problemzentriertes Interview

Das problemzentrierte Interview ist ein theoriegenerierendes Verfahren, das den oft postulierten Gegensatz zwischen Theoriegeleitetheit und Offenheit aufzuheben versucht, indem Anwender ihren Erkenntnisgewinn als induktiv-deduktives Wechselspiel organisieren. Das problemzentrierte Interview hat die Form eines qualitativen Interviews, in dem Elemente des leitfadenorientierten Interviews und des narrativen Interviews verbunden werden. Im problemzentrierten Interview sollen die Problemstellungen von den Befragten weitgehend selbst, erzählend, in den von ihnen gesehenen Zusammenhängen entwickelt werden. Durch Interviewereingriffe (Verständnisfragen, Strukturierungen, konfrontative Fragen u.a.) und die Orientierung an einer Check-Liste wird der erzählende Fluss des Verständnisses durch den Interviewer (Herstellung von Zusammenhängen, Überprüfung von Deutungen u.a.) manchmal unterbrochen.

Die Konstruktionsprinzipien des problemzentrierten Interview  zielen auf eine möglichst unvoreingenommene Erfassung individueller Handlungen sowie subjektiver Wahrnehmungen und Verarbeitungsweisen gesellschaftlicher Realität. Entsprechende Kommunikationsstrategien zielen einerseits auf die Darstellung der subjektiven Problemsicht, andererseits werden die angeregten Erzählungen durch Dialoge ergänzt, die das Resultat ideenreicher und leitfadengestützter Nachfragen sind. Theoretisches Wissen entsteht im Auswertungsprozess durch Nutzen elastischer Konzepte, die in der empirischen Analyse fortentwickelt und mit empirisch begründeten Hypothesen am Datenmaterial erhärtet werden. Das problemzentrierte Interview enthält in der Regel verschiedene Formen von Fragen:
Sondierungsfragen werden zu Beginn des Interviews gestellt, um mit ihnen die Bedeutung des interessierenden Problems für die befragte Person zu erfassen. Die Leitfadenfragen machen den theoriegeleitet Kern des Interviews aus. Schließlich dienen Ad hoc-Fragen dazu, interessante Aspekte des Gegenstandes, die von der befragten Person im Interview thematisiert werden und im Leitfaden nicht vorgesehen waren, vertiefend zu explorieren.

Das problemzentrierte Interview lehnt sich an das theoriegenerierende Verfahren der „Grounded Theory“ an, das zum einen die Kritik an einer hypothetisch-deduktiven Vorgehensweise einlöst, derzufolge man die Daten nur durch ex ante festgelegte Operationalisierungsschritte erfassen und überprüfen kann, zum anderen wendet es sich aber auch gegen einen naiv-induktivistischen soziologischen Naturalismus, demzufolge die Haltung des Interviewers durch prinzipielle Offenheit gegenüber der Empirie gekennzeichnet ist bzw. unter Ausklammerung des theoretischen Vorwissens als tabula rasa konzipiert wird.

Literatur

Berger, Hartwig (1974). Untersuchungsmethode und soziale Wirklichkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Glaser, Barney G. & Strauss, Anselm G. (1998). Grounded Theory. Strategien qualitativer Forschung. Bern: Huber.
Kelle, Udo (1996). Die Bedeutung theoretischen Vorwissens in der Methodologie der Grounded Theory. In Rainer Strobl & Andreas Böttger (Hrsg.), Wahre Geschichten? Zur Theorie und Praxis qualitativer Interviews (S.23-48). Baden Baden: Nomos.
Schmidt-Grunert, Marianne (Hrsg.) (1999). Sozialarbeitsforschung konkret: problemzentrierte Interviews als qualitative Erhebungsmethode. Freiburg: Lambertus.
Witzel, Andreas (1996) Auswertung problemzentrierter Interviews. Grundlagen und Erfahrungen. In Rainer Strobl & Andreas Böttger (Hrsg.), Wahre Geschichten? Zur Theorie und Praxis qualitativer Interviews (S.49-76). Baden Baden: Nomos.
Witzel, Andreas (2000, Januar). Das problemzentrierte Interview [26 Absätze]. Forum Qualitative Sozialforschung / Forum: Qualitative Social Research [On-line Journal], 1(1). Abrufbar über: http://qualitative-research.net/fqs [00-05-20].





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