Handlungsforschung

Handlungsforschung bzw. Aktionsforschung ist ein Ansatz empirischer Forschung, der in den Human- und Sozialwissenschaften und in Abgrenzung zur traditionellen Empirie – insbesondere der strengen experimentellen Forschung – entwickelt wurde. Handlungsforschung unterscheidet sich deutlich von anderen Wissenschaftskonzepten, wobei die Grenzlinie  zwischen dem kritisch-rationalen Ansatz und dem emanzipatorischen Ansatz der Kritischen Theorie verläuft.  Hinter der Handlungsforschung steht die Idee einer kritischen Sozialwissenschaft, die sich an der Lösung gesellschaftlicher Probleme beteiligt. Drei wesentliche Merkmale (Prämissen) kennzeichnen diese Abgrenzung:

  • Sozialwissenschaftliche Forschung kann nicht wertfrei betrieben werden, d.h., der Forscher ist kein außenstehender objektiver Beobachter, sondern greift parteilich in den Forschungsprozeß ein.
  • Forschung ist ein gegenseitiger Lernprozeß, der sowohl den Forscher als auch den Untersuchten miteinbezieht.
  • Sozialwissenschaftliche Forschung weist einen engen Praxisbezug auf, wobei gemeinsam Forscher und Untersuchter gesellschaftliche und soziale Probleme lösen.

Diese Prämissen fordern eine grundlegende Neubestimmung des sozial- und humanwissenschaftlichen Gegenstandes (Inhalt), und damit auch eine von diesem jeweiligen Gegenstand abhängige Konzeption der Methoden. Zentral für die bisherigen Umsetzungen dieses Forschungskonzeptes ist der emanzipatorische Charakter des Forschungsprozesses.

Die Handlungsforschung geht auf Kurt Lewin zurück, der in den 1940ern die Diskriminierung von Minderheiten vor Ort etwa in Fabriken untersuchte und dabei zugleich auch Veränderungsstrategien entwickelte. Handlungsforschung ist daher immer sozial- und gesellschaftskritisch und setzt an konkreten, sozialen Problemen an, woraus  sich Unterschiede zur quantitativ orientierten Forschung ergeben, denn Handlungsforschung berücksichtigt explizit die Subjektivität und historische Gebundenheit sowohl der ForscherIinnen als auch der Erforschten. Die Ergebnisse von Handlungsforschung werden noch während des Forschungsprozesses in die Praxis umgesetzt, wobei Forschung als Lern- und Veränderungsprozess sowohl für die ForscherInnen als auch die erforschten Menschen konzipiert ist, stets mit dem Ziel, die Kompetenzen der beteiligten Personen so zu erweitern, dass sie ihr gesellschaftliches Interesse selbst vertreten können, etwa durch Gründung von Selbsthilfegruppen oder Anschluss an soziale Bewegungen.

Bei der Aktionsforschung wird idealerweise zunächst von den ForschernInnen und den Erforschten gemeinsam eine Problem- und eine Zieldefinition erarbeitet, an die sich der eigentliche Projektablauf als ein Wechsel von Informationssammlung, Diskurs und praktischem Handeln anschließt. Im Rahmen der Informationssammlung können unterschiedliche Methoden zur Anwendung kommen, z.B. offene teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussion, Dokumentenanalyse usw.  Eine Zusammenarbeit von ForscherInnen und erforschten Menschen stößt dort an ihre Grenzen, wo ein Problembewusstsein nur seitens der ForscherInnen vorhanden ist, nicht aber seitens der erforschten Personen. In der Handlungsforschung werden hohe Anforderungen an die erforschten Personen gestellt, wobei die Güte der Forschung wesentlich von deren Kompetenz und Kooperationsbereitschaft abhängig ist.

Häufig werden einzelne Elemente aus der Handlungsforschung in andere Projekte integrier, etwa in der angewandten Arbeits-, Organisations- und Betriebspsychologie.

Literatur
Moser, H. (1977a). Praxis der Aktionsforschung. Ein Arbeitsbuch. München: Verlag Kösel.
Moser, H. (1977b). Methoden der Aktionsforschung. Eine Einführung. München: Verlag Kösel.
Fiedler, P. & Hörmann, G. (Hrsg.). (1978). Aktionsforschung in Psychologie und Pädagogik. Darmstadt: Verlag Steinkopff.
Stangl, Werner (1999). Handlungsforschung.
WWW: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/FORSCHUNGSMETHODEN/Handlungsforschung.shtml (11-02-27)




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