Dyslexie

Unter Dyslexie versteht man Probleme von Menschen mit dem Lesen und Verstehen von Wörtern oder Texten bei normalem Seh- und Hörvermögen. Die aufmerksamkeitsbezogene Dyslexie ist eine Hirnschädigung, die mit Lese-Störungen einhergeht, wobei es sich um eine Störung handelt, bei der die Benennung eines Buchstabens dann schwieriger wird, wenn dieser von einem zweiten oder mehreren anderen Buchstaben begleitet wird. Menschen mit Dyslexie bleiben oftmals längere Sätze ein Rätsel, auch fällt es ihnen schwer, schnell gesprochene Sätze zu verstehen und Gehörtes in geschriebene Sprache umzusetzen.

Vorläufer der Dyslexie können Sprachentwicklungsstörungen sein, die bereits vor dem Schulalter auftreten, und gekenn­zeichnet durch einen späten Sprechbeginn im Klein­kindalter, einem schlechten Sprach- oder Wortverständnis und gehäuft auftretenden gram­matikalischen Fehlern sind. Hinter den Sprachentwick­lungsstörungen wird ein phonologisches Defizit vermutet, bei dem die betroffenen Personen schon im Kleinkindalter schnell aufeinander folgende Sprachlaute, vor allem Vokale (ba, da), nicht unterscheiden können.

Die Störung wird in erworbene und entwicklungsbedingte Dyslexie unterteilt. Neben genetischen Veranlagungen zu Dyslexie ist nämlich auch die Umwelt für das Auftreten von Dyslexie relevant. So tritt eine erworbene Dyslexie bei Kindern und Jugendlichen auf, die durch mangelndes Lese- und Schreibtraining eine unzureichende synaptische Verschaltung der einzelnen Sprachzentren aufweisen. Es gibt auch eine Unterscheidung von peripherer und zentraler Dyslexie , wobei dei einer peripheren Dyslexie ist nur die Lesefähigkeit betroffen ist, bei gleichzeitigem Vorliegen von Aufmerksamkeitsstörungen. Bei der zentralen Dyslexie ist neben der Lesefähigkeit auch die Semantik und die Sprache mit betroffen. Ein Beispiel dafür ist die Alexie, bei der das Lesen nur durch ein vorangegangenes Buchstabieren der Wörter möglich ist oder die Oberflächendyslexie, bei der das Hauptproblem darin besteht, dass einzelne Phoneme nicht zu einer Wortstruktur zusammengezogen werden können. Dabei werden die Wortelemente zerlegt und einzeln ausgesprochen, als wäre das Wort an sich völlig unbekannt.

Eine neuere Theorie vermutet, dass die Annahme, ein Legastheniker könne Laute schlechter unterscheiden und habe deshalb Probleme beim Lesen und Schreiben, möglicherweise falsch sei, denn in Experimenten funktionierte die Lauterkennung bei Menschen mit Dyslexie genauso gut wie bei Nichtbetroffenen, allerdings würden die Laute  im Gehirn aber schlechter weiterverarbeitet. Legastheniker können demnach die Feinheiten verschiedener Sprachlaute sehr wohl verstehen, aber die Verbindungen zwischen den Hörzentren in der linken und rechten Hirnhälfte und zum Broca-Areal, einem Teil des Sprachzentrums in der Großhirnrinde, funktionierten nicht richtig. Legastheniker haben also Probleme, die wahrgenommene Sprache weiterzuverarbeiten.

Nach anderen Untersuchungen kann eine Dyslexie möglicherweise schon im Vorschulalter im Gehirn nachgewiesen werden, sodass frühzeitiger gegengesteuert werden könnte. Es zeigte sich nämlich, dass Kinder mit einer Dyslexie eine geringere Aktivität in mehreren Gehirnregionen im Vergleich zu Kindern ohne Probleme haben, wobei vor allem die Verbindung zwischen dem Occipital-Lappen und dem Temporal-Lappen betroffen waren. Eine Studie zeigte, dass die Fähigkeit des Gehirns zum Verarbeiten von Sprachklängen bereits defizitär ist, bevor die Kinder überhaupt eine Anleitung zum Lesenlernen bekommen.

Man vermutet derzeit auch, dass die parafoveale Vorverarbeitung bei Dyslektikern systematisch gestört ist, denn um flüssig zu lesen, braucht man nicht nur die Fähigkeit, ein Wort nach dem anderen zu verarbeiten, sondern es ist auch ein neuronaler Prozess notwendig, der die Verarbeitung des jeweils nächsten Wortes vorbereitet (parafovealen Vorverarbeitung). Etwa dreißig Prozent der Wortverarbeitung findet in der parafovealen Phase statt, sodass diese also ein Schlüssel zum effizienten und flüssigen Lesen ist. Wenn man diese Vorverarbeitung nämlich experimentell ausschaltet, denn dann bricht der normale Leseprozess zusammen und das Lesen wird mühsam und langsam. Die experimentelle Erforschung parafovealen Verarbeitung bedient sich dabei des Eye-Trackers, um die Blickbewegungen beim Lesen zu beobachten. Dadurch ist man in der Lage, genau jenen Moment zu erkennen, an dem die Vorverarbeitung tatsächlich beginnt. Bei der Vorverarbeitung werden zwei Worte gleichzeitig im Gehirn bearbeitet, allerdings ist die Verarbeitung unbewusst und findet vermutlich in den visuellen Arealen im hinteren Teil des Gehirns statt. Wenn dann beim Lesen die Aufmerksamkeit auf das Wort gelenkt wird, greift des Gehirn auf diese Regionen zu und holt sich die dort vorbereiteten Informationen.

Eva Fröhlich von der FU Berlin schreibt, dass annähernd 5-17% der in Deutschland lebenden Menschen Schwierigkeiten beim Lesen haben, obwohl ihre Intelligenz normal oder überdurchschnittlich ist und sie über ein gesundes Hör- und Sehvermögen verfügen. Da noch weitgehend ungeklärt ist, welchen Einfluss die genetische Ausstattung auf Dyslexie hat, zielt sie in ihrer Forschung darauf ab, „im Rahmen eines multimethodischen und modellgeleiteten „imaginggenetics“ Ansatzes, den genetischen Einfluss auf die strukturellen Hirneigenschaften sowie auf die kognitiven Teilprozesse der globalen Leseleistung zu untersuchen. Dafür wird aus dem Genotyp des Probanden ein individueller mit dem Lesen assoziierter genetischer Wert (IRAGS – Individual Reading-Associated Genetic Score) errechnet und mit den verhaltensmäßigen (behavioralen) sowie neuroanatomischen (strukturellen) und physiologischen (funktionellen) neurokognitiven Daten des Probanden in Zusammenhang gesetzt. Eine Kombination aus genanalytischen und bildgebenden Verfahren soll ein umfassendes Verständnis der Lesefertigkeit vom Gen über die Hirnfunktion hin zu den Teilprozessen der globalen Leseleistung ermöglichen. Dies sollte eine Grundlage für die Entwicklung der krankheitsspezifischen Diagnostik- sowie Therapieverfahren bieten.“

Siehe auch Alexie.

Literatur & Quellen

Kirschbaum, Clemens (2008). Biologische Psychologie von A-Z. Springer.
http://www.ewi-psy.fu-berlin.de/einrichtungen/arbeitsbereiche/allgpsy/mitarbeiter_innen/froehlich/index.html (16-10-10)





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