Theory of Mind

Die Theory of Mind beschreibt die Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer hineinversetzen zu können, d. h., die Gedanken und Überzeugungen anderer logisch erschließen zu können. Die Entwicklung der Theory of Mind ist ein wichtiger Baustein in der Entwicklung von Kindern. Der Ansatz der Theory of Mind bezieht sich demnach auch auf das Verständnis von Menschen für das Funktionieren des menschlichen Verstandes und den Einfluss, den dieser auf das jeweilige Verhalten ausübt. Die Theory of Mind ist somit meist eine naive Psychologie, mit deren Hilfe sich Menschen die mentalen Zustände und inneren Prozesse anderer Menschen zu erklären versuchen. Dadurch sind sie in der Lage, die Gefühle, Wahrnehmungen und Gedanken anderer einzuordnen und deren Verhaltensweisen einzuschätzen.

In Psychologie und Hirnforschung versteht man unter „Theory of Mind“ die Fähigkeit, Bewusstseinsvorgänge wie Gefühle, Bedürfnisse, Ideen, Absichten, Erwartungen und Meinungen anderer Personen zu antizipieren bzw. das eigene und das Verhalten anderer durch Zuschreibung mentaler Zustände zu interpretieren. Menschen besitzen bekanntlich ein besonderes Einfühlungsvermögen, denn um andere Menschen zu verstehen, müssen sie fremde Gedanken, Wünsche und Gefühle genauso entziffern wie versteckte Absichten oder unterschwellige Meinungen. Für diese anspruchsvolle Fähigkeit im menschlichen Gehirn ist ein ganzes Netzwerk verschiedener Areale zuständig das als Theory-of-Mind-Netzwerk (TOM) bezeichnet wird. Bisher wurden darunter hoch komplexe geistige Leistungen verstanden, doch neuere Experimente legen nahe, dass dieses System schon bei einfachen Handlungen eine wichtige Rolle spielt. Momentan versuchen Forscher die Funktionsweise im Detail zu verstehen, also welche Komponenten eher für Wünsche, welche für die Meinungen oder die Stimmungen anderer zuständig sind.

Für Erwachsene ist es manchmal einfach zu bemerken, wann Mitmenschen aus falschen Überzeugungen heraus handeln, wobei diese Form von Erkenntnis als elementar für die soziale Kompetenz gilt.

Bereits in einer vorgeschichtlichen Stammesgruppe war es wichtig zu wissen, wie die Hierarchie aufgebaut ist, wer Freund und wer Feind ist und dass eine Hand die andere wäscht, d.h.,  Allianzen zu bilden und zu kooperieren gehörte schon damals zu den Fähigkeiten, die das Überleben in einer Gemeinschaft sicherten. Die dabei entwickelte Theory of Mind half den Menschen einzuschätzen, wie ein anderer wohl reagieren wird, wenn man ihn um Hilfe bittet oder wenn man ihn bedroht. Hilfsbereitschaft, Mitgefühl oder Rücksichtnahme sind daher nicht primär höfliche, sondern überlebenswichtige Werte einer Gesellschaft, wobei Kulturpessimisten heute befürchten, dass Mitgefühl kein anzustrebender Wert mehr ist, sondern die Hilfsbereitschaft nachlässt, da sich viele Menschen auf dem Egotrip befinden. Um die Fähigkeit einer Theory of Mind zu entwickeln, müssen Menschen in der Lage sein, eine Außenperspektive zu sich selbst einzunehmen, wobei das nur gelingt, wenn man die Innenperspektive des anderen akzeptiert.

Anmerkung: Der Mensch ist eigentlich von Natur aus sozial und bereit zu helfen, wobei die menschliche Kultur vor allem durch Kooperation entstanden ist. Allerdings ist der Mensch von der Evolution her nicht auf Situationen angelegt, in denen er auf Fremdes trifft, sondern er ist darauf angelegt, vor allem jenen Menschen zu helfen, die er gut kennt. Dabei dürfen das auch nicht zu viele sein, denn der Mensch hat sich in überschaubaren Gruppen entwickelt, wie es sie etwa noch auf dem Land gibt. Das Leben in der Stadt läuft unter völlig anderen Bedingungen ab, sodass die menschliche Hilfsbereitschaft in Extremsituationen auf engere Beziehungen beschränkt bleibt.

Bisher ging man davon aus, dass Kinder diese Gabe mit ungefähr vier Jahren entwickeln, doch nach neueren Untersuchungen merken schon Kleinkinder im Alter von zwei Jahren, wenn sich ein anderer irrt und können sein Verhalten entsprechend vorhersagen. So nimmt man heute auch an, dass Geschwister Glück und Partnerschaft beeinflussen, denn wer unter Geschwistern aufwächst oder schon früh in einer Kindergruppe wie im Kindergarten interagiert, der merkt schnell, dass andere Kinder anders denken und macht sich darüber erste Gedanken. Wenn Eltern jedoch nur ein Kind haben, dann dreht sich oft alles um das Kind, d.h., es hat nicht mehr das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, sondern denkt, es sei der Mittelpunkt der Welt. Solche Kinder haben wenige Lernanreize, die Innenperspektive anderer Menschen zu ergründen, um deren Verhaltensweisen ihnen gegenüber vorherzusagen, denn oft reicht es, einen Wunsch einfach zu äußern, damit er erfüllt wird. Heute wird diese Fähigkeit des Perspektivenwechsels auch manchen Tieren wie Primaten und manchen Vogelarten zugesprochen. Kognitionsbiologen bemühen sich seit einiger Zeit, bei Menschenaffen und intelligenten Tieren nachzuweisen, was experimentell nicht  einfach ist, da sich auch Tiere an der Kopf- oder Augenbewegung von Artgenossen orientieren können.

Bugnyar et al. (2016) nutzten in einer ausgeklügelten Experimentieranordnung aus, dass Raben Futter vor Artgenossen verstecken. Zunächst wies man nach, dass Raben Futter nur dann gut verstecken, wenn dominante Artgenossen sichtbar und gleichzeitig hörbar sind. In einem zweiten Schritt zeigte man diese Raben ein Guckloch, das ihnen erlaubte, in in Nachbarraum zu spähen. Wenn dieses Guckloch in der Folge offen war und die Raben vom Nachbarraum Laute anderer Raben hörten, versteckten sie ihr Futter in der gleichen Weise, wie wenn ihre Artgenossen sichtbar wären. Da die Anwesenheit von Artgenossen beim offenen Guckloch über Playback simuliert wurde, konnten die Raben definitiv nicht das Verhalten von Artgenossen beurteilen, dennoch agierten sie, als ob sie beobachtet würden, d. h., sie besaßen offenbar ein Verständnis der Sichtweise der anderen.

Die Informationsweitergabe zwischen Individuen bildet die Basis aller Langzeittraditionen und Kulturen und spielt eine wesentliche Rolle in der Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen, wobei auch Tiere einander häufig beobachten, um neue Informationen etwa über potentielle Nahrungsquellen oder Raubfeinde zu erhalten. Solche sozialen Interaktionen reichen von aggressiven Zusammentreffen bis hin zu freundlichen Begegnungen, die wesentlich für das Entstehen enger sozialer Beziehungen sind. Bisher war bekannt, dass räumliche Nähe zwischen Artgenossen das Lernen fördern kann, jedoch war kaum etwas über die Rolle bekannt, die unterschiedliche soziale Beziehungen beim Beobachten und Lernen spielen können. In einer Studie (Kulahci et al., 2016) wurde das Sozialverhalten von Raben analysiert und es zeigte sich, dass nicht alle sozialen Verbindungen gleichermaßen das Beobachten und das Lernen voneinander beeinflussen, sondern dass vor allem Netzwerke, die auf freundlichen Interaktionen beruhen wie das nahe Beieinandersitzen oder einander das Gefieder zu kraulen, maßgeblich dafür verantwortlich sind, wie Information in einer Rabengruppe weitergegeben wird. Man hat dabei Raben mit einer Aufgabe konfrontiert, die sie nicht kannten und für deren Lösung nur ein Tier angelernt wurde. Ausgehend von diesem Individuum wurde dann beobachtet, wie sich die Lösung der Aufgabe als Wissen in der Gruppe verbreitet. Dabei zeigte sich, dass enge soziale Beziehungen die gegenseitige Toleranz erhöhen, was dazu führte, dass Tiere mit positiven Beziehungen zueinander einander auch aus nächster Nähe bei der Aufgabenbewältigung beobachten durften. Raben, die enge Beziehungen zu jenen Artgenossen pflegten, die die Aufgabe bereits lösen konnten, waren früher in der Lage diese Aufgabe zu meistern als diejenigen, die kaum enge Beziehungen zu anderen hatten. Insbesondere bei jungen Raben bestanden diese engen Beziehungen, vor allem zwischen Geschwistern, was auch die Bedeutsamkeit verwandtschaftlicher Bindungen zeigt, die beim Lernen helfen.

Experimente zur Theory of mind

Getestet wird die Entwicklung dieser kognitiven Fähigkeit mit einer Reihe von Experimenten, etwa mit der False-belief-Aufgabe, die von Wimmer & Perner (1983) entwickelt wurde. Dabei sahen Kinder, wie eine Person beispielsweise ein Buch in einen gelben Koffer legte, und anschließend beobachteten sie, wie eine andere Person das Buch in der Abwesenheit der ersten aus dem gelben Koffer nahm und in einen roten Koffer legte. Schließlich wurden die Kinder gefragt, in welchem der Koffer die erste Person nach dem Buch suchen würde. Dabei antworteten 86 Prozent der Sechs- bis Neunjährigen richtig, über die Hälfte der Vier- bis Sechsjährigen, aber kein Kind, das jünger war. Das bedeutet vermutlich, dass im Alter von vier bis fünf Jahren Kinder zwischen Glauben und Realität unterscheiden, also verstehen, dass es Überzeugungen geben kann, die nicht der Realität entsprechen. Manche vermuten auch, dass  jüngere Kinder diese doch komplexen Aufgaben zum Teil einfach noch nicht verstehen. In einfachen Aufgaben mit wenig Ablenkungsmöglichkeiten und geringen Anforderungen an das Sprachverständnis können auch dreijährige Kinder unter Umständen schon richtige Antworten in den False-belief-Aufgaben geben, wobei bereits Zweijährige fähig sein können, anderen eine falsche Überzeugung zuzuschreiben. Die Entwicklung der Theory of Mind bei Kindern hat auch mit der Gehirnentwicklung zu tun, denn die Fähigkeit, Überzeugungen anderer einzuschätzen, ist auch eine Funktion, die sich aus dem Zusammenspiel verschiedener kognitiver Fähigkeiten ergibt wie etwa dem Gedächtnis, der Aufmerksamkeit, der Sprache, der Gesichts- und Blickerkennung sowie der Fähigkeit, auch Kausalzusammenhänge zu begreifen.

Eine wichtige Grundlage für die Theory of Mind ist auch die Sprachentwicklung. Schon Kinder mit zwei Jahren benutzen Worte, die Emotionen beschreiben – allerdings meist ihre eigenen. Mit etwa drei Jahren fangen Kinder dann an, auch kognitive Ausdrücke wie „Ich denke“, zu verwenden. Die Fähigkeit, eigene Gedanken, Wünsche und Absichten zu haben, ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass sich Verständnis für Überzeugungen anderer herausbilden kann (siehe Info-Kasten).

Jürgen Langenbach weist in einem Artikel darauf hin, dass etwa in der Kurzgeschichte Anton Tschechows „Ein Chamäleon“ die Grundzüge der  „theory of mind“ zu finden sind. Die Erzählung handelt von der Macht: „Der Polizeiaufseher Gorelow kommt irgendwo auf dem Land in eine Situation, in der ein Mann von einem Hund in die Hand gebissen worden ist, der Mann will Schadenersatz, und er will Strafe für den Hund. Gorelow hält beides für gerechtfertigt und befiehlt, den Hund zu erschlagen. Aber vorsichtshalber fragt er die Herumstehenden, ob jemand wisse, wem der Hund gehöre. „Dem General Shigalow“, antwortet einer, Gorelow schwenkt um, nimmt Partei für den Hund (bzw. den Herrn) und gegen den Gebissenen. Ein Zweiter in der Menge dementiert: Der General habe doch ganz andere Hunde. Gorelow schwenkt wieder um, und so geht die Geschichte dahin, man wird hineingezogen in die Person des Polizeiaufsehers – ob nun voll Verständnis oder Abscheu –, man fühlt und denkt mit ihm mit. Exakt das sind die beiden Bestandteile der „theory of mind“ (ToM). Die bezeichnet das für das soziale Leben grundlegende Vermögen, sich in andere hineinzuversetzen und das eigene Verhalten daran zu orientieren. Das ist nicht einfach – man muss zunächst lernen, dass andere erstens andere sind und zweitens doch auch so, wie man selbst ist. Es braucht Einfühlungsvermögen, es braucht Mitdenken, …“

In Experimenten zeigte sich, dass die Qualität der Literatur entscheidend ist, ob sie als Gehirntraining geeignet ist, denn in der guten Literatur bleibt vieles ungesagt und schwingt zwischen den Zeilen mit, Wendungen sind weniger vorhersehbar, Gut und Böse verschwimmen, jeder Protagonist bringt in seine Geschichte eine eigene, oft widersprüchliche Vorstellungswelt mit. Erst das ermöglicht es LeserInnen, bei der Lektüre verschiedene Perspektiven einzunehmen, d. h., die Zweideutigkeit guter Literatur ist näher am richtigen Leben, weshalb gute Literatur die theory of mind auch mehr trainiert als seichte Unterhaltungsliteratur oder trockene wissenschaftliche Texte.

Literatur & Quellen

Bugnyar, T., Reber, S. A. & Buckner, C. (2016). Ravens attribute visual access to unseen competitors. Nature Communications, 7, doi:10.1038/ncomms10506.
Kulahci, I. G., Rubenstein, D. I., Bugnyar, T., Hoppitt, W., Mikus N., & Schwab C. (2016). Social networks predict selective observation and information spread in ravens. Royal Society Open Science, doi: 10.1098/rsos.160256.
WWW: http://rsos.royalsocietypublishing.org/content/3/7/160256 (16-07-07)
Langenbach, J. (2013). Psychologie: Werdet gute Menschen! Lest gute Bücher! Die Presse vom 4. Oktober 2013.
Wimmer, H., & Perner, J. (1983). Beliefs about beliefs: Representation and constraining function of wrong beliefs in young children’s understanding of deception. Cognition, 13, 103–128.
Wagner, B. (2011). Bei mehr als 150 Kontakten macht das Gehirn dicht. Welt online vom 15. Dezember 2011.
https://www.dasgehirn.info/denken/im-kopf-der-anderen/theory-of-mind-2013-ein-kinderspiel (12-11-21)
http://www.berliner-zeitung.de/25002272 (16-11-01)

 




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