Bindungstypen

Mary Ainsworth unterscheidet mittels des Fremde-Situations-Test vier Bindungstypen, wobei in acht Episoden zu je drei Minuten das Bindungsverhalten des 12 bis 18 Monate alten Kindes durch eine zweimalige kurze Trennung von der Mutter in fremder Umgebung aktiviert und nach der Wiedervereinigung mit der Mutter untersucht wird (Stegmaier, 2008):

  1. Mutter und Kind betreten das Spielzimmer.
  2. Sie akklimatisieren sich, und das Kind kann den ungewohnten Raum erkunden.
  3. Eine fremde Person tritt ein und nimmt mit der Mutter und dem Kind Kontakt auf.
  4. Die Mutter geht, und die Fremde bleibt mit dem Kind zurück.
  5. Die Mutter kehrt zurück, und die Fremde geht.
  6. Die Mutter verlässt wieder den Raum, aber das Kind bleibt allein zurück.
  7. Die fremde Person kommt hinzu.
  8. Die Mutter erscheint, und die Fremde geht.
  • Sichere Bindung: Das sicher gebundene Kind hat Vertrauen in die Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit der Bindungsperson und exploriert in deren Anwesenheit ungestört. Die Bindungsperson wird als sichere Ausgangsbasis zur Erkundung der Umwelt wahrgenommen. Bei der Trennung von ihr zeigt das Kind deutliches Bindungsverhalten mit Rufen, Suchen und Weinen und wirkt gestresst. Das Kind differenziert deutlich zwischen der Bindungsperson und lässt sich von der fremden Person nicht trösten. Bei Rückkehr der Bindungsperson demonstriert das Kind Freude und sucht sofort den körperlichen Kontakt. Infolge der Erfahrung von vorhersagbarer Beruhigung durch die Bindungsfigur kann es sich schnell wieder explorierend seiner Umwelt zuwenden.
  • Unsicher-vermeidende Bindung: Das unsicher-vermeidende Kind zeigt bei Abwesenheit der Bindungsperson kein Anzeichen der Beunruhigung oder des Vermissens. Es exploriert scheinbar ohne Einschränkung weiter, zeigt nur wenig Bindungsverhalten und akzeptiert die fremde Person als Ersatz. Innerlich ist das Kind sehr aufgewühlt. Bei Rückkehr der Bindungsperson wird diese ignoriert und Körperkontakt abgelehnt. Das unsicher-vermeidend gebundene Kind hat die Bindungsperson als zurückweisend verinnerlicht. Um diese Zurückweisung nicht permanent erfahren zu müssen, wird der Kontakt vermieden und möglichst keine Verunsicherung gezeigt. Die Bindungsperson zeichnet sich durch einen Mangel an Affektäußerung, durch Ablehnung und Aversion gegen Körperkontakt sowie häufige Zeichen von Ärger aus. Das Kind kann kein Vertrauen auf Unterstützung entwickeln, sondern erwartet Zurückweisung. Infolge dessen unterdrückt das Kind seine Annäherungsneigung, um zumindest in einer tolerierbaren Nähe zur Mutter zu bleiben. Negative Gefühle werden unterdrückt.
  • Unsicher-ambivalente Bindung: Das unsicher-ambivalent gebundene Kind ist stark auf die Bindungsperson fixiert. Durch seine chronische Aktivierung des Bindungssystems ist es auch bei Anwesenheit der Bindungsperson stark in seinem Explorationsverhalten eingeschränkt. Die unvorhersagbaren Interaktionserfahrungen mit der Bindungsperson führen zu Ärger und Widerstand beim Versuch der Bindungsperson, das Kind zu trösten. In mehrmaliger Aufeinanderfolge scheint das Kind aggressiv und ärgerlich auf die Bindungsperson, andererseits sucht es im nächsten Moment Kontakt und Nähe. Negative Gefühle können nicht integriert werden.
  • Unsicher-desorganisierte Bindung: Das unsicher desorganisiert gebundene Kind zeigt im Vergleich zu den anderen Bindungsmustern eine wenig durchgängige Verhaltensstrategie, sondern zeichnet sich durch emotional widersprüchliches und inkonsistentes Bindungsverhalten aus. Diese Verhaltensweisen sind insbesondere motorische Sequenzen von stereotypen Verhaltensweisen, oder die Kinder halten im Ablauf ihrer Bewegungen inne und erstarren für die Dauer von einigen Sekunden. Es lässt sich generell kein bestimmtes Verhalten bei Trennung und Rückkehr der Bindungsperson festmachen. Gleichzeitig kommt es zu genauso erhöhten Stresswerten wie beim unsicher gebundenen Kind. Dieses Bindungsmuster wird als ein „Steckenbleiben zwischen zwei Verhaltenstendenzen“, der Nähe zur Bindungsperson und der Abwendung von ihr, gesehen. Die emotionale Kommunikation ist gestört, weil die Bezugsperson gleichzeitig Quelle und Auflösung der Angst ist.
    Main & Salomon (1990) fügten diese vierte Kategorie hinzu, in der Kinder  sehr auffällige, in sich widersprüchliche Verhaltensweisen zeigen, die zuvor als nicht klassifizierbar galten.

Literatur

Ainsworth, M., Blehar, M., Waters, E. & Wall, S. (1978). Patterns of Attachment. A psychological study of the strange situation. New York: Hilsdale.
Ainsworth, M. & Wittig, B. (1969). Attachment and exploratory behavior of one-year-olds in a strange situation. In: Foss, B. (Hg.): Determinants of infant behaviour. Bd 4. London: Mehuen.
Bowlby, John &  Ainsworth, Mary D. Salter (2001).  Frühe Bindung und kindliche Entwicklung.  München, Basel: E. Reinhardt.
Main, M. & Salomon, J. (1990), Procedures for identifying infants as disorganized/disoriented during Ainsworth Strange Situation (S. 121-160). In Greenberg, M.T.,  Ciccetti, D., Cummings, E.M. (Eds.), Attachment in the preschool years. Chicago: University of Chicago Press.
Stangl, W. (2003). Die frühkindliche Bindung an die Bezugsperson.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/ERZIEHUNG/Bindung.shtml (03–03-21)
Stegmaier, S. (2008). Grundlagen der Bindungstheorie. In Textor, Martin R. (Hrsg.), Kindergartenpädagogik.
WWW: http://www.kindergartenpaedagogik.de/1722.html (13-07-21)





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