Fehlinformationseffekt

Unter dem Fehlinformationseffekt – misinformation effect oder postevent information effect – versteht man die irreführenden Informationen, die in die Erinnerung an ein Ereignis eingebaut werden. Bei Ereignissen wie Terrorangriffen oder Amokläufen werden oft viele Menschen innerhalb von Sekunden zu Zeugen eines bedrohlichen Ereignisses, wobei es bei einigen fast zwangsläufig zu diesem Fehlinformationseffekt kommt, d. h., Menschen lassen sich dazu verleiten, zu glauben, sie hätten den Täter, die Täter oder die Waffe genau gesehen, wenn eine diesbezügliche Nachricht verbreitet wird. Ähnliche Effekte lassen sich beobachten, wenn man die Erwartungshaltung von Zeugen überprüft, denn häufig wollen Menschen dann einen schwarzgekleideten Mann mit Bart gesehen haben, wenn sie sich grundsätzlich vor einer islamistischen Terrorattacke fürchten. Solche Stresssituationen können dazu führen, dass Menschen ihre Wahrnehmungen im Nachhinein falsch interpretieren, sodass aus einer zugeschlagenen Autotür ein Schussgeräusch wird, aus einem Instrumentenkoffer eine Maschinenpistole, aus einem schnell vorbeifahrende Auto das Fluchtfahrzeug des Täters oder der Täter.

Aber auch im Alltag werden viele eigene Erinnerungen vom Gedächtnis auch in gezielter und oft gründlicher Weise verzerrt, etwa indem man mit anderen Menschen darüber spricht, von jemandem suggestiv befragt wird oder in den Medien auf Berichte über ein Ereignis stößt, das man selbst in ähnlicher Form miterlebt hat. Viele solcher Konstrukte entstehen aus der Kombination echter Erinnerungen mit Fremdsuggestionen, wobei man dann oft vergisst, woher die Information stammt, sodass Inhalt und Herkunft der Information auseinanderfallen. Es wurde in Untersuchungen nachgewiesen, dass eine nachträgliche Falschinformation die Erinnerung an ein vorausgegangenes Ereignis besonders dann beeinflusst, wenn sie beiläufig, etwa bei einer Befragung in Form einer Fragevoraussetzung präsentiert wird. Dabei ist oft die kognitive Basis der Falschinformation ungewiss, ob es dabei zu einem Auslöschen oder Überschreiben der ursprünglichen Gedächtnisspur kommt oder ob beide Gedächtnisspuren gleichzeitig existieren, sich jedoch in ihrem Abruf behindern, oder ob der Fehlinformationseffekt durch spezifische Antworttendenzen zu erklären ist bzw. als Lückenfüller für nicht existente Erinnerungen an die Originalinformationen fungiert. Inzwischen wird davon ausgegangen, dass falsche Informationen einerseits in die Erinnerung integriert werden, wenn die Erinnerung an die ursprüngliche Information verblasst ist, andererseits kann eine iintensive Beschäftigung mit der Falschinformation aber auch zu Suggestionseffekten führen, obwohl die Originalinformation noch gespeichert ist (Loftus 2005). Vor allem Juristen aber auch Psychotherapeuten müssen bei ihrer Arbeit stets bedenken, wie stark man das Gedächtnis von anderen beeinflussen kann und wie wichtig Zurückhaltung in Situationen ist, in denen man vermeintlich vergessene oder verdrängte Geschehnisse durch Aktivieren der Einbildungskraft zutage zu fördern hofft.

Siehe dazu auch das False Memory Syndrome

Literatur & Quellen
Loftus, E. F. (2005). Planting misinformation in the human mind: A 30-year investigation of the malleability of memory. Learning & Memory, 12, 361–366.
https://portal.hogrefe.com/dorsch/falschinformationseffekt/ (12-11-14)



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