Placebo

Ein Placebo ist im engeren Sinn ein Scheinarzneimittel, das keinen Wirkstoff enthält und somit auch keine durch einen solchen Stoff verursachte pharmakologische Wirkung haben kann. Placebo- und die gegengerichteten Nocebo-Reaktionen sind daher positive und negative Nebenwirkungen, für die es keine erkennbare medizinische Erklärung gibt. Im erweiterten Sinn wird der Begriff auch andere medizinische Scheininterventionen angewendet, etwa auf Scheinoperationen. Placeboeffekte sind demnach positive Veränderungen des subjektiven Befindens und von objektiv messbaren körperlichen Funktionen, die der symbolischen Bedeutung einer Behandlung zugeschrieben werden, treten aber prinzipiell bei jeder Form von medizinischer aber auch psychologischer Behandlung auf. Ein verordnetes Medikament ist stets nur ein Aspekt des Heilungsprozesses bei Krankheiten, denn zahlreiche weitere Einflüsse tragen letztlich zum Behandlungserfolg bei. Placebo-Effekte zeigen sich detlich an messbaren körperlichen Vorgängen, etwa an der Gehirnaktivität oder an Veränderungen im Hormonsystem, wobei man vermutet, dass Placebo-Effekte durch aktuelle Erwartungen und frühere Erfahrungen eines Menschen mit seiner Erkrankung ausgelöst und verstärkt werden, aber auch durch den Behandlungskontext und die Arzt-Patienten-Interaktion. Placebo-Effekte sind dabei oftmals größer als die spezifischen, auf das jeweilige Medikament zurückzuführenden Wirkungen. Hier liegt ein großes, oftmals nur unsystematisch genutztes Potential zur Verbesserung von Behandlungen, wobei nach Ansicht von Experten die klinischen Anwendungen von der Behandlung von postoperativem Schmerz, Schlafstörungen, Brustkrebs bis hin zur Beeinflussung von immunologischen Funktionen bei Nierentransplantationen reichen.

Besonders Kinder reagieren auf Scheinmedikamente, denn nach französischen Untersuchungen ist der Placeboeffekt bei Kindern mit Epilepsie doppelt so groß ist wie bei Erwachsenen. Insgesamt hat die leichtere Beeinflussbarkeit von Kindernt Vor- und Nachteile, denn zwar wirken bunte Pflaster, Schlecker oder Globuli bei Kindern besonders gut, meist verbunden mit der elterlichen Zuwendung, doch die Arzneimittelzulassung wird dadurch besonders schwierig. Da nach Ansicht von Experten die Wirkung von Placebos bei Kindern so ausgeprägt ist, haben es echte Medikament oft schwer, für Kinder zugelassen zu werden. Schließlich müssen neue Arzneien vor der Zulassung beweisen, dass sie besser wirken als Placebos, doch etliche Mittel etwa gegen Migräne, für die der Nachweis bei Erwachsenen erbracht worden ist, sind für Kinder bis heute nicht auf dem Markt, weil sie gegenüber den enorm wirksamen Placebos keinen Vorteil bieten.
Anmerkung (W.S.): Was ist daran so schlimm?

1. Definition
Placebos sind nicht nur in der Lage, erwünschte Reaktionen zu erzeugen, sondern auch die gleichen, unerwünschten Nebeneffekte wie das entsprechende Verum (=Echtmedikament). Placebos mit negativen Wirkungen werden Nocebos genannt (Degen zit. nach Ludwig 1988, S. 54ff). Es wurden sogar Anti-Placebo-Effekte beobachtet: Ein Echtmedikament büßt seine Wirkung ein, wenn es als angebliches Placebo verabreicht wird (vgl. Ludwig 1991, S. 129).

2. Definition
Placebo ist eine nach außen hin unveränderte Nachbildung eines Medikaments, jedoch ohne seine spezifische Wirkung und dient zur Ausgrenzung von Suggestivwirkungen bei Versuchen. Die Effekte des Placebos sind von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Anhand von Placebos lässt sich feststellen, dass psychische Faktoren für die medikamentöse Behandlung von Bedeutung sind (vgl. Hehlmann 1965, S. 411f).

3. Definition
„Die übliche definitorische Gleichstellung von Placebo mit Leerpräparat, Scheinmedikament, interaktiver Substanz, bzw. die sprachliche Gegenüberstellung (bes. in der pharmakologischen Forschung) von Verum (lat. das Wahre) mit Placebo im Sinne von Falsum (lat. das Falsche) verstellen den Zugang zu einer phänomenangemessenen Beurteilung der massiven, an jedem Therapieerfolg beteiligten sog. Placeboeffekte“ (Tewes & Wildgrube 1992, S. 254).

4. Definition
„Placebo (lat.: „ich werde gefallen“) das; Medikament, das einem echten Medikament in Aussehen und Geschmack gleicht, ohne dessen Wirkung zu enthalten (Med.)“ (Duden 1997, S. 630).

5. Definition
Im Dorschem Psychologischem Wörterbuch wird Placebo als eine bei der Wirkungsprüfung von Pharmaka zu Kontrollzwecken eingesetzte Substanz beschrieben. Im Aussehen, Geruch und Geschmack gleicht es der echten Substanz. Untersuchungen zufolge erzeugt ein Placebo sowohl psychologische als auch physiologische Vorgänge (vgl. Häcker & Stapf 1998, S. 645)


Placebos (placebo, lat.: Ich werde gefallen) enthalten in der Regel nur Füllstoffe wie Milchzucker und Stärke und sind für den Placebo-Effekt verantwortlich. Mit Placebos lassen sich bis zu 50 Prozent der Wirkung eines „echten““ Medikaments erzielen, wobei sich manchmal sogar Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Erregung oder Depression verursachen können. Auch äußere Merkmale wie sehr kleine und sehr große Tabletten wirken besser als mittelgroße, rote Tabletten helfen manchmal besser als weiße, gespritzt wirken sie besser als Tabletten, besonders wenn diese von Ärzten gesetzt werden. Die wichtigste psychologische Erklärung für den Effekt von Placebos ist die Erwartungshaltung, denn wer unter Schmerzen leidet und von seinem Arzt ein Medikament verschrieben bekommt, geht davon aus, dass die Schmerzen verschwinden, wobei sich auch Größe, Farbe und Preis eines Scheinmedikaments auf das Ausmaß des positiven Effekts auswirken. Daneben spielt auch die Zuwendung des Therapeuten, Akupunkteurs oder Homöopathen eine entscheidende Rolle, aber auch genetische Komponenten. Nach neuesten Untersuchungen sind aber auch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale dafür ausschlaggebend, ob ein Mensch empfänglich für Scheinmedikamente ist oder nicht, denn vor allem stressresistente und altruistische Menschen reagieren auf die Placebos.

Jon-Kar Zubieta et al (Universität Michigan) fand, dass Placebos das Gehirn zur Produktion körpereigener Endorphine, animiert, die die Schmerzempfindlichkeit herabsetzen können, sodass die Annahme, dass der Placebo-Effekt rein psychologisch sei, damit widerlegt scheint. Schon allein der Glaube und die Erwartung, ein schmerzlinderndes Mittel zu bekommen, kann das Gehirn offensichtlich zur Produktion körpereigener Schmerzmittel animieren. Je höher die Aktivität des Endorphinsystems dabei war, desto ausgeprägter war auch die Schmerzlinderung (Zubieta 2005).

Literatur

Häcker, H. & Stampf, K. (1998). Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans-Huber.
Hehlmann, W. (1965). Wörterbuch der Psychologie. Stuttgart: Alfred Körner Verlag.
Ludwig, P. (1991). Sich selbst erfüllende Prophezeiungen im Alltagsleben. Stuttgart: Verlag für Angewandte Psychologie.
Duden (1997). Duden Fremdwörterbuch. Mannheim: Dudenverlag.
Tewes, U. & Wildgrube, K. (1992). Psychologie-Lexikon. Oldenbourg: R. Oldenbourg Verlag.
Zubieta, Jon-Kar, Bueller, Joshua A.,Jackson, Lisa R., Scott, David J., Xu, Yanjun, Koeppe, Robert A., Nichols, Thomas E. & Stohler, Christian S. (2005). Placebo Effects Mediated by Endogenous Opioid Activity on µ-Opioid Receptors.The Journal of Neuroscience, 25, 7754-7762.
https://de.wikipedia.org/wiki/Placebo (14-11-21)
http://www.sueddeutsche.de/wissen/placebo-effekt-therapeutische-bonbons-1.597963 (11-08-11)





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  1. 4 Responses to “Placebo”

  2. Bei Kindern wirken Placebos doppelt so gut wie bei Erwachsenen, haben französische Wissenschaftler in einer Studie festgestellt. Die Veröffentlichung ist auf engl.
    http://medicine.plosjournals.org/perlserv/?request=get-document&doi=10.1371/journal.pmed.0050166
    Gruß
    Aglef

    By Aglef on Feb 7, 2009

  3. Französische Forscher haben bei Medikamententests festgestellt, dass die Placebowirkung bei Kindern weitaus größer ist, als bei Erwachsenen. Zwanzig Prozent der Kinder reagierten positiv auf Placebos. Da dieser Placebo-Effekt bei Kindern so stark ausgeprägt ist, hat es manches Medikament schwer, für Kinder zugelassen zu werden, denn schließlich müssen diese vor der Zulassung in Tests beweisen, dass sie besser wirken als Placebos.
    Public Library of Science Medicine, Bd.5, S.e166, 2008.

    By admin on Feb 7, 2009

  4. Werner Bartens berichtet in der SZ vom 8. Oktober 2017 unter dem Titel „Was der Schmerz kostet“, dass auch der Preis von Medikamenten das Ausmaß ihrer Wirkung beeinflusst. Das liegt auch daran, dass in der Medizin der Glaube an den Nutzen teurer Medikamente und kostspieliger Untersuchungen weit verbreitet ist, der sich sogar dann entfaltet, wenn gar kein Wirkstoff in den Medikamenten vorhanden ist und eine Placebo-Behandlung vorgenommen wird. Bekommen Freiwillige Scheinmedikamente, berichten sie auch von einer stärkeren Schmerzlinderung, wenn ihnen gesagt wird, dass es sich um sehr teure Tabletten handelt. Die billigeren Mittel, in denen ebenfalls keinerlei Wirksubstanz enthalten ist, hätten hingegen nicht so gut geholfen. Aber auch das Ausmaß des Nocebo-Effekts ist wirksam, sodass Produkten mit höherem Preis auch heftigere Nebenwirkungen zugeschrieben werden, was auch auf neuronaler Ebene bewiesen werden konnte.

    By Teure Medikamente on Okt 9, 2017

  1. 1 Trackback(s)

  2. Dez 5, 2009: Gehirndoping :: Angewandte Psychologie, Erziehung, Psychopathologie

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