Placeboeffekt

Der Placeboeffekt kennzeichnet das Ergebnis einer Untersuchung, bei dem der Effekt ausschließlich durch die Erwartung der Wirkung zustande kommt. Jede Auswirkung auf das Verhalten, die durch die Verabreichung einer unwirksamen  Substanz (Placebo) hervorgerufen wird, von der ein Versuchsteilnehmer jedoch glaubt, dass sie wirkt, wird auf den Placeboeffekt zurückgeführt.

Der Placebo-Effekt erklärt übrigens auch, warum Kaffeetrinker sich auch durch entkoffeinierten Kaffee wacher fühlen, denn diese haben durch jahrelange Erfahrung gelernt, Geruch und Geschmack von Kaffee mit seiner aufputschenden Wirkung zu verbinden. Diese Konditionierung verursacht daher einen Placebo-Effekt, wenn man ohne Wissen darum entkoffeinierten Kaffee trinkt, denn das Gehirn schüttet trotzdem wachmachende Botenstoffe aus, der Hautwiderstand verändert sich und der Blinkreflex des Auges beschleunigt sich ähnlich wie nach der Einnahme von Koffein.

Das wissenschaftliche Interesse am Placeboeffekt geht auf einen Artikel von Henry Beecher zurück, der während des 2. Weltkriegs als Arzt an der italienischen Front stationiert war, wobei ihm das Morphium ausging und er, um die verwundeten Soldaten trotzdem zu behandeln, Kochsalzlösungen verabreichte und diese im Glauben ließ, ein schmerzlinderndes Medikament zu erhalten. Placeboeffekte entstehen vermutlich durch Erwartungen oder Lernerfahrungen, aber auch die persönliche Situation oder Bedürftigkeit spielt eine Rolle. Nachgewiesen sind Placeboeffekte für Depressionen, Morbus Parkinson und viele Schmerzzustände, aber auch bei sexuellen Dysfunktionen, Allergien und kardiovaskuläre Krankheiten, jedoch ist es nicht möglich, den genauen Verlauf, die Dauer und Stärke vorherzusagen. Placeboeffekte kommen dabei unter Beteiligung höherer Gehirnzentren zustande, insbesondere des präfrontalen Cortex, also eines Gehirnareals, das intelligente Leistungen aber auch Willensfunktionen und Selbststeuerung ermöglichen. Das bestätigt die Beobachtungen, dass ein unbemerkt verabreichtes Schmerzmittel einen geringeren schmerzlindernden Effekt hat, also beim Placeboeffekt die Wahrnehmung, Interpretation und Sinnstiftung wichtige Faktoren darstellen. Der Placebo-Effekt funktioniert daher nicht bei jedem Menschen gleich gut, vor allem kann er nur bei einem gesunden Gehirn einsetzen, das gut vernetzt ist, denn diese gute Vernetzung sorgt beim Placebo-Effekt dafür, dass die Schmerzen gelindert werden.

Locher et al. (2015) untersuchten in einer Metaanalyse den Einfluss von Placebo-Effekten bei der medikamentösen Behandlung der Altersdepression, wobei man den Fokus auf Menschen im Alter von mehr als 55 Jahren legte und 19 Studien mit insgesamt 5.737 Patienten dieser Altersgruppe einschloss. Bei Erwachsenen lassen sich gewisse Vorteile der Antidepressiva-Behandlung gegenüber einer Placebo-Behandlung nachweisen, doch sind die Effekte moderat und werden von der Schwere der depressiven Symptomatik bestimmt, denn nur stark depressive Erwachsene sprechen stärker auf Medikamente im Vergleich zu Placebos an, sodass man bei der Behandlung der Altersdepression große und klinische bedeutsame Placebo-Effekte beobachtet werden können, die nicht wie bei jüngeren Erwachsenen vom Schweregrad der Depression abhängig sind. Man vermutet, dass bei einer medikamentösen Behandlung von altersdepressiven Patienten vor allem die psychosoziale Unterstützung

Immaterieller Placeboeffekt

Untersuchungen von Weger & Loughnan (2013) haben gezeigt, dass Menschen, die Angst vor Prüfungen haben, bei diesen schlechter abschneiden, doch schon der Glaube daran, die Prüfungen gut zu bestehen, macht sie hingegen erfolgreicher. Es handelt sich dabei um einen immateriellen Placebo-Effekt, der auch in Prüfungssituationen wirksam werden kann. In dem Experiment wurden vierzig Probanden zu einem Allgemeinwissenstest eingeladen, wobei die Kontrollgruppe direkt den Test durchführte, während die Versuchsgruppe auf den Test vorbereitet wurde, indem in einem Probedurchlauf angebliche Lösungsworte erst langsam dann immer schneller auf einem Bildschirm vorgespielt wurden, bis die Worte nicht mehr zu erkennen waren, um damit den Probanden das Gefühl von Unterstützung zu geben. Die Probanden der Versuchsgruppe hatten beim Test danach das Gefühl, die Lösungen im Unterbewusstsein vom Bildschirm ablesen zu können und schnitt im Wissenstest tatsächlich besser ab, obwohl die im Vortest gezeigten Wörter nichts mit den Lösungen gemeinsam hatten. Offensichtlich hatten die Probanden der Versuchsgruppe ihre eigenen Ängste in der Prüfungssituation besser im Griff und konnten das vorhandene Wissen besser abrufen.

Placeboeffekt in der Medizin

Erwartungen und Befürchtungen von Patienten spielen eine wichtige Rolle dabei, wie gut eine Behandlung wirkt, denn zahlreiche Studien haben ­gezeigt, wie stark Menschen auf Suggestion ansprechen. So konnten man etwa nachweisen, dass teilweise dieselben Hirnareale aktiv sind, wenn jemandem statt eines starken Schmerzmittels ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff verabreicht wird. Doch nicht nur Medikamente sondern auch Scheinbehandlungen und sogar die Art und Weise, wie Ärzte mit ihren Patienten kommunizieren, können eine Placebo-Reaktion auslösen, sodass der Placebo-Effekt auch bei den meisten wissenschaftlich erprobten Behandlungen stets Teil der Wirkung ist. Schon die Erwartung, dass ein Mittel heilt, führt zur Ausschüttung körpereigener Stoffe wie etwa schmerzlindernder Endorphine, sodass bei geschickter Nutzung dieser psychischen Vorgänge weniger Medikamente verabreicht werden müssen, was sowohl Nebenwirkungen als auch Therapiekosten senkt. Viele Ärzte können ihre Behandlung verbessern, indem sie empathisch sind, auf Befürchtungen der Patienten eingehen sowie Worte, Mimik und Gestik bewusst einsetzen, was insbesondere bei Kindern eine große Rolle spielt, wie ihnen eine bestimmte Behandlung erklärt wird. So sind Sechs- bis Neunjährige weniger hitzeempfindlich, wenn man ihnen eine blaue Salbe ohne Wirkstoff auf den Arm streicht, wobei der Effekt stärker ausfällt als bei Erwachsenen. Allerdings ist in manchen Fällen der Einsatz von Placebos ethisch fragwürdig, denn als Arzt sollte man seine Patienten nicht täuschen, ihnen falsche Hoffnungen machen oder eine wirksame Behandlung vorenthalten. Viele Ärzte helfen sich deshalb mit Pseudoplacebos, indem sie harmlose Mittel wie etwa Vitaminpräparate oder Salben verschreiben, und so dem Wunsch ihrer Patienten nach einem Medikament nachkommen.

Steigerung des Placeboeffekts bei Schmerzmitteln in den letzten zwanzig Jahren

In einer Untersuchung (Tuttle et al., 2015) zum Placeboeffekt hat sich gezeigt, dass zumindest in den USA die Wirkung der Suggestion in den letzten zwanzig Jahren deutlich gestiegen ist, wobei sich die Kluft zwischen Medikamentenwirkung und Placeboeffekt verminderte, denn lag die  Wirkung von Schmerzmitteln im Jahr 1996 durchschnittlich noch 27 Prozent höher als die von Scheinmedikamenten, betrug dieser Unterschied aktuell nur noch 9 Prozent. Man analysierte in dieser Metastudie zahlreiche klinische Untersuchungen mit Schmerzmedikamenten, wobei sich zeigte, dass je länger die Studien dauerten, desto stärker trat der Placeboeffekt auf. Man erklärt das damit, dass die enge Betreuung bei solchen Studien die Erwartungshaltung der Probanden positiv beeinflusst und daher den Placeboeffekt steigert. Wenn Placebos allerdings tatsächlich die Wirkung von Schmerzmitteln übertreffen, kann dies allerdings auch bedeuten, dass eine Grundannahme des Placeboprinzips falsch ist, dass nämlich der Placeboeffekt auch bei wirksamen Medikamenten besteht, denn schliesslich weckt der echte Wirkstoff ebenfalls positive Erwartungen, weshalb auch der Placeboeffekt nicht nur in der Kontrollgruppe steigen sollte, sondern auch bei Menschen, die mit einem pharmakologisch aktiven Mittel behandelt werden. Allerdings sind diese Therapieeffekte in den Wirkstoffgruppen gleich blieben, d. h., dass sich spezifische und unspezifische Wirkung nicht zu addieren scheinen.

Literatur & Quellen

Locher, C., Kossowsky, J., Gaab, J., Kirsch, I., Bain, P. & Krummenacher, P. (2015). Moderation of antidepressant and placebo outcomes by baseline severity in late-life depression: A systematic review and meta-analysis [Abstract]. Journal of Affective Disorders, 181, 50-60.
Tuttle, Alexander H., Tohyama, Sarasa, Ramsay, Tim, Kimmelman, Jonathan, Schweinhardt, Petra,Bennett,  Gary J. & Mogil, Jeffrey S. (2015). Increasing placebo responses over time in U.S. clinical trials of neuropathic pain. Pain, 156. DOI:10.1097/j.pain.0000000000000333.
Weger, U.W. & Loughnan, S. (2013). Mobilizing unused resources: using the placebo concept to enhance cognitive performance. Quarterly Journal of Experimental Psychology,  66,  23-28.
http://www.berneroberlaender.ch/wissen/medizin-und-psychologie/die-macht-der-kommunikation/story/10240491 (17-02-16)





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