Neuropsychologie

Die Neuropsychologie ist ein Teilgebiet der Biologischen Psychologie, die ihrerseits ein Teilgebiet der Psychologie ist. Ziel der Neuropsychologie ist es, Verhalten und Erleben aufgrund physiologischer Prozesse zu beschreiben (deskriptiv) und zu erklären (explikativ). Die Neuropsychologie beschäftigt sich dabei in erster Linie mit den Folgen biochemischer, physiologischer und struktureller Veränderungen des zentralen Nervensystems, wobei diagnostisch dabei vor allem Beeinträchtigungen und Störungen der kognitiven Leistungsfähigkeit, potentiell vorübergehende Verwirrtheitszustände (Delirium) sowie Demenzen und hirnorganische Erkrankungen relevant sind. Dieser Wissenschaftsbereich der Psychologie befasst sich demnach mit den neuronalen Grundlagen des Verhaltens. Da sich die Neuropsychologie sich mit den neuronalen Grundlagen des Verhaltens beschäftigt, steht dabei die Beobachtung und das Messen von kognitiven Funktionen bei Patienten mit Dysfunktionen oder Schädigungen des Gehirns im Mittelpunkt. Die Untersuchung von Patienten mit zerebralen Schädigungen ermöglicht auch allgemeine Aussagen über die Struktur und Funktionsprinzipien des Gehirns und deren Auswirkung auf das menschliche Verhalten zu treffen. Mit Hilfe von bildgebenden Verfahren und der Methode der ereigniskorrelierten Potentiale können dabei aus verschiedenen Informationsverarbeitungsprozessen resultierende physiologische Veränderungen sowohl bei Patienten mit zerebralen Veränderungen als auch im gesunden Gehirn analysiert werden. Die Untersuchung von Patienten mit umschriebenen Läsionen z.B. im Rahmen von Einzelfallanalysen sind ein wichtiger Bestandteil der klinischen Neuropsychologie, da sie Erkenntnisse über die Funktionen einzelner Gehirnbereiche liefern kann.

Die Psychophysik und physiologische Psychologie, vor allem Hermann von Helmholtz, Gustav Fechner und Wilhelm Wundt sind die Vorläufer moderner Neuropsychologie. Die Ursprünge der eigentlich Neuropsychologie liegen in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, einerseits in der sich entwickelnden anatomischen, physiologischen und neurologischen Gehirnforschung und andererseits in der Entwicklung der experimentellen Psychologie.  Zu einer ersten interdisziplinären Zusammenarbeit von Medizinern, Pädagogen und Psychologen kam es im ersten Weltkrieg, als viele junge Männer mit Gehirnverletzungen mit Hilfe der damaligen Psychotechniken rehabilitiert werden sollten. Die während des Krieges gegründeten Hirnverletztenlazarette wurden nach 1918 ohne weitere Beteiligung von Pädagogen und Psychologen weitergeführt. Die Entwicklung der klinischen Neuropsychologie wurde nach dem zweiten Weltkrieg vor allem in England und in den USA in Einrichtungen und Forschungsprogrammen für Kriegsveteranen gefördert. Seit 1950 suchten vor allem kontinentaleuropäische Neurologen und Psychiater, die Hirnverletzte betreuten, Kontakte mit Neuropsychologen aus den angelsächsischen Ländern. Nach 1966 wurden auch die Forschungen des russischen Neurowissenschaftlers Alexander Luria in Deutschland bekannt.

Die falsche Neuropsychologie

Die aktuellen Ansprüche von Gehirnforschern rückt die neurowissenschaftliche Betrachtung und Interpretation psychologischer Phänomene wie Lernen, Entscheiden oder moralisches Urteilen zunehmend in den Vordergrund, wobei sie anscheinend versuchen, komplexe Phänomene wie Bewusstsein, Willensfreiheit oder Geschlechtsunterschiede zu erklären. In „Neuropädagogik“ oder dem „Neuromarketing“ vermuten manche geradezu revolutionäre Anstöße, doch ist die Gehirnforschung dazu weder methodisch noch inhaltlich nicht in der Lage, vor allem deshalb, da sie die Menschen mit ihrem Gehirn gleichsetzt. Die bunten Gehirnaktivierungen als Indikatoren für das Vorhandensein ganz bestimmter psychischer Prozesse sind wegen der fehlenden Differenziertheit unzulässig, da bildgebende Verfahren allein die zu Grunde liegenden psychischen Prozesse nicht erklären kann, denn dazu bedarf es vor allem bereits bestehender psychologischer Modelle. Geradezu absurd mutet der manchmal vermittelte Eindruck an, die Gehirnforschung habe die Lernforschung gleichsam erst entdeckt, doch bei einigermaßen fundierter Kenntnis der kognitiven Psychologie oder Lernpsychologie stellt man rasch fest, dass die wesentlichen Argumente von Neuroforschern psychologischer Art sind – meist aus den Anfängen der Psychologie -, und sich die marktschreierisch präsentierten Laborbefunde – häufig von Tieren – nicht auf den schulischen Alltag übertragen lassen. Absurderweise werden Fächer wie die Allgemeine Psychologie oder die Kognitive Psychologie an manchen Universitäten heute mit Nichtpsychologen besetzt, weshalb den Studierenden psychologisches Grundlagenwissen oft auf Grund mangelnder Vorkenntnisse der Lehrenden zu den Grundlagen der Psychologie nicht mehr ausreichend vermittelt wird. Hinzu kommt meist eine einseitig biologisch-mechanistische Perspektive auf den Menschen.

Es ist ja nicht so, als könne man Neuropublizisten,
die aus fragwürdigen Forschungsergebnissen
noch fragwürdigere Konsequenzen für den
Reformbedarf von Schulen, Gerichten, Sendeanstalten>
und Internetdiensten ableiten, ungestraft aus den Augen lassen.
Dirk Baecker

Neuromanie

Der Stempel „neurowissenschaftlich erwiesen“ überzeugt vor allem jene Menschen, die sich gar nicht mit Hirnforschung auskennen, denn sie glauben, wo Neuro draufsteht, muss die Wahrheit drin sein. Dazu noch ein paar kompliziert aussehende Abbildungen des Gehirns – fertig ist die Neuro-PowerPoint-Präsentation. Der Vorteil: Was wirklich dahinter steckt, versteht niemand. Ein Blick in die populärwissenschaftlichen Abteilungen in Buchhandlungen zeigt, dass kaum ein Forschungszweig vor der Neuromanie sicher ist. Es gibt Literatur über Neuro-Philosophie, Neuro-Epistemologie, Neuro-Ergonomie und Neuro-Kunstgeschichte. Hauptsache irgendwas mit Hirn. Im Bereich Management lässt sich die angeblich heilende Wirkung der Hirnforschung besonders gut zu Geld machen, weil sie verspricht, den nach Fakten gierenden Alphatieren endlich eine objektive und empirisch belegte Anleitung für Führungsverhalten zu geben. Die Hirnforschung ist ein sehr junger Forschungsbereich und steht ganz am Anfang. „Wir betreiben ausschließlich Grundlagenforschung“, betont Hirnforscher Mohr. „Es ist unmöglich, durch Wissen über die Funktion des Gehirns das Hirn zu manipulieren. Das wird man auch in 20 bis 30 Jahren nicht können. Denn jedes Hirn ist anders und so verschieden wie Gesichter!“ Außerdem haben neurowissenschaftliche Studien ein generelles Glaubwürdigkeitsproblem: In einem viel zitierten Aufsatz stellte die englische Psychologin Katherine Button 2013 fest, dass die meisten Hirnforschungsstudien eine schwache Aussagekraft haben – wegen einer zu geringen Zahl der Probanden (Nowroth, 2015).

Quellen
Jäncke, L. & Petermann, F. (Hrsg.) (2010). Wie viel Biologie braucht die Psychologie? Psychologischen Rundschau, 61.
Nowroth, M. (2015). Das miese Geschäft mit unserem Gehirn. WirtschaftsWoche vom 11. Oktober 2015.
http://www.ruhr-uni-bochum.de/neuropsy/uebersicht.html (10-01-01)
http://de.wikipedia.org/wiki/Neuropsychologie (09-11-21)



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