Motiv

Motive sind überdauernde Vorlieben und damit zeitstabile Merkmale von Menschen, die nicht direkt beobachtbar sind, sondern  Konstrukte darstellen, die das Handeln von Personen verständlich machen sollen. Motive stellen die Neigung dar, konkrete Situationen positiv oder negativ zu bewerten und sie dementsprechend eher aufzusuchen bzw. zu meiden, d. h., Motive machen ganz bestimmte Aspekte von Situationen auffällig und heben diese als wichtig hervor. In der aktuellen Forschung wird zwischen impliziten und expliziten Motiven unterschieden, die innerhalb der gleichen Bereiche wie Leistung, Macht, Anschluss oder Aggression durch unterschiedliche Anreize angeregt werden und in verschiedenen Formen des Verhaltens Ausdruck finden.

  • Implizite, meist unbewusste Motive bringen eher affektive Bedürfnisse zum Ausdruck, die sich auf affektive Höhepunkte der eigenen Biografie beziehen, wobei auf neurophysiologischer Ebene die Aktivierung impliziter Motive von der Ausschüttung eines spezifischen Neurohormons begleitet wird. Implizite Motive beruhen auf einem Anreizsystem, das sich in der Evolution vergleichsweise früh entwickelt hat, später jedoch durch ein kognitives Motivationssystem ergänzt und überformt wurde. Entscheidend dafür war die Entwicklung der Sprache und die damit verbundene Möglichkeit, das eigene Verhalten in Übereinstimmung mit kulturell vermittelten Regeln vorausschauend planen und reflektieren zu können. Da implizite Motive einen hohen unbewussten Anteil besitzen, werden sie über projektive Testverfahren erfasst, wo sie ihren Niederschlag in freien Assoziationen und Gefühlen finden.
  • Explizite, meist bewusste Motive bringen hingegen kognitive Bedürfnisse zum Ausdruck, die sich auf den Aufbau und Erhalt eines stabilen und positiven Selbstkonzepts beziehen und in Verhaltensroutinen des Alltags ihren Ausdruck finden. Explizite Motive werden in der Forschung meistens durch direkte Befragung erhoben.

Für die motivationale Erklärung menschlichen Verhaltens müssen sowohl Aspekte der Person wie Motive, Werte und Interessen als auch solche der Situation wie potenzielle Anreize berücksichtigt werden, d. h.,  Motive müssen durch Situationsmerkmale angeregt werden, bevor sie verhaltenswirksam werden können. Liegen in einer Situation Anreize vor, so resultiert aus der Interaktion von Motiv und Anreiz die aktuelle Motivation, die dann wiederum das Verhalten beeinflusst. Motiv und Anreiz sind dabei eng miteinander verknüpft, denn welcher Anreiz in einer Situation wahrgenommen wird, hängt von der Stärke des dazu passenden Motivs ab. Darüber hinaus wird neben den zentralen motivationspsychologischen Komponenten der Person und Situation Verhalten zudem noch durch die subjektive Einschätzung der Erreichbarkeit eines Handlungsziels gesteuert, also die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit im Sinne von Erwartung.

Motive sind demnach zusammengehörend beobachtete Beweggründe für menschliches Verhalten, die sich z.B. in einer gedanklichen Vorwegnahme des Handlungszieles ausdrücken können.  Bei den Motiven menschlichen Handelns lassen sich vor allem drei Formen unterscheiden, die entweder eine aufsuchende oder eine vermeidende Tendenz haben können, wobei Studien zeigten, dass aufsuchende und meidende Tendenzen bei den einzelnen Menschen weitgehend voneinander unabhängig sind. Das bedeutet etwa, dass ein Mensch zugleich ein stark aufsuchendes und vermeidendes Leistungsmotiv haben kann, also in einer Prüfungssituation zwischen Ambition und Angst hin- und herpendelt. In der Motivationstheorie nach McClelland (1985) wird dabei die affektive Komponente motivationaler Prozesse betont. Motiviertes Handeln ist danach das durch die Sozialisation erlernte Streben nach positiven Affekten, die sich einstellen, sobald eine motivierte Person auf entsprechende situative Anreize trifft. Die individuelle Präferenz für eine bestimmte Affektklasse wird als Motiv bezeichnet. Es werden drei Motivklassen unterschieden, denen jeweils ein spezifischer Affekt zugeordnet wird und die jeder Mensch in unterschiedlicher Ausprägung besitzt:

  • Leistungsmotiv (Ziel des Verhaltens ist Leistung): Hoffnung auf Erfolg: man ist zuversichtlich, dass man erfolgreich sein wird, vs Furcht vor Misserfolg: man hat Angst zu versagen. Das Leistungsmotiv wird aktiviert, wenn Menschen sich in Situationen befinden, in denen ein Gütemaßstab für eigene Leistungen vorliegt. Die affektiven Reaktionen des Stolzes/der Befriedigung bei antizipiertem Erfolg bzw. der Betroffenheit/Scham bei antizipiertem Misserfolg werden handlungsleitend und führen zu einem Aufsuchen bzw. Vermeiden solcher situativer Anreize.
  • Machtmotiv (Ziel des Verhaltens ist Macht): Hoffnung auf Macht: man glaubt, andere beeinflussen zu können, vs Furcht vor Machtverlust: man zweifelt daran, sich durchsetzen zu können. Das Machtmotiv wird angeregt, wenn Menschen mit Situationen konfrontiert werden, in denen sie das Erleben und Verhalten anderer Menschen beeinflussen können. Die affektiven Reaktionen der Stärke/Wichtigkeit/Macht bei antizipierter Einflussnahme bzw. der Schwäche/Nichtigkeit/Unterlegenheit bei antizipiertem Kontrollverlust werden verhaltensbestimmend und führen zu einem Aufsuchen bzw. Vermeiden solcher situativer Anreize.
  • Anschlussmotiv (Ziel des Verhaltens ist positiver sozialer Kontakt): Hoffnung auf Anschluss: man hofft darauf, von anderen akzeptiert zu werden, vs Furcht vor Zurückweisung: man denkt, bei anderen nicht gut anzukommen. Das Anschlussmotiv wird aktiviert, wenn Menschen sich in Situationen befinden, in denen sie gesellige und vertraute Beziehungen herstellen können. Es stellen sich Affekte der Zugehörigkeit und Geborgenheit bei antizipierten positiven Beziehungen bzw. der Zurückweisung und des Ausgeschlossenseins bei antizipierten negativen Beziehungen ein. Diese Affekte bestimmen die zukünftigen Handlungen und führen wiederum zu einem Aufsuchen bzw. Vermeiden entsprechender situativer Anreize.

Diese drei Motive und die dazugehörigen Anreize steuern bereits das Verhalten in den ersten Lebensjahren, und abhängig von angeborenen Unterschieden und den Reaktionen der sozialen Umwelt auf diese Verhaltensweisen (Sozialisation) bilden sich Unterschiede in den Motivdispositionen für Leistung, Macht und Anschluss von Erwachsenen heraus.  Zu den drei aufsuchenden Motiven gehören ihre jeweils spezifischen Antagonisten: Furcht vor Misserfolg, Furcht vor Kontrollverlust und Furcht vor Zurückweisung. Dabei sind die Beweggründe des Handelns den Menschen teilweise bewusst, teilweise nicht bewusst. Es gibt also Motive, die man sich selbst ausdrücklich zuschreibt, etwa Ehrgeiz oder den Wunsch, etwas zu verändern. Das menschliche Verhalten wird jedoch vor allem von unbewussten Motiven geprägt, also Motiven, die einer Person nicht unmittelbar einsichtig oder manchmal gar nicht zugänglich sind. McClelland hat gezeigt, dass vor allem die berufliche Leistung von unbewussten Leistungs- und Machtmotiven bestimmt wird.  Unbewusste Motive werden in der Psychologie meist mit dem Thematischen Apperzeptionstest (TAT) gemessen, wobei den ProbandInnen Bildtafeln gezeigt werden, auf denen Personen in nicht eindeutigen Situationen zu sehen sind. Aus der Geschichte, die der Proband zum jeweiligen Bild erzählt, wird nach bestimmter Auswertungsregeln auf dessen Motive geschlossen. Siehe dazu auch das Konzept von need and press.

Eine andere bekannte Einteilung von Motiven bzw. Bedürfnissen findet sich in Abraham Maslows Hierarchie – oft als Pyramide dargestellt:

Quelle: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/MOTIVATION/Beduerfnisse.shtml

Da Menschen übrigens die grundlegende Motivsysteme wie Macht bzw. Dominanz, Kompetenz bzw. Leistung und Bindung bzw. Anschluss mit anderen Primaten teilen, darf man vermuten, dass diese Motivsysteme biologisch angelegt sind und durch individuelle Lernerfahrungen überformt werden. So hat vermutlich das Leistungsmotiv seine biologischen Wurzeln in dem schon bei Primaten zu beobachtenden Bedürfnis, effizient und kompetent mit Problemen in der Umwelt umzugehen, wobei aber Eltern durch Ermunterungen zur Selbstständigkeit dieses grundlegende Bedürfnis fördern und zur Entwicklung eines erfolgszuversichtlichen Leistungsmotivs beitragen können. Eltern, die ihre Kinder überfordern oder selbst hoch misserfolgsängstlich sind, bereiten den Boden für die Ausbildung einer starken Furcht vor Misserfolg.

Motive spielen in zahlreichen psychologischen Motivationstheorien eine zentrale Rolle, wobei sich ein Überblick in den Arbeitsblättern zum Thema Motivation findet.

Literatur

Heckhausen, H. (1980). Motivation und Handeln. Lehrbuch der Motivationspsychologie. Heidelberg: Springer.
Heckhausen, J. & Heckhausen, H. (Hrsg.) (2006). Motivation und Handeln. Heidelberg: Springer.
McClelland, D. C. (1985). Human motivation. Glenview, IL: Scott, Foresman & Company.
Rheinberg, Falko. (2004). Motivation. Stuttgart: Kohlhammer.
Schmalt, H.-D. (1975). Selbständigkeitserziehung und verschiedene Aspekte des Leistungsmotivs. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 7, 24-37.
Schmalt, H.-D. (1976). Die Messung des Leistungsmotivs. Göttingen: Hogrefe.
Schmalt, H.-D. (1979). Machtmotivation. Psychologische Rundschau, 30, 269-285.
Weinberger, J. & McClelland, D. C. (1986). Cognitive versus traditional motivational models: Irreconcilable or complementary? In E. T. Higgins & R. M. Sorrentino (Eds.), Handbook of motivation and cognition. Foundations of social behavior (S. 562-597). New York: The Guilford Press.





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