Tinnitus aurium

Der Begriff Tinnitus aurium (das Klingeln der Ohren“) oder kurz Tinnitus bezeichnet ein Symptom, bei dem die oder der Betroffene Geräusche wahrnimmt, die keine äußere, für andere Personen wahrnehmbare Quelle besitzen. Im Gegensatz dazu beruht der objektive Tinnitus auf einer von außen wahrnehmbaren oder zumindest messbaren körpereigenen Schallquelle. Objektiver Tinnitus ist allerdings im Vergleich zum subjektiven Tinnitus sehr selten. Tinnitus als chronische Ohrgeräusche stellt ein häufiges Problem vor allem von erwachsenen Personen dar, das die Lebensqualität sehr stark beeinträchtigen kann. Die störenden Ohrgeräusche entstehen bei von Tinnitus Betroffenen auch dadurch, weil sie plötzlich bestimmte Frequenzen nicht mehr hören können. Man kann sich das wie eine Klaviertastatur vorstellen, bei der eine Taste fehlt, denn das menschliche Gehör ist nach Frequenzen geordnet. Da das Gehirn den fehlenden Ton erwartet, aber nicht empfängt, versucht es diesen analog zu einem Verstärker lauter zu drehen. Die Folge kann eine Rückkopplung sein, die durch die Selbstanregung als Phantomgeräusch wahrgenommen wird. Viele Menschen mit Tinnitus können sich nur sehr schlecht an das ständige Ohrgeräusch gewöhnen und leiden stark darunter. Man vermutet sowohl körperliche als auch psychische Ursachen für die Entstehung eines Tinnitus, wobei zwischen akutem und chronischem Tinnitus unterschieden wird.

Der akute Tinnitus dauert in der Regel nicht länger als drei Monate. Über diesen Zeitraum hinaus wird vom chronischen Tinnitus gesprochen. Zudem unterscheidet man zwischen dem objektiven und dem subjektiven Tinnitus. Beim objektiven Tinnitus liegt die Ursache im Körper des Betroffenen selbst – wie zum Beispiel das Rauschen des Blutes im Körper. Rund 90 Prozent aller Betroffenen hat jedoch einen subjektiven Tinnitus, also hört Geräusche im Ohr, die weder eine innere noch eine äußere Schallquelle haben. Im übertragenen Sinn kann der Tinnitus auch als Lärm der Seele bezeichnet werden, wobei die Ohrgeräusche eine Art Schutzfunktion aufweisen können.

Viele Tinnitus-Betroffene reagieren auf Belastung mit muskulärer Anspannung im Kopf- und Nackenbereich, so dass in einem Behandlungsprogramm oft auch die reflektorische muskuläre Verkrampfung reduziert werden muss. Die Geräusche sind sehr vielfältig und reichen von Rauschen, Brummen, Zischen, Pfeifen, Klopfen bis hin zum Knacken. Tinnitus hat übrigens nichts mit auditiven Halluzinationen wie etwa dem Phantom-Handy-Klingeln zu tun. Ein Tinnitus kann auf einem oder beiden Ohren oder sogar mitten im Kopf zu hören sein, die Lautstärke sowohl gleichbleibend als auch variabel. Vor allem ältere Menschen geben an, Ohrgeräusche zu haben, wobei die Anzahl von Frauen und Männern nahezu gleich ist. Bei den meisten Menschen verschwindet der Tinnitus genauso unverhofft wie er gekommen ist. Ein kurzzeitiger Tinnitus kann durch zu laute Musik, einen heftigen Knall oder akute Stressbelastungen auftreten, wobei das Geräusch, das akut Betroffene hören, meist durch Überlastung oder gar Verletzungen der Haarzellen des Innenohrs bedingt ist. Ohrgeräusche können ein Hinweis auf verschiedene Erkrankungen sein, die nicht immer im Ohr zu finden sind, wobei körperliche Auslöser für einen Tinnitus Hörschäden, Drehschwindel, Hörsturz und Probleme in der Halswirbelsäule oder im Kiefer sein können. Aber auch Tumore oder Verletzungen des Ohres können zum Tinnitus führen. Bei den meisten Betroffenen werden jedoch keine körperlichen Ursachen gefunden. Ohrgeräusche, die höchstens einige Wochen dauern, nur phasenweise auftreten und die den Betroffenen wenig einschränken, sind weitgehend unbedenklich. Dauern die Ohrgeräusche jedoch länger oder beeinträchtigen die Lebensqualität von Anfang an erheblich, dann sollten die Betroffene zeitnah einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt aufsuchen. Der Tinnitus an sich ist zwar keine Krankheit, aber ein Warnsignal des Körpers.

In Untersuchungen ging man der Frage nach, wie stark die Ohrgeräusche die Konzentration und das Gedächtnis beeinträchtigen, und verglich die Leistung von Tinnitusbetroffenen und Gesunden im Stroop-Paradigma. In diesem Test müssen die Probanden jeweils benennen, in welcher Farbe ein auf dem Bildschirm präsentiertes Wort geschrieben ist, und dabei den Begriff selbst ignorieren. Bei diesem Test muss das Gehirn widersprüchliche Informationen verarbeiten, die es erschweren, die korrekte Antwort zu geben. Es zeigte sich, dass das Menschen mit einem Tinnitus besonders schlecht gelingt. Auch das gleichzeitige Bearbeiten zweier Aufgaben bereitet vielen Probleme, denn wenn Probanden mit und ohne Tinnitus Wörter vorlesen sollen, die in einer Ecke eines Bildschirms erscheinen und simultan eine Taste drücken müssen, wenn in der Mitte des Monitors ein Rechteck auftaucht, dann schneiden Menschen mit Tinnitus ebenfalls schlechter ab, aber auch ihr Arbeitsgedächtnis ist dabei stärker beeinträchtigt, sodass sie sich weniger Wörter merken.

Nach einer Theorie ist der Auslöser von Tinnitus häufig ein Defekt zerstörter Haarzellen im Innenohr, nach einer anderen Theorie entsteht Tinnitus durch Umbauvorgänge im Gehirn, denn zerstört etwa übermäßiger Lärm Haarzellen im Innenohr, die einer bestimmten Frequenz zugeordnet sind, erhalten die entsprechenden Neuronen der Hörrinde keinen auditiven Input mehr, sodass diese in der Folge auf die Informationen benachbarter Nervenzellen zurückgreifen, die angrenzende Frequenzen repräsentieren. Bei Tinnitus-Patienten findet sich daher eine sichtbare Verdickung an der Hirnrinde und zwar genau in jenen Bereichen, die für das Hören zuständig sind, was auf eine pathologische Überaktivität des Gehirns in diesen Hörarealen hindeutet, d. h., das Gehirn beschäftigt sich quasi mit sich selbst. Diese Frequenzen sind daraufhin in der Hörrinde im Gehirn überrepräsentiert und vermitteln nun das Ohrengeräusch. Unklar ist nach Meinung von Experten, ob die Reorganisation eine kausale Voraussetzung des Tinnitus ist oder eher ein Kompensationsversuch. Die Remapping-Theorie geht davon aus, dass sich die cortikale Antwort des normalen Hörfelds erhöht und dadurch das Pfeifen entsteht. Allerdings bewegt sich Tinnitus meist genau in jenem Spektrum, der eigentlich durch die zerstörten Haarzellen ausfallen müsste.

Tinnitus-Betroffene lauschen den störenden Geräuschen aus ihrem Inneren meist sehr konzentriert und bewusst, was für das Gehirn bedeutet, dass das Geräusch offensichtlich sehr wichtig sein muss. Es verstärkt daher die bewusste Wahrnehmung und lässt das Geräusch für die Betroffenen oft erst zu einem Leiden werden. An diesem Punkt setzen einige wirksame Therapien an, denn nicht jeder empfindet das Klingeln oder Sausen im Ohr als permanente Qual und viele schaffen es auch, dem Geräusch im Alltag eher wenig Aufmerksamkeit zu schenken. Man spricht in diesem Fall von einem kompensierten Tinnitus, d. h., in der an einer Hypothese ansetzenden Therapie soll gelernt werden, den Tinnitus zu dekompensieren. In einem ersten Schritt lernen die KlientInnen zunächst zu verstehen, woher das Ohrgeräusch kommt, denn das nimmt zunächst teilweise die Angst. Dann kommt in einem zweiten Schritt ein Tinnitus-Noiser zum Einsatz, der ein angenehmes Geräusch erzeugt, auf das sich die Betroffenen konzentrieren sollen – verhaltenstherapeutisch kommt es zu einer Inkompatibilität zweier Empfindungen. Häufig ist es auch eine besonders negative Einstellung, die das Sausen oder Klingeln zum Problem werden lässt, denn nicht selten leiden die vom Tinnitus Betroffenen an einer allgemeinen Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.

Zwei Prozent der Bevölkerung fühlen sich nach Aussage der Deutschen Tinnitus-Liga durch einen Tinnitus mittelschwer oder bis zur Unerträglichkeit belastet. Eine solche Tinnitusbelastung kann durch eine kognitive Verhaltenstherapie erfolgreich gesenkt werden. In der Verhaltenstherapie lernen Betroffene Techniken, die ihnen helfen, sich nicht auf das Ohrgeräusch zu konzentrieren, wobei meist auch Entspannungsübungen zur Therapie gehören, denn Stress erhöht das Leiden am inneren Lärm. Allerdings hat nicht jeder die Möglichkeit oder auch den Wunsch, eine Psychotherapie zu beginnen. Wie eine deutsch-schwedische Studie nun gezeigt hat, können die Betroffenen mit gleichem Erfolg ein internetbasiertes Behandlungsprogramm durchführen, bei dem sie sich selbstständig und aktiv neue Bewältigungsstrategien aneignen müssen.

Bei den wirksamen Therapien geht es vor allem darum, der Eigenständigkeit der Hörareale im Gehirn einen Gegenimpuls zu liefern, also um die Ablenkung der Aufmerksamkeit. Beim Tinnitus mit psychischer Erkrankung, wie zum Beispiel einer Depression, sollte man die Aufmerksamkeit auf die Therapie der Depression lenken, dann wird bei den meisten das Geräusch im Ohr automatisch leiser oder geht, im besten Falle, sogar ganz weg. Auch körperliche Aktivitäten und aktive Entspannungstechniken können nachweislich sehr hilfreich sein, Qi Gong, Bewegungsmeditation oder Progressive Muskelentspannung sind wirksam. Alle Entspannungstechniken sollten allerdings möglichst mit Umgebungsgeräuschen und nicht in der Stille  praktiziert werden, denn ansonsten kann ein gegenteiliger Effekt entstehen. Die Retraining-Therapie zielt darauf ab, dass Betroffene von dem Geräusch im Ohr abgelenkt werden, um die Töne aus dem Bewusstsein zu verbannen. So kann der Tinnitus leiser werden oder sogar ganz weggehen. Die Langzeittherapie ist ein Verbindung aus ausführlichem Aufklärungsgespräch (Counseling), psychologischer Betreuung, Entspannungstechnik und dem Einsatz technischer Geräte, und dauert meist zwischen 12 und 24 Monate.

Nach neueren Untersuchungen in Heidelberg (Grapp et al., 2013) eignet sich auch eine Neuro-Musiktherapie zur Behandlung von Tinnitus, bei der zu Beginn für jeden Betroffenen mittels eines Synthesizers ein individueller tinnitus-ähnlicher Klang bzw. Rauschen erstellt wird. Mit dieser Therapie wurden in einer Studie Menschen mit akutem Tinnitus, denen eine erste medizinische Versorgung nicht geholfen hatte, behandelt. Die angewandte Neuro-Musiktherapie eignet sich vor allem deshalb bei der Behandlung von Tinnitus, da die störenden Ohrgeräusche wie auch das Musikhören vom menschlichen Gehirn als akustische Reize wahrgenommen und in den denselben Gehirnarealen verarbeitet werden. Die erprobte Musiktherapie hat dabei zu einer Verringerung der subjektiven Tinnitusbelastung um bis zu 85 Prozent geführt, wobei schon eine fünftägige Behandlung zu Veränderungen in den primären und sekundären Hörarealen, in Gehirnbereichen, die mit Konzentration und Aufmerksamkeit zusammen hängen, sowie in Arealen des sogenannten Default-Mode Netzwerks geführt haben. Untersuchungen an einigen wenigen Betroffenen zeigten aber auch, dass beim Tinnitus nicht allein das Hörzentrum betroffen sein kann, sondern auch andere Hirnareale mit aktiviert werden, wie etwa der sensomotorische Cortex, die Temporal- und Parietiallappen sowie das limbische System.

Man hat nun auch eine Neuro-Musik-Therapie entwickelt, die auf einer Verbindung von psychosozialer Beratung, Stressmanagement und einer speziellen Musik-Therapie beruht, in der die Betroffenen lernen, ihre Ohrgeräusche wegzusummen, denn beim Summen erzeugt die Stimme automatisch auch Obertöne, von denen einige die Tinnitusfrequenzen treffen. Die Tinnitus-Patienten können über das Nachsummen und Singen von Grundtönen zur meist höheren Tinnitus-Frequenz den fehlenden Ton im Gehirn rekonstruieren. Das kann das Gehirn letztlich dazu bringen, die im Gehör fehlenden Obertöne wieder vermehrt wahrzunehmen und dadurch deren fehlgeleitete Übersteuerung dieser Frequenzen rückgängig machen. Untersuchungen haben nun auch neurologisch belegt, warum diese Form der Musiktherapie in Verbindung mit Entspannungsübungen bei Tinnitus so erfolgreich ist: Über Aufnahmen im Magnetresonanz-Tomographen konnten Krick et al. (2015) nachweisen, dass sich schon nach fünf Tagen die Gehirnstrukturen verändern. d. h., der Lernfortschritt während der Musiktherapie reorganisiert jenes Gewebe im Gehörcortex, das aufgrund der Tinnitus-Störung zunächst abgebaut wurde. Man konnte nachweisen, dass schon nach wenigen Tagen die Neuronen, die den Höreindruck verarbeiten, nachgewachsen sind, d. h., es wurde die Struktur des betreffenden Areals des Gehirns umgebaut und zwar dauerhaf. Bei den Betroffenen, die den Therapiefortschritt als besonders erfolgreich wahrgenommen hatten, waren auch die stärksten Veränderungen im Gehirn zu beobachtent. Auch bei den gesunden Vergleichspersonen konnten die Forscher neue Strukturen erkennen, denn dort wuchs Gewebe in jenen Gehirnarealen nach, die für die Stressverarbeitung von Bedeutung sind. Überraschend waren für die Forscher die Geschwindigkeit und das deutliche Ausmaß des Gehirnumbaus.

Eine weitere Form der Tinnitustherapie, die Taylor-Made Notched Music, also maßgeschneiderte gefilterte Musik, beruht auf dem Gedanken, dass die hyperaktiven Nervenzellen im Hörzentrum von Tinnituspatienten umlernen können, ihr Signalfeuerwerk gehemmt werden kann. Zuerst wird dafür die genaue Frequenz des Tinnitus bestimmt, dann wird sie aus einem Musikstück herausgefiltert, d. h., die Musik hat dann ein kleines Loch im Spektrum. Wenn Betroffene das bearbeitete Stück hören, werden die Nervenzellen im Hörzentrum gezielt geschont und durch die veränderte Musik lernen die Nerven um, d. h., der Tinnitus lässt allmählich nach.

Quellen & Literatur
http://scinexx.de/dossier-detail-597-5.html (12-08-12)
http://www.selbsthilfenoe.at/ (11-11-21)
http://dzm-heidelberg.de/index.php/aktuelle-projekte.html?id=46 (13-12-11)
http://www.apotheken-umschau.de/Ohren/Was-Therapien-bei-Tinnitus-bringen-529947.html (17-01-05)
Grapp, M., Hutter, E., Argstatter, H., Plinkert, P.K., Bolay, H.V. (2013): Neuro-Music Therapy for Recent-Onset Tinnitus: A Pilot Study. SAGE Open 2013 3; DOI 10.1177/2158244013489692.
Krick, Christoph Maria, Grap, Miriam, Daneshvar-Talebi, Jonas, Reith, Wolfgang, Plinkert, Peter K. & Bolay, Hans-Volker (2015). Cortical reorganization in recent-onset tinnitus patients by the Heidelberg Model of Music Therapy. Frontiers in Neuroscience, 9, DOI=10.3389/fnins.2015.00049
Zeh, Jana (2014). Der Verlust der StilleTinnitus ist keine Krankheit. n-tv vom 8. März 2014.

 




Falls Sie in diesem Beitrag nicht fündig geworden sind, können Sie mit der folgenden Suche weiter recherchieren:


Das Lexikon in Ihren Netzwerken empfehlen:

You must be logged in to post a comment.

Diese Seiten sind Bestandteil der Domain www.stangl.eu

© Werner Stangl Linz 2017