soziale Schichtung

„Bisher haben wir mit den Klassen, den Ständen und den Kasten deutlich abgrenzbare Kollektive von Akteuren betrachtet. Unter sozialer Schichtung werden Aggregate von Akteuren verstanden, die sich in Hinsicht auf die Kontrolle der jeweils interessanten Ressourcen unterscheiden, dabei aber untereinander keine deutlichen Abstufungen und Klumpungen erkennen lassen, sondern sich graduell – etwa in den „Variablen“ Einkommen, Bildungsgrad oder Berufsprestige – unterscheiden. Typischerweise sind soziale Schichten (bloße) Aggregate; das heißt: Institutionalisierte Schließungen, Interaktionen oder Lebenstile gibt es dort nicht“ (Esser, 1991, S 452).

„[…] Für manche bezeichnet die S. S. eine gesellschaftliche Makrostruktur, die die Lebenschancen und Lebensweise des einzelnen wie auch wichtige soziale Prozesse, vor allem des Konflikts und des Wandels, bestimmt. Begriffe wie Klasse, Stand und Kaste dienen dann zur näheren Charakterisierung einer historisch spezifischen Form der S. S. Die soziale Schicht als abstrakter Oberbegriff könnte entsprechend eine Bevölkerungsgruppe meinen, die in jener Makrostruktur eine bestimmte Position hat und sich dadurch von anderen Bevölkerungsgruppen kennzeichnend unterscheidet. Für die Schichtzugehörigkeit des einzelnen sind objektive Positionsmerkmale entscheidend. Das soziale Prestige, in dem sich die Wertschätzung anderer für bestimmte Positionen bzw. die daran geknüpften Belohnungen (rewards) ausdrückt, wäre dagegen ebensowenig ein Kriterium der Schichtzugehörigkeit wie das Bewußtsein von der eigenen Soziallage; beides wären viel mehr Korrelate einer objektiv bestimmten Position“ (Bernsdorf, 1969, S. 989 f).

„1. Begriffe: Mit dem Begriff (soziale) Schichtung (s. S.) bedient sich die Soziologie einer Metapher aus der Geologie, um vertikale Strukturen ® sozialer Ungleichheit innerhalb einer Gesellschaft oder einer ihrer Teilstrukturen zu erfassen. Im weiteren Sinn wird der Begriff ahistorisch gebraucht und bezeichnet jedes vertikale Gefüge sozialer Ungleichheit. In diesem Fall sind spezifizierende Unterbegriffe (Kaste, Stand, Klasse etc.) nötig, um historische Erscheinungsformen auseinanderzuhalten. In der neuen Literatur wird der Begriff s. S. meist in engerem Sinn benutzt. Er bezeichnet das weitgehend von der Berufshierarchie ausgehende, vertikale Ungleichheitsgefüge entwickelter Industriegesellschaften. Hierunter sind eindimensionale s. Sbegriffe, die sich auf das Berufsprestige von Gesellschaftmitgliedern konzentrieren, von mehrdimensionalen zu unterscheiden, die sich auch auf beruflich erzieltes Einkommen und Vermögen, (Aus-) Bildung und Machtstellung richten“ (Hradil, 1992, S. 528).

Gesellschaftsmitglieder, denen in etwa ein gleicher sozialer Status und damit ein gleiches soziales Prestige zugemessen wird; i.Allg. wird zwischen Unter-, Mittel- und Oberschicht unterschieden. In fortgeschrittenen Industriegesellschaften sind es v.a. die Merkmale Beruf (oder Berufsprestige), Bildung und Einkommen, mit deren Hilfe Individuen nach ihrem sozio-ökonomischen Status (SES) gemessen und dann zu Schichten gruppiert werden. Charakteristisch ist zudem, dass es (anders als in Stände- und Kastengesellschaften) zwischen den Schichten keine harten und unüberwindbaren Grenzen, sondern soziale Mobilität (Auf- und Abstiegsprozesse) innerhalb einer Generation oder zwischen Generationen, gibt. Die Schichtzugehörigkeit sagt nur bedingt etwas aus über Macht, Einfluss und Prestige der Individuen in ihren verschiedenen Tätigkeits- und Wirkungsbereichen (z.B. ein Arbeiter, der Vorsitzender des Betriebsrats und eines Partei-Ortsvereins ist).

„[…] Der von uns verwendete Schichtbegriff geht von folgendem aus: Generell wird in der soziologischen Terminologie eine Anzahl von Menschen, die im Hinblick auf ein oder mehrere „sozial relevante“ (d. h. das gegenseitige Verhalten beeinflussende) Merkmale gleich (oder ähnlich) erscheinen – wie z. B. Menschen gleichen Alters und/oder gleichen Einkommens und/oder gleichen Berufs. Usw. – als eine Sozialkategorie bezeichnet. Verbinden sich mit den Abstufungen des jeweiligen Merkmals Wertungen im Sinne von höherer oder geringerer sozialer Wertschätzung und liegt den Abstufungen nicht eine mehr oder weniger willkürliche „statistische“ Gliederung zugrunde, sondern handelt es sich um wirklich verhaltensrelevante Abgrenzungen, dann soll von Schichten gesprochen werden. […]“ (Bolte, 1966, S. 15 f).

Literatur

Bernsdorf W. (Hrsg). (1969). Wörterbuch der Soziologie. Stuttgart: Ferdinand Enke Verlag.

Bolte K., Kappe D. & Neidhardt F. (1966). Struktur und Wandel. Reihe B. der Beiträge zu Soziologie. Soziale Schichtung. Darmstadt: C. W. Leske Verlag.

Esser H. (1991). Soziologie. Allgemeine Grundlagen. Frankfurt: Campus Verlag.

Hradil. (1992). Gerd R. (Hrsg). Soziologie – Lexikon 2. Auflage. München: R. Oldenbourg Verlag.

Ohne Autor. (2010). Gabler Wirtschaftslexikon, soziale Schicht, Gabler Verlag, online im Internet: http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/57703/soziale-schicht-v3.html (11-11-09).





Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017