorgen um Vergangenheit oder Zukunft und warten eher ab, als sich über Vergangenes und Künftiges aufzuregen. Sie reagieren vorwiegend auf das, was im Augenblick geschieht, wodurch sie auch besser wahrnehmen, wenn unangenehme Situationen vorüber sind, und sich schneller erholen. Menschen, die sich auf den Augenblick konzentrieren, können dadurch nachweislich Sorgen und Angst reduzieren und damit auch ihren Blutdruck senken. Menschen können zwar nicht verhindern, dass ihr Herz bei Aufregung oder Schreck schneller schlägt, aber sie können darauf reagieren und es beruhigen, indem sie mit ihrer Aufmerksamkeit und Konzentration im Augenblick bleiben. Nicht umsonst ist die Anzahl abschweifender Gedanken ein guter Maßstab für die Zufriedenheit eines Menschen, und seine Präsenz im Hier und Jetzt ist letztlich wichtiger für die seine Zufriedenheit als das, was er oder sie gerade tut.

Resilienz ist nach Meinung von ExpertInnen in einem gewissen Ausmaß durchaus erlernbar bzw. lässt sich die Resilienz auch noch bei Erwachsenen steigern, indem man unter anderem den Optimismus, die Lösungsorientierung und das Übernehmen von Verantwortung fördert. Vor allem bei Kindern lassen sich Resilienzfaktoren fördern, also jene Eigenschaften, die ein Kind in der Interaktion mit der Umwelt sowie durch die erfolgreiche Bewältigung von alterspezifischen Entwicklungsaufgaben erwirbt Folgende  Faktoren stärken nach Fröhlich-Gildhoff & Rönnau-Böse (2009, S. 43ff) Kinder und erhöhen deren Widerstandskraft:

  • Positive Selbstwahrnehmung: Im Vordergrund einer guten Selbstwahrnehmung steht die ganzheitliche und adäquate Wahrnehmung der eigenen Emotionen und Gedanken, also von sich selbst. Gleichzeitig ist es wichtig, sich selbst dabei zu reflektieren, d.h. , sich zu sich selbst in Beziehung setzen zu können und andere Personen ebenfalls angemessen wahrzunehmen und sich ins Verhältnis zu ihrer Wahrnehmung zu setzen (Fremdwahrnehmung).
  • Selbststeuerungsfähigkeit: Resiliente Kinder können sich und ihre Gefühlszustände selbstständig regulieren bzw. kontrollieren; sie wissen, was ihnen hilft, um sich selber zu beruhigen und wo sie sich ggf. Hilfe holen können, d.h., sie kennen Handlungsalternativen und Strategien zur Selbstberuhigung. Resiliente Kinder haben gelernt, innere Anforderungen zu bewältigen und ihnen zu begegnen.
  • Selbstwirksamkeitsüberzeugung: Resiliente Kinder kennen ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten und sind stolz darauf, d.h., sie können ihre Erfolge auf ihr Handeln beziehen und wissen, welche Strategien und Wege sie zu diesem Ziel gebracht haben. Ssie können diese Strategien dann auf andere Situationen übertragen und wissen, welche Auswirkungen ihr Handeln hat und vor allem, dass ihr Handeln auch etwas bewirkt.
  • Soziale Kompetenzen: Resiliente Kinder können auf andere Menschen zugehen und Kontakt aufnehmen; sie können sich in andere einfühlen und soziale Situationen einschätzen; sie können sich selbst behaupten aber auch Konflikte lösen.
  • Angemessener Umgang mit Stress: Resiliente Kinder können für sie stressige Situationen einschätzen, d.h., sie erkennen, ob sie für sie bewältigbar sind, und kennen ihre Grenzen; sie kennen Bewältigungsstrategien und können diese anwenden; sie wissen, wie sie sich Unterstützung holen können und wann sie diese brauchen; sie können die Situation reflektieren und bewerten.
  • Problemlösekompetenz: Resiliente Kinder haben gelernt, sich realistische Ziele zu setzten. d.h., sie trauen sich, Probleme direkt anzugehen und erkennen dafür Problemlösestrategien und sind in der Lage verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Zentrum zur Erforschung der Resilienz

Die Universität und Unimedizin in Mainz haben das europaweit erste Zentrum zur Erforschung der Resilienz gegründet, in dem Mediziner, Psychologen und Sozialwissenschaftler zusammenarbeiten. Man will verstehen, welche Vorgänge im Gehirn Menschen dazu befähigen, sich gegen die schädlichen Auswirkungen von Stress und belastenden Lebensereignissen zu schützen. Das Deutsche Resilienz-Zentrum (DRZ) solle ergründen, wie diese Schutzmechanismen gestärkt werden könnten. Statt psychische Krankheiten zu erforschen, geht es darum, sie im Vorhinein zu verhindern, denn das kann viel Leid und Geld sparen. Leistungsgesellschaft und Digitalisierung lassen Menschen immer weniger zur Ruhe kommen, wobei die Debatte über Burn-out zeigt, dass man wissen sollte, wie man Menschen stark machen kann .

Buchempfehlung

Die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt erzählt mit vielen Beispielen, welch hilfreiches Rüstzeug manchen Menschen von Natur aus mitgegeben ist, und geht anhand der neuesten Forschungen der Frage nach, wie es dazu gekommen ist. Sie gibt aber auch ganz praktischen Rat und zeigt Wege auf, wie man sich künftig besser durch die großen und kleinen Krisen des Lebens manövrieren kann. Denn obwohl die Fundamente der psychischen Widerstandskraft schon in frühester Kindheit gelegt werden, so lassen sie sich doch auch später noch aushärten, falls man die richtigen Strategien kennt.

Säulen der Resilienz

In einer Therapie versucht man, die sieben Säulen der Resilienz in ein Gleichgewicht zu bringen. Der erste Faktor ist dabei der Optimismus, denn Betroffene müssen erkennen, dass Krisen, egal wie groß sie auch scheinen, in der Regel zeitlich begrenzt sind und zu lernen, dass auch aus einer Krise in der Zukunft noch etwas Positives entstehen kann. Resiliente Menschen setzen ihren Optimismus ganz gezielt ein, um ihre eigenen Ressourcen effektiv und zielgenau einzusetzen. Der zweite Resilienzfaktor ist die Akzeptanz der Krise, denn nur wenn die Krise erkannt und akzeptiert wird, kann sie auch angegangen werden. Dies ist eine Vorstufe zur Bewältigung der Krise, denn im nächsten Schritt geht es darum, nach einer Lösung zu suchen, wobei die Lösungsorientierung von der persönlichen Einstellung  und den Erwartungen an die Zukunft abhängt. Resiliente Menschen richten ihre Aufmerksamkeit nicht nur auf andere Personen und Umstände, sondern in erster Linie auf sich selber, sehen sich nicht in einer Opferrolle, sondern setzen sich aktiv mit bestehenden Situationen auseinander und versuchen, diese zu ihren Gunsten zu verändern. Dieser Schritt ist für Menschen  mit gering ausgeprägtem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen oft der schwierigste. Als nächstes gilt es, die Verantwortung für das eigene Leben wieder zu übernehmen, wozu gehört, die Konsequenzen für das eigene Tun zu übernehmen, wobei ein stabiles soziales Netzwerk sehr hilfreich ist. Resiliente Menschen besitzen in den meisten Fällen ein großes soziales Netzwerk, dass sie stets jemanden finden, der ihnen zuhört und ihnen dabei hilft, eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Nun gilt es abschließend, die Zukunft neu zu planen, was allerdings voraussetzt, dass man erkennt, dass Menschen immer eine Wahlmöglichkeit besitzen, wodurch die Zukunft entsprechend der eigenen Möglichkeiten geplant werden kann, denn so bleibt sie beherrschbar und Krisen können in Eigenverantwortung bewältigt werden.

Positive Appraisal Style Theory Of Resilience

Bei der Entstehung vieler psychischer Erkrankungen wie Depression, Angst oder Sucht spielen Stress, traumatische Ereignisse oder belastende Lebensumstände eine wesentliche Rolle. Resilienz hilft vielen Menschen, Herausforderungen, Belastungen und schwierige Situationen wirkungsvoll zu meistern und dabei mental gesund zu bleiben, denn diese Menschen besitzen protektive Mechanismen also Schutz- und Selbstheilungskräfte, die die Entwicklung von stressbedingten Erkrankungen verhindern. Durch eine Sichtung und Auswertung bisheriger Studien und Untersuchungen zum Thema Resilienz ist es Kalisch et al. (2014) gelungen, ein gemeinsames Prinzip herauszufinden, das als ganzheitliche Basis für künftige Studien im Bereich der Resilienz dienen könnte. Dabei haben die Wissenschaftler verschiedene Dimensionen und Forschungsansätze von psychologischen und sozialen Ansätzen über genetische bis hin zu neurobiologischen Untersuchungen vereint. Bisher beschäftigte sich die Resilienzforschung weitgehend mit den unterschiedlichsten sozialen, psychologischen oder auch genetischen Faktoren, die die seelische Widerstandskraft positiv beeinflussen, wie beispielsweise die soziale Unterstützung, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder typische Verhaltensweisen. Die ForscherInnen haben sich gefragt, ob es einen gemeinsamen Nenner für all diese Einzelansätze gibt und dazu verschiedene Beispiele durchdekliniert. Als Ergebnis stellen wir in unserer neuen Theorie weniger die einzelnen Faktoren als vielmehr das Gehirn selbst in den Mittelpunkt. Die entscheidende Frage lautet demnach: „Wie bewertet das Gehirn eine bestimmte Situation oder einen bestimmten Reiz?“ Eine positive Reizbewertung ist vermutlich der zentrale Mechanismus, der letztlich über die Resilienz des Individuums entscheidet. Die vielen bisher identifizierten Faktoren bestimmen Resilienz nur indirekt, indem sie die Bewertung beeinflussen. Eine interessante Konsequenz des Bewertungsansatzes ist es, dass es weniger die belastenden Situationen oder Reize sind, die entscheiden, ob Stress entsteht, sondern die Art und Weise, wie das Individuum die Situation bewertet. Ein positiver Bewertungsstil schützt langfristig vor stressbedingten Erkrankungen, weil er die Häufigkeit und das Ausmaß von Stressreaktionen verringert. Diesen neuen mechanistischen Ansatz haben die Wissenschaftler PASTOR getauft: Die Abkürzung steht für „Positive Appraisal Style Theory Of Resilience„.

Resilienz von Systemen

Der Begriff der Resilienz wird auch im Sinne von Unverwüstlichkeit, Zuverlässigkeit und Widerstandsfähigkeit von Systemen verwendet, und benennt dabei ganz allgemein die Fähigkeit einer bedrohten Einheit, antizipierte Schäden zu überstehen. Erreicht werden kann sie entweder durch die Fähigkeiten von Systemen, bei auftretenden externen Schocks entweder möglichst robust zu sein, also möglichst geringfügig verwundet zu werden, oder schnell wieder den Ursprungszustand zu erreichen (‚bounce back‘), oder durch deren Flexibilität, ihre internen Strukturen zu verändern und einen konstanten Zustand der Anpassungsfähigkeit zu kultivieren. Mittlerweile ist Resilienz zu einer Art Modebegriff geworden und vielerlei Überlappungen und unscharfe Grenzen erschweren Abgrenzung und eindeutige Zuordnung. Daher gibt es auch ein

Resilienznetzwerk Österreich

in dem Vertreter von Einsatzkräften, Militär und Verwaltung das Szenario eines totalen Internet-Ausfalls untersuchen. Auf der Homepage heuißt es: „Das Resilienz Netzwerk ist die Zukunftsplattform für Idealisten ohne Illusionen – Leute, die meinen, dass gute Ideen wichtig sind, um besser durchs Leben zu kommen, die aber versuchen, so wenig wie möglich von Illusionen aufgehalten zu werden, die einen bei der sinnvollen Vorbereitung auf die eigene Zukunft im Weg stehen. (…) Bei den zivilgesellschaftlichen Projekten geht es schließlich darum, ganz konkrete Aktionen auszuprobieren, mit denen man sich sinnvoll auf eine zunehmend turbulente Zukunft vorbereiten kann. Wir haben mit dem Projekt ‘Plötzlich Blackout!’ schon über 500 Personen und mehrere hundert Firmen gewinnen können, mit uns konkrete Vorbereitungen für ein mögliches Strom-Blackout zu überlegen. Alle Ergebnisse kommen in den Resilienz-Werkzeugkasten, in dem sinnvolle erste Schritte für die Vorbereitung auf eine volatile Zukunft gesammelt – und zur Nachahmung vorgeschlagen – werden.“

Zum Begriff Resilienz

Der Begriff Resilienz stammt ursprünglich aus der Werkstofflehre und bezeichnet die Eigenschaft elastischen Materials, auch unter starker Spannung nicht zu reißen oder zu zerbrechen.

Literatur & Quellen

Brockhaus Enzyklopädie Online (© 2005 – 2009), Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG.
Fröhlich-Gildhoff, K. & Rönnau-Böse, M. (2009). Resilienz. München: Reinhardt.
Hildenbrand, B. & Welter-Enderlin, R. (2006). Resilienz – Gedeihen trotz widriger Umstände. Heidelberg: Carl-Auer Verlag.
Kalisch, R., Müller, M. B. & Tüscher, O. (2014). A conceptual framework for the neurobiological study of resilience. Behav Brain Sci., 27, 1-49. DOI: http://dx.doi.org/10.1017/S0140525X1400082X.
Oerter, R. & Montada, L. (2002). Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Weinheim: Beltz PVU.
Noeker, M. & Petermann, F. (2008). Resilienz: Funktionale Adaptation an widrige Umgebungsbedingungen. Zeitschrift für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 56, 255–263.
Renneberg, B. & Hammelstein, P. (2006). Gesundheitspsychologie. Heidelberg: Springer Medizin Verlag.
Werner, E. E. & Smith, R. S. (2001). Journeys from childhood to midlife: Risk, resilience, and recovery. Ithaca: Cornell University Press.
Wustmann, C. (2004). Resilienz. Widerstandsfähigkeit von Kindern in Tageseinrichtungen fördern. Berlin: Cornelsen Verlag Scriptor.
http://www.sueddeutsche.de/wissen/psychologie-das-geheimnis-einer-robusten-seele-1.10179071. (10-11-01)
http://www.nachrichten.at/ratgeber/gesundheit/art114,97132 (11-04-02) http://www.resilienz.at/resilienz/die-7-saulen-der-resilienz/ (12-11-21)
http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/PSYCHOLOGIEENTWICKLUNG/ArbeitslosigkeitJugend3.shtml#Resilienz (12-11-21)


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