Schreibstörung

Schreibstörung: „Beeinträchtigungen des Schreibens durch körperl. oder seel. Erkrankungen. Schreibunfähigkeit (->Agraphie) tritt u.a. bei zentralen Hirnschädigungen auf; Schreibschwäche (->Legasthenie) bei normaler oder auch überdurchschnittl. Intelligenz äußert sich in Schwierigkeiten beim Erlernen der Orthographie (auch in bleibender Unsicherheit); Störungen der Schreibbewegung können bei vielfältigen Erkrankungen der Nerven und Muskeln auftreten, z.B durch Störung der feinmotor. Koordination bei multipler Sklerose, Parkinson-Krankheit oder bei Polyneuropathie. S. ohne organ. Grundlage (extrem als Schreibkrampf) können auf Überanstrengung und Verkrampfung zurückgehen, sind meist aber ein durch aktuelle Konflikte bewirktes neurot. Symptom“  (Ohne Autor, 1996, S. 462).

„Manchen Kindern bereitet es keine Schwierigkeiten, schreiben zu lernen. Der Lehrer gibt dem Kind in diesem Fall eine Vorlage zum Abschreiben ohne jede Erklärung, wie man den Buchstaben bildet, und das Kind wird gut zurechtkommen. Manche Kinder brauchen indessen sehr viel verbale Anleitung.“ „Bei Kindern mit Lernproblemen gibt es solche, die ihre Bewegungen nicht gut kontrollieren und steuern können, um ein Werkzeug geschickt zu handhaben, und daher auch Schwierigkeiten mit dem Bleistift haben“ (Frostig & Maslow, 1978, S. 310).

Agraphie ist die „Unfähigkeit, die zum Schreiben erforderlichen Bewegungsvorstellungen zu bilden, bei voller Bewegungsfähigkeit der Hände und normaler Intelligenz (Häcker & Stapf, 1994, S. 15).

Schreibstörungen „beruhen fast immer auf Störungen des Innervationsapparates. Neben Lähmungen der peripheren Nerven können auch zentrale Störungen (infolge von Ausfällen im Scheitellappen der Hirnrinde) eine ->Agraphie bewirken. Bei Schreibanfängern kommen vereinzelte Fälle abnormer ‘Unbeholfenheit‘ (d.h. Mangel an Koordinationsfähigkeit der Schreibbewegungen) vor, die meist durch langes Üben zu beheben sind. Schreibkrampf tritt auf bei falscher Schreibhaltung, häufig auch infolge seelischer Verkrampftheit, und erfordert in letzterem Falle oft eine psychotherapeutische Behandlung“  (Hehlmann, 1971, S. 477).

„Beim neurophysiologischen Funktionskomplex des Schreibens sind je nach Ausmaß und Lokalisation krankhafter Prozesse mit neurologischen Ausfallerscheinungen im Bereich des zentralen und peripheren Nervensystems Schreibstörungen in verschiedenster Art und Kombination mit Sprach- und Lesestörungen möglich“ (Horney, Ruppert & Schultze, 1970, S. 791).

Rechtschreibschwächen sind oft kombiniert mit Leseschwierigkeiten und werden dann häufig unter der Bezeichnung Legasthenie zusammengefasst, wobei neben genetischen und äußeren Einflussfaktoren auch eine Störung der visuellen und auditorischen Wahrnehmungsverarbeitung zugrunde liegt. Menschen nach einem Schlaganfall haben häufig Schwierigkeiten, Wörter korrekt zu schreiben, insbesondere wenn Gedächtnisstörungen vorliegen, wobei Betroffenen Probleme haben, ähnlich wie LegasthenikerInnen die Buchstaben eines Wortes in die richtige Reihenfolge zu bringen. Bei einer Untersuchung (Rapp et al., 2015) von Menschen, die vor fünfzehn Jahren einen Schlaganfall erlitten hatten und unter Rechtschreibstörungen litten, zeigten sich verschiedene Einschränkungen des Langzeit- und Arbeitsgedächtnisses, wobei es bei Einschränkungen des Langzeitgedächtnisses vor allem Strukturdefizite in der linken inferioren posterioren Frontalregion und dem ventralen Temporalkortex gab, während bei Schwierigkeiten mit dem Arbeitsgedächtnis die Rechtschreibstörungen von Läsionen im linken Parietalkortex nahe dem intraparietalen Sulcus ausgingen. Offensichtlich wird die Rechtschreibung von Wörtern von weit auseinanderliegenden Hirnregionen in komplexer Zusammenarbeit koordiniert.

Literatur
Frostig, M. & Maslow, P. (1978). Schreibprobleme. Lernprobleme in der Schule. Stuttgart: Hippokrates-Verlag.
Häcker, H. & Stapf, K. (1994). Agraphie. Dorsch Psychologisches Wörterbuch. Bern: Verlag Hans-Huber.
Hehlmann, W. (1971). Schreibstörung. Wörterbuch der Pädagogik. Stuttgart: Verlag Alfred Kröner.
Horney, W. Ruppert, J. & Schultze W. (1970). Schreibstörung. Gütersloh: Bertelsmann Fachverlag.
Ohne Autor (1998). Schreibstörung. Brockhaus – Die Enzyklopädie, 19. Band. Leipzig – Mannheim: Verlag F.A. Brockhaus GmbH.
Rapp, B., Purcell, J., Hillis, A. E., Capasso, R. & Miceli, G. (2015).  Neural bases of orthographic long-term memory and working memory in dysgraphia. Brain, 139, 588 – 604.

 





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