Religionspsychologie

Der Wert einer Religion wird durch die Qualität der Moral bestimmt,
die sie zu begründen vermag.
Michel Houellebecq

Die Religionspsychologie hat sich Ende des 19. Jahrhunderts als eigenständige, psychologische Disziplin herausgebildet und beschäftigt sich mit dem Seelenleben des Menschen, insofern es religiös ist. Schon Sigmund Freud, Karl und Charlotte Bühler, Karl Beth haben sich mit dem religiösen Seelenleben beschäftigt und -ausgehend von Wien weltweite Netzwerke geknüpft. Diese fanden nach 1938 mit der Zwangsemigration der WissenschafterInnen ein jähes Ende.

Die Religionspsychologie ist ein Teilgebiet der Angewandten Psychologie und der Religionswissenschaft, das sich mit psychologischen Fragen zur Religion befasst. Religiosität muss dabei nicht unbedingt an eine bestimmte Glaubensrichtung gebunden sein, denn immer mehr durchaus säkulare Menschen schneidern sich ihr eigenes, individuelles Sinnsystem zurecht. Die Religionspsychologie untersucht daher Formen, Gesetze und Entwicklung des religiösen Lebens auf Ebene des Individuums oder der Gruppe. Sie betrachtet somit die psychischen Voraussetzungen und Vorgänge beim religiösen Erleben, Denken, Fühlen und Handeln. Insbesondere zählen dazu religiöser Glaube und Zweifel, Gotteserlebnis, Ekstase und Phänomene wie Missionierung und Bekehrung, Reue und Schuldgefühle, Buße und Beichte, aber auch das Gebet.

Ferguson et al. (2016) zeichneten mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie die Gehirnaktivität von gläubigen Mormonen auf. Diese gaben jeweils an, wann sie besonders starke Gefühle verspürten, als man ihnen Zitate aus religiösen Schriften und religiöse Videos zeigte. Auch die ungewohnte Umgebung des Gehirnscanners hinderte die Mormonen nicht daran, sich in einen Zustand intensiver religiöser Emotionen zu begeben, denn sie beschrieben sie ein Gefühl des Friedens und der Wärme, ähnlich wie sie ihn während eines Gottesdienstes haben. Bekanntlich ist für gläubige Mormonen das beim Gebet oder Gottesdienst auftretende Gefühl ein wichtiger Teil ihrer Religion und dient bei einigen sogar als Basis für Entscheidungen. Ihrem Glauben nach ist dieser intensive emotionale Zustand ein wichtiger Bestandteil der Kommunikation mit Gott, und beschreiben dies als intensives Gefühl des Friedens und der Nähe zu Gott und zu anderen Menschen, aber auch als Gefühl körperlicher Wärme. Während ihres religiösen Hochgefühls feuerten vor allem Neuronen im Nucleus accumbens im Belohnungs-Schaltkreis des Gehirns, der intensive Wohlgefühle auslöst, wenn man fundamentale Bedürfnisse oder eine Sucht befriedigt. Man vermutet, dass tiefe religiöse Erfahrungen ähnlich in der Neurobiologie verwurzelt sind wie andere viele fundamentale Bedürfnisse des Menschen. Auch waren bei den Probanden die Zentren für die Aufmerksamkeit sowie der mediale präfrontale Cortex in Phasen starker spiritueller Empfindungen besonders aktiv, also jenes Hirnareal, das unter anderem für Bewertungen, die Einschätzung von Situationen und moralische Überlegungen zuständig ist. Daher hatte die religiöse Verzückung bei den Mormonen durchaus eine rationale Komponente.

Am Anfang der Entwicklung von Religionen standen häufig rauschhafte Erlebnisse, denn ein Rausch durch verschiedenste Substanzen ausgelöst, denn im Rausch lösen sich meist Innen und Außen auf. Vor allem schamanische Gesellschaften setzten die Wirkung von Halluzinogenen für magische und religiöse Zwecke ein, wobei der Ekstase-induzierende Gebrauch von Drogen dem Schamanen oder Priester einen besonderen Status verleiht. Die Ekstase ist durch einen Wechsel von der Alltagswelt in die spirituelle Welt gekennzeichnet und es bedarf physischer und psychischer Vorbereitungen, wie das Sammeln, die Zubereitung und die Einnahme der Droge. Der visionäre Gehalt Halluzinogen-induzierter Ekstasen diente meist kulturell spezifizierten Zielen wie Divination, Opferungen, Jagd- oder Regenzauber.

Wissenschaftliche Befunde zur Wirkung von Religiosität gleichen in mancher Beziehung Befunden zum Einfluss von Optimismus auf die Gesundheit. Sowohl bei religiösen Menschen als auch bei Optimisten scheinen die persönliche Weltsicht und die grundlegende Einstellung zum Leben entscheidende Wirkung zu haben. Bei beiden sind auch Gelassenheit und ein Grundvertrauen in den Gang der Dinge Wesensmerkmale. Vergleiche mit anderen Gruppen zeigen, dass religiöse und spirituell lebende Menschen glücklicher sind, wobei religiöse Werte wie Verzeihen oder Dankbarsein dazu beitragen, aber auch das Gefühl, mit einem höheren Wesen, anderen Menschen und der Natur verbunden zu sein und Gemeinschaft zu erleben.

Religiosität und spirituelle Praktiken können bei Menschen übrigens ein stärkeres Immunsystem bewirken, denn solche Menschen haben oft niedrigere Werte von Interleukin-6, was als Zeichen eines schwachen Immunsystems gilt. Die Heilwirkung sowohl christlicher als auch buddhistischer Meditation ist aber nur dann besonders groß, wenn sie weder zielgerichtet noch funktional eingesetzt wird, d.h., dass Gesundheit und Entspannung nur als individuelle Nebeneffekte eintreten und nicht als therapeutische Mapnahme eingesetzt werden können. Meta-Untersuchungen vor allem in den USA zeigten, dass Religiosität sich im Durchschnitt in 84 Prozent positiv, in 13 Prozent neutral und nur in drei Prozent abträglich auswirkt. Gläubige, die ständig in der Furcht leben, für ihre Sünden von Gott bestraft zu werden, und das auch in ihrer Gemeinde ein bedrohliches Klima erleben, neigen stärker zu Depressionen, Ängsten und psychosomatischen Störungen als andere, während der Glaube an einen liebevollen Gott, der die menschlichen Schwächen eher nachsichtig beurteilt, in Verbindung mit emotionaler Geborgenheit in einer Gemeinschaft psychisches und körperliches Wohlbefinden befördert.

Man unterscheidet wie bei der Motivation zwei Arten von Religiosität. Die intrinsische Religiosität ist motiviert um der Religion willen, man glaubt an Gott, weil man überzeugt ist, dass es ihn tatsächlich gibt, während die extrinsische Religiosität angst- oder giergesteuert ist. In die Kirche gehen Menschen vor allem, weil sie andernfalls die Konsequenzen fürchten, oder weil sie von allen geliebt werden wollen. Gerade diese zweite Art der Religiosität kann negative Effekte haben, denn wenn etwas schiefläuft, interpretieren manche es schnell als Strafe. Die Betroffenen haben Angst, und diese setzt sie weiter unter Stress.  Man bezeichnet deses Phänomen als „neurotische Religiosität“. Intrinsische Religiosität, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit hat, lässt sich nicht einfach erlernen, denn es ist etwa unmöglich, intrinsisch zu glauben, weil man weiß, dass man davon womöglich gesünder wird.

Religion und Wissenschaft

Der Unterschied zwischen Wissenschaft und Religion liegt darin, dass Wissenschaft eine Methode ist, die mit Hilfe der Empirie und Logik nachvollziehbare und überprüfbare Ergebnisse ermöglicht, aus denen Erkenntnisse und Hypothesen abgeleitet werden können, die falsifizierbar sein müssen. Der religiöse Glauben ist jedoch ein Ergebnis, von dem niemand weiß, wie man dort hin gekommen ist, bzw. noch wie Glaubensinhalte zu überprüfen sind, d.h., religiöser Glauben ist daher letztlich immer fundamentalistisch. Religionen können sich daher nicht aus sich selbst heraus erklären, es sei denn, man akzeptiert folgenden Zirkelschluss der Logik, dass nämlich etwas heilig ist, weil es in den heiligen Büchern steht, und etwas in den heiligen Büchern steht, weil es heilig ist. Willkürliche Glaubensannahmen führen stets zur nächsten willkürlichen Annahme, d.h., Religionen sind in sich geschlossene und dennoch zum Teil logisch erscheinende Argumentationsebenen, die aber keinen überprüfbaren Bezug zu einer nachweisbaren, messbaren Empirie haben, womit sie letztlich als Ganzes von der Realität abgetrennt sind. Wenn man das Phänomen Religion aber wissenschaftlich erklären und definieren möchte, dann geht dies nur über das, was allen Menschen auf der Welt nachweisbar, überprüfbar und/oder messbar zur Verfügung steht, also über die Methoden und Erkenntnisse der Naturwissenschaften, sodass alles, was für andere nicht logisch oder empirisch nachvollziehbar ist, unwissenschaftlich ist und als willkürlich interpretiert werden kann.

Der Begriff „Religion“ wurde erst im Zuge der frühen Aufklärungsphilosophie geprägt, denn Religion war davor so selbstverständlich, dass man überhaupt nicht auf die Idee kam einen eigenen Begriff davon zu bilden. In der polytheistischen Antike herrschte die individuelle Glaubensfreiheit und damit die Glaubensvielfalt, d.h., es gab den persönlichen Glauben und jeder Reisende war frei die lokalen Götter seiner Reiseziele mit in seinen Pantheon aufzunehmen und um Schutz zu bitten. Da die meisten Menschen mehrere Götter hatten, wurden alle Vorstellungen als gleichwertig toleriert, sodass es den Begriff und die Vorstellung von einer allgemeingültigen Religion damals noch nicht gab. Es gab jedoch Bezeichnungen, wie Glauben, Frömmigkeit, heilig, Götter, Götterdienst sowie die Opferdienste, die bis in Mittelalter hinein als Beschreibungen des persönlichen Glaubens verwendet wurden. Cicero verwendete zwar den Begriff religio, meinte damit aber das sorgsame Beachten eines Tempelkults, und in diesem Sinne wurden auch Kirchenleute als Vertreter eines ordentlichen Kultes bis ins Mittelalter hinein als religiosi bezeichnet, so dass der in der frühen Neuzeit aufkommende Begriff religion zunächst nur Lehren bezeichnete. Der Begriff der Religionen machte als Unterscheidung nur dann Sinn, wenn es mehrere parallel existierende Glaubensgemeinschaften gibt, die sowohl ein gemeinsames Konzept im Aufbau aufweisen, als sich auch in Details unterscheiden. Dies wurde in Europa erst durch die Aufspaltung der Reformation deutlich, denn auf der einen Seite waren die neu entstandenen Kirchen nichts Neues, sondern genauso christlich wie ihr Ursprung, auf der anderen Seite musste jedoch ein klarer politischer Trennstrich gezogen werden. Die Stigmatisierung in Religionen und Sekten ist ein monotheistisches Produkt von „Mein“ Gott und „Dein“ Gott“, und „Mein“ ist richtig und „Dein“ ist falsch. Monotheistische Götter dienen dazu, Kriege zu legitimieren und Massen unter einem gemeinsamen Nenner hinter sich zu bekommen, wobei dieses mehr politisch-ideologische Phänomen in Verbindung mit bestimmten Glaubensunterschieden und -praktiken in der Aufklärung retrospektiv mit der abstrakteren Bezeichnung Religion versehen wurde, wodurch sie in der Folge das weg vom individuellen hin zum rechtmäßigen, verordneten und „richtigen“ Glauben symbolisierte, den man als Teil der Gesellschaft anzunehmen hat.

Zur krankmachenden Wirkung siehe z.B. Das Wunder Gloria Polo Ortiz im Lichte medizinischer Fakten

Stufen der Glaubensentwicklung

James W. Fowler (1991) entwickelte in Tradition Jean Piagets und Lawrence Kohlbergs mittels qualitative Leitfadeninterviews eine Glaubensentwicklungstheorie mit sechs Stufen:

  • Intuitivprojektiver Glaube. Nachdem sich in den ersten Lebensmonaten das Grundvertrauen des Kindes gebildet hat, entwickelt das Kind im Alter von etwa 2–7 Jahren seine Vorstellungskraft, die Grundlagen für faith werden gelegt.
  • Mythisch wörtlicher Glaube. Das Kind kann nun auch seinen Glauben beschreiben. Das geschieht vor allem bildhaft. Gott ist z. B. oben, das Böse ist unten. Auch wird Gott oft in anthropmorphen Metaphern z. B. als alter Mann mit Händen oder Füßen beschrieben.
  • Synthetisch-konventioneller Glaube. Diese Stufe beginnt sich im Alter zwischen 12 und 13 Jahren auszubilden aber auch viele Erwachsene kommen nie über diese Stufe hinaus. Es entwickelt sich langsam eine eigene Glaubensidentität, der Heranwachsende und auch manch ein Erwachsener ist hier sehr von dem Feedback der „significant others“ bzw. seinem sozialen Umfeld abhängig. Der Glaube wird darum „konventionell“ genannt. Die Fragmente werden zusammengesetzt, passen aber oft noch nicht zusammen, daher heißt die Stufe auch „synthetisch“.
  • Individuierend-reflektierender Glaube. Das Individuum beginnt – so Fowler – aus den Konventionen herauszutreten, eigene Positionen auch entgegen seinem Umfeld zu entwickeln und zu behaupten.
  • Verbindender Glaube. Die Mehrschichtigkeit von verschiedenen Glaubensaussagen wird erkannt, es beginnt auch ein Erkennen des eigenen Glaubens aus der Sicht anderer Glaubenstraditionen. In gewisser Weise wird die Relativität des eigenen Glaubens erkannt, auch wenn die eigenen Positionen und der eigene Glauben dadurch nicht aufgegeben werden. Der Glaube gewinnt hierdurch an Weite. Nur wenige Erwachsene erreichen diese Stufe und meist auch erst im höheren Erwachsenenalter.
  • Universeller Glaube. Nur sehr wenige Menschen wie Mahatma Gandhi, Mutter Teresa, Martin Luther King oder Jesus Christus haben diese Stufe erreicht, darum ist sie bei Fowler weniger empirisch belegt, als ein Postulat. Die Person lebt radikal so, als ob das, was Christen das „Himmelreich“ nennen, bereits real wäre. Der Mensch kann sich selbst verleugnen und ganz im Glauben aufgehen. Fowler führt hier hauptsächlich bekannte Personen an, die für ihren Glauben gestorben sind.

Wie Kohlbergs Theorie weist Fowlers Ansatz besonders auf den höheren Stufen methodische Schwächen auf, denn insbesondere für seine letzten Stufen kann Fowler nur wenige Befunde und Interviews vorweisen. Streng genommen handelt es sich um keinen wissenschaftlichen Ansatz, sondern um eine Sammlung religiös bestimmter Hypothesen.

Literatur

Ballhausen, T. & Tauss, M. (Hrsg.) (2015). Themenschwerpunkt: Das Rauschen der Texte. rausch – Wiener Zeitschrift für Suchttherapie, Heft 3-4.
Michael A. Ferguson, Jared A. Nielsen, Jace B. King, Li Dai, Danielle M. Giangrasso, Rachel Holman, Julie R. Korenberg, & Jeffrey S. Anderson (2016). Reward, salience, and attentional networks are activated by religious experience in devout Mormons. Social Neuroscience, doi: 10.1080/17470919.2016.1257437.
Fowler, James (Hg.) (1991).  Stages of faith and religious development. New York: Crossroad.
http://de.wikipedia.org/wiki/James_W._Fowler (12-06-08)

Quellen: APA/dpa, 23.3.05
http://www.heise.de/tp/artikel/35/35016/1.html (11-07-10)





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