Vorurteil

Ein Vorurteil ist eine ungerechtfertigte und in der Regel negative Einstellung gegenüber einer Gruppe und ihren Mitgliedern. Vorurteile beinhalten also stereotype Überzeugungen, negative Gefühle und die Bereitschaft zu diskriminierendem Verhalten. Ein Vorurteil ist somit eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, von einer Gruppe oder ihren einzelnen Mitgliedern in günstiger oder ungünstiger Weise zu denken, eine Einstellung, die einen Menschen prädisponiert, wahrzunehmen, zu fühlen und zu handeln. Der Ausdruck Vorurteil betont dabei den emotionalen, wahrnehmungsmäßigen und kognitiven Gehalt der inneren Prädispositionen und Erfahrungen eines Individuums. Das Verhalten muss nicht notwendigerweise mit diesen Erfahrungen übereinstimmen.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht entwickeln sich etwa ethnische Vorurteile in aufeinander folgenden, sich überlappenden Stufen: erste Wahrnehmung ethnischer Unterschiede etwa mit drei Jahren; rudimentäre Begriffe zur Unterscheidung, meist von den Eltern stammend; begriffliche Differenzierung, einschließlich der Lernerfahrungen; erstes Verständnis für Stabilität und Variabilität von Merkmalen;  Lernen der Zugehörigkeit zu Gruppen mit ca. 5 Jahren; Kategorisierung von Personen, die nicht zur eigenen Gruppe gehören und Differenzierung zwischen Angehörigen verschiedener Gruppen; kognitive Verankerung der Vorurteile;  Stabilisierung der Vorurteile und Identifikation mit den Vorurteilen der eigenen Gruppe. Soziologische und soziokulturelle Theorien betrachten Vorurteile als Resultat der Ungleichverteilung von Macht und Interessen. Damit werden diskriminierende Verhaltensweisen gerechtfertigt, denn es führen konfliktbehaftete Gruppeninteressen um knappe Ressourcen zu wechselseitigen Bedrohungen und feindseligen Einstellungen. Psychodynamische Ansätze gehen von einer generellen ethnozentrischen Reaktionsbereitschaft aus, d. h., wenn politische, ökonomische und soziale Überzeugungen das Ergebnis bestimmter Konstellationen von Es, Ich und Über- Ich sind, etwa auch entstanden durch Erziehungspraktiken, können diese zu einer vorurteilsvollen Persönlichkeitsentwicklung führen. Kognitive Erklärungsansätze gehen davon aus, dass bei vorgegebenen Kategorien die Unterschiede innerhalb minimiert werden, während die Differenzen zwischen den Kategorien maximiert werden. In der Theorie der sozialen Identität wird davon ausgegangen, dass Personen ihre Umwelt anhand unterschiedlicher Merkmale in verschiedene soziale Kategorien einteilen und selbst Mitglieder von Kategorien bzw. Gruppen sind. Über soziale Vergleichsprozesse werden Informationen über die eigene Position und die eigene Gruppe gewonnen.

Als Maße für die Stärke von Vorurteilen können sowohl tatsächlich ausgedrückte Emotionen als auch die Konsistenz in verschiedenen Situationen herangezogen werden, am häufigsten wird jedoch der Grad von positivem (oder negativem) Gefühl gegenüber einer bestimmten und oft ethnisch definierten Gruppe herangezogen. Meist beziehen sich Vorurteile auf negative, abwertende Einstellungen gegenüber Außengruppen bzw. Minoritäten. Die kognitive Komponente der Vorurteile  das subjektive Wissen bzw. die Meinungen über die Außengruppe wird dann als Stereotyp bezeichnet. Soziale Vorurteile sind extrem änderungsresistent, daher stereotyp, als sie bei hoher Verschiedenartigkeit der Situationen minimale Unterschiede in den Urteilen zeigen und auf umfangreichere, soziologisch definierte Klassen von Personen bezogen sind. Vorurteile beinhalten dabei immer Gefühle und ein System mehr oder weniger deutlicher Überzeugungen. Vorurteile implizieren im Alltag oft eine ablehnende oder sogar feindselige Haltung gegenüber einer Person, die zu einer Gruppe gehört, der man die zu beanstandenden Eigenschaften zuschreibt.

Vorurteile können manchmal als Einstellungen zur Ich-Verteidigung wirksam werden, denn der Mensch erkennt nur ungern die Existenz tief verwurzelter Minderwertigkeitsgefühle und von Impulsen zu Aggression und Gewalt an. Indem diese bewusst unakzeptierbaren Motive etwa auf eine passende soziale Gruppe projiziert werden, gelingt es, diese Motive nicht als Teil seiner selbst wahrnehmen zu müssen und abzuspalten. Die Vorurteilseinstellungen beinhalten oft die Zuschreibung unerwünschter Eigenschaften auf verschiedene Minderheitengruppen, denn wer etwa Gewalttätigkeit, Geiz, Unordentlichkeit oder Arbeitsscheu anderen verstärkt zuschreibt, kann sich vormachen, dass der andere diese negativen Eigenschaften besitzt, um damit von sich selber abzulenken. Feindselige und vorurteilsbehaftete Einstellungen können daher für den Einzelnen emotional befriedigend, entlastend sein und bei geringem Selbstwertgefühl selbsterhöhend wirken. Aufgestaute unangehme Gefühle wie Aggression und Hass können auf Sündenböcke, die schwach, zahlenmäßig gering, anonym und die sich vermeintlich nicht wehren können, übertragen werden.

Vorurteile sind daher meist nur sehr schwer abzubauen, vor allem, wenn sie gesellschaftlich und medial toleriert werden. Hilfreich ist alles, was dazu beiträgt, die Grenzen zwischen der Eigen- und der Fremdgruppe aufzulösen oder neu zu definieren, wie etwa ein gemeinsamer Gegner, wobei hier neue Vorurteile entstehen können. Auch persönliche Kontakte sind unverzichtbar, wenn  gesellschaftliche Prozesse angestoßen werden sollen, die Vorurteilen den Boden entziehen.

Vorurteile sind Übergeneralisierungen

Der Mensch ist evolutionär nicht in der Lage, die Umwelt stets so wahrzunehmen, wie sie objektiv ist, sondern er muss kategorisieren, um die Informationsflut zu reduzieren. Vor allem wenn Menschen Angst haben oder gestresst sind, verfallen sie in Vorurteile mit ihrer stabilisierenden Wirkung. Vorurteile sind ganz allgemein Wahrnehmungsfehler mit gesellschaftlicher Dimension, wobei sich diese Schablonen des menschlichen Denkens schon früh in der Entwicklung bilden,  denn wenn Kinder von ihrer Umgebung lernen, die Welt zu verstehen, ordnen sie sie in Gut und Böse, Schwarz und Weiß. Auch als Erwachsene speichern wir Wissen in solchen assoziativen Netzen ab, denn ausgehend von den Konzepten in unserem Kopf unterstellen wir anderen Menschen spezifische Eigenschaften oder Verhaltensweisen, nur weil sie einer bestimmten Gruppe angehören. Beim Anlegen solcher Denkschablonen rezipiert das Gehirn das, was die Umwelt an Informationen liefert, wobei Häufigkeit und Intensität des Erlebens dabei meist wichtiger sind als der Wahrheitsgehalt der Informationen.  Vorurteile sind demnach Übergeneralisierungen des menschlichen Gehirns und helfen den Menschen, bei der alltäglichen Informationsverarbeitung Energie zu sparen. Je schneller ein Mensch sein Umfeld einordnen kann, desto mehr Kapazitäten bleiben für andere Denkvorgänge übrig und umso schneller kann er etwa auf Bedrohungen oder auf Gefahren reagieren automatisch.

Siehe dazu Vorurteilsforschung.

Quelle
http://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/03/psychologie-vorurteile-verhalten (13-05-03)





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