Introjektion

Introjektion ist in der Psychoanalyse der umgekehrte Vorgang der Projektion, d.h., es werden fremde Anschauungen, Motive, Verhaltensweisen ins eigene Ich aufgenommen. Dabei geht es nicht um die legitimen Formen des Lernens  sondern um Imitationen, die dem eigenen Ich eigentlich fremd sind und etwa der Abwehr von Minderwertigkeitsgefühlen dienen sollen. Ein Beispiel ist ein Musiker, der in Erscheinungsbild und Gehaben ganz in die Rolle eines anderen geschlüpft ist, der wirklich etwas kann und darum auch Erfolg hat. Oder etwa Menschen, die im Grunde ihres Herzens eigentlich eher konservativ sind, aber plötzlich ganz unvermittelt und im Gegensatz zu ihren übrigen Überzeugungen und ihrem wirklichen Leben progressive Ansichten zum besten geben oder sich eine Trend-Frisur zulegen – offensichtlich aus dem unbewussten Wunsch heraus, von gewissen Kreisen besser oder anders, als sie sind, angenommen zu werden. Eine häufig anzutreffende Form einer Introjektion ist die Übernahme bei besonders streng erzogene Kindern der Normen ihrer Eltern, wobei diese zu noch strengeren Eltern werden. Es kann sich daraus aber auch ein übertrieben behüteter Erziehungsstil bei den eigenen Kindern entwickeln.

Das Konzept des Introjekts geht auf Sándor Ferenczi zurück, wonach das traumatische Schuldgefühl, das etwa infolge schwerer Gewalt oder Verlusterfahrung entsteht, ein in die Seele des Opfers eingelassener Fremdkörper des Anderen, der die Grenze überschritten hat, darstellt. Dieses Muster findet man besonders bei sexuellem Missbrauch oder sexuellen Gewalterfahrungen. Die reale Schuld eines Täters, die jener nicht anerkennt, wird somit zum Schuldgefühl des Opfers, das unschuldig ist, weil das Introjekt wie ein feindlich verfolgendes Über-Ich Schuldgefühle (Super-Ego-Intropression) erzeugt. Somit ist der Mechanismus der Schuld, dass sie wandert, dass sie den Ursprungsort verlässt und dort gespürt wird, wo sie eigentlich gar nicht nicht hingehört. Besonders beim sexuellen Missbrauch schaffen es Täter dem Opfer einzureden, dass sie ja die Mitschuldigen oder gar Schuldigen seien, d. h., Opfer fühlen sich mitschuldig, weil sie glauben, sich nicht genug gewehrt zu haben, oder sie vermuten, sie müssten etwas falsch gemacht haben, also eine Schuld tragen, wenn sie so behandelt werden. Der Gedanke, das geschieht dir schon recht, verbleibt somit als der sadistischer Introjekt-Stachel im Opfer.

Das Introjekt bezeichnet daher auch die Identifikation mit einem Aggressor, der in der Tiefenpsychologie einen Abwehrmechanismus zur Angstbewältigung auslöst, dessen Funktion und Relevanz recht unterschiedlich bewertet wurde. Dabei reicht das Spektrum dieses Abwehrmechanismus von produktiven Formen der Angstbewältigung bis hin zur schädigenden Verleugnung überwältigender Angst im Traumageschehen, bei dem sich eine Person, die von einem Aggressor körperlich oder emotional misshandelt oder unterdrückt wird, unbewusst mit diesem identifiziert.

Als Introjektion wird in der Gestalttherapie die »unverdaute«, »unassimilierte« oder »unangepasste« Aufnahme von Nahrung, Normen usw. bezeichnet. Dinge werden »als Ganzes« geschluckt, ohne angepasst (integriert) zu werden. Introjektion ist Schlucken, ohne das Geschluckte zu zerkleinern bzw. zu verändern. Das können unzerkaute Lebensmittel ebenso sein wie unverstandene oder uneingesehene Normen. Das introjizierte »Ding« ist das »Introjekt«. Die Introjektion negiert das Subjekt, das verändernd auf das Objekt einwirkt. Wer introjiziert, macht keine Erfahrung. Eine Kontakthemmung ist die Introjektion, weil der Mensch, der etwas introjiziert, das Introjekt so wenig wie möglich »berührt«. Er tritt nicht richtig in Kontakt mit ihm, sondern schluckt es schnell hinunter, um keinen Kontakt zu haben. Darum liegt ihm das Introjekt schwer im Magen, denn auch das Verdauen – die »Assimilation« (kreative Anpassung) – ist eine Kontaktfunktion .

Quellen
Brühlmeier, Arthur (2011). Die Psychoanalyse Sigmund Freuds.
WWW: http://www.bruehlmeier.info/freud.htm (11-11-01)
http://www.gestalttherapie-lexikon.de/introjektion.htm (11-12-12)
Fellner, Richard L. (2004). Die Psychoanalyse Sigmund Freuds.
WWW: http://www.psychotherapiepraxis.at/artikel/psychoanalyse/psychoanalyse.phtml (11-03-21)
https://de.wikipedia.org/wiki/Identifikation_mit_dem_Aggressor (14-03-04)




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