Zeigarnik-Effekt

Der von der russischen Psychologin Bluma Zeigarnik (in anderer Transkription Bljuma Wulfowna Seigarnik) beschriebene Zeigarnik-Effekt beschreibt, dass unerledigte Handlungen besser in der Erinnerung des Menschen gespeichert werden als erledigte. Eine Grundlage für diesen Effet bildet die Annahme Kurt Lewins, dass Intentionen gespannte Systeme darstellen, wobei die Spannung so lange erhalten bleibt, bis die zugehörige Intention erledigt ist. Aus der Sicht der Gedächtnisökonomie bedeutet das, dass unabgeschlossene Handlungen mentale Ressourcen binden und den Menschen geradezu in eine zwanghafte Haltung führen, eine Handlung unbedingt abschließen zu wollen, d. h., Bücher müssen zu Ende gelesen, Filme zu Ende geschaut und Gespräche zu Ende geführt werden. Regisseure und Drehbuchautoren machen sich den Zeigarnik-Effekt zunutze, um Handlungen so zu verschachteln, dass die Spannung erhalten bleibt, denn sie wissen, dass nicht abgeschlossene Ereignisse im menschlichen Gehirn festgehalten werden, sodass eine Waffe, die zu Beginn des Films bedeutungsschwer an der Wand hängt, auch irgendwann im Film abgefeuert werden wird. Aber auch in Filmserien wird versucht, durch eine am Ende einer Folge aufgetretene Situation das Interesse für die Fortsetzung wachzuhalten. Es ist daher kein Wunder, dass sich eine Fernsehsendung von gestern Abend untertags immer wieder ins Gedächtnis drängt. Auch wenn dieser Effekt nicht in allen Untersuchungen in dieser Form nachgewiesen werden konnte, bildet er auf Grund seiner Nachvollziehbarkeit ein gutes Erklärungsprinzip für dieses alltägliche Phänomen.

Begriffsbestimmungen

„Er besagt, dass unvollendete Aufgaben im Gedächtnis besser behalten werden als vollendete. Der Legende nach stand am Anfang die Beobachtung, dass der Kellner eines Berliner Lokales komplizierte Bestellungen ohne schriftliche Hilfsmittel erledigen konnte, sich nach ihrer Erledigung aber an keine Einzelheiten mehr erinnerte“ (Franke & Kühlmann, 1990, S. 180).

„Unerledigte Aufgaben und Tätigkeiten haben in der Nachphase ihre Nachwirkung. Unerledigte Handlungen bleiben besser und länger im Gedächtnis haften als erledigte, werden somit leichter, wenn nicht gar spontan erinnert“ (Gottschaldt, Sander, Lersch & Thomae, 1965, S. 666).

„Bei einer unerledigten Handlung bleibt ein Bedürfnis, die begonnene H. zu Ende zu führen, das mit Abschluss der H. seine Befriedigung findet. Die Annahme, dass ein Quasibedürfnis bis zur Vollendung der H. und der Entspannung des Systems nachwirkt (Lewin 1926), prüft Zeigarnik (1927) an der Behandlung von unerledigter H. im Verhältnis zum Behalten von erledigten H.“ (Rombach, 1972, S. 186).

„Zeigarnik – Effekt, nach der Lewin-Schülerin B. Zeigarnik, die 1927 eine Untersuchung „Über das Behalten von erledigten und unerledigten Handlungen“ veröffentlichte, benanntes Phänomen. Danach werden unerledigte Handlungen besser behalten als erledigte. Als Ursache hierfür werden bedürfnisartige Spannungen, die im „dynamischen Gesamtfeld“ je nach Situation – z.B.: in der sich Vp befindet, wie, warum die Handlung unerledigt blieb – hervortreten“ (Arnold, Eyenck & Meili, 1972, S .795).

„Zeigarnik – Effekt (seltener: Ovsiankina – Effekt), von B. Zeigarnik (1927) u. auch von Ovsiankina (1928) analysiertes u. beschriebenes Phänomen u. Kzpt.: Unterbrochenen Handlungen ist eine Tendenz zur Wiederaufnahme und zum Abschließen zu Eigen“ (Städtler, 2003, S. 1246).

Forschung zum Zeigarnik-Effekt

Es ist auch dem Zeigarnik Effekt geschuldet, wenn manche Menschen am Wochenende Schlafprobleme haben, denn sie machen sich Sorgen über unerledigte Arbeit. Manche Arbeitnehmer fühlen sich auch an freien Tagen von der Arbeit belastet, d. h., sie grübeln über unerledigte Aufgaben nach. In einer Untersuchung (Syrek et al., 2016) wurden Berufstätige aufgefordert, über einen Zeitraum von zwölf Wochen einen Online-Fragebogen zu ihrer Arbeitsbelastung auszufüllen. Jeweils am Freitagnachmittag wurden Angaben zum erlebten Zeitdruck und über unerledigte Aufgaben am Ende der Woche registriert, und am Beginn der Arbeitswoche sollten die Probanden Daten zu ihrer Schlafqualität und die Art ihrer arbeitsbezogenen Gedanken liefern, wobei zwischen zwei Arten des Denkens unterschieden wurde: Sorgenvolles Grübeln lag dann vor, wenn sich ein Proband am Wochenende angespannt fühlte, weil er über die Arbeit nachgedacht hatte. Problemorientierte Gedanken hingegen waren, wenn man am Wochenende in seiner Freizeit Lösungen für arbeitsbezogene Probleme gefunden zu haben glaubte. Sorgenvolles Grübeln ist ein Zustand, in dem negative, wiederkehrende Gedanken über die Arbeit auftreten, ohne dass nach Lösungen gesucht wird, während problemlösendes Grübeln eher ein kreatives, von der Arbeit losgelöstes Nachdenken über Probleme darstellt. Es zeigte sich, dass wer mehr unerledigte Aufgaben hat, stärker von Schlafstörungen betroffen ist, wobei  ein positiver Zusammenhang zwischen sorgenvollem Grübeln und Schlafstörungen gefunden werden konnte.

Literatur

Arnold, W., Eyenck, J. & Meili, R. (1972). Zeigarnik – Effekt. Lexikon der Psychologie. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG.
Franke, J. & Kühlmann, T. M. (1990). Zeigarnik – Effekt. Psychologie für Wirtschaftswissenschaftler. Landskron/Lech: Verlag moderner Industrie AG & Co.
Gottschaldt, K., Lersch, Ph., Sander, F. & Thomae, J. (1965). Zeigarnik – Effekt. Handbuch der Psychologie in 12 Bänden. Allgemeine Psychologie. II Motivation. Göttingen: Verlag für Psychologie.
Rombach, H. (1972). Zeigarnik – Effekt. Lexikon der Psychologie Band 2. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder KG.
Städtler, T. (2003). Zeigarnik – Effekt. Lexikon der Psychologie. Stuttgart: Alfred Körner Verlag.
Syrek, C.J., Weigelt, O., Peifer, C. & Antoni, C. (2016). Zeigarnik’s Sleepless Nights: How Unfinished Tasks at the End of the Week Impair Employee Sleep on the Weekend Through Rumination. J Occup Health Psychol.


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