Assoziatives Lernen

Assoziatives Lernen (associative learning) ist jene Form des Lernen, das Verbindungen herstellt bzw. im Gehirn festlegt, dass bestimmte Ereignisse zusammengehören. Bei den Ereignissen kann es sich um zwei Reize wie bei der klassischen Konditionierung oder aber um eine Reaktion und ihre Folgen wie bei der operanten Konditionierung handeln.

Nach der klassischen Assoziationstheorie ist Lernen demnach das Verknüpfen von wahrgenommenen Ereignissen, die in unmittelbarer zeitlicher Nähe zueinander aufgetreten sind. Auf der Grundlage dieses Gesetzes sind eine Reihe von mathematischen Modellen zur Beschreibung von Lernprozessen entwickelt worden, wobei in neuerer Zeit eine Variante des Assoziationsgesetzes (Hebb’sche oder Delta-Regel) bei der Entwicklung von lernenden neuronalen Netzen eine starke Popularität gewonnen hat. Assoziatives Lernen beruht auf folgenden Annahmen:

  • Die Stärke assoziativer Verknüpfungen schwankt zwischen Null und einem endlichen Wert, der maximalen Assoziationsstärke.
  • Wenn zwei Ereignisse gemeinsam auftreten, dann erhöht sich die Stärke der Assoziation um einen konstanten Anteil des maximal möglichen Lernbetrages, woraus sich der typische Verlauf von Lernkurven erklärt, die abbilden, dass bei gleich bleibendem Lernstoff zunächst viel und im weiteren Verlauf immer weniger gelernt wird.
  • Wenn eines der beiden Ereignisse ohne das andere auftritt, dann verringert sich die Assoziationsstärke um einen konstanten Anteil ihrer bisherigen Größe. Vergessen wird also nicht dadurch erklärt, dass die Spuren der gelernten Inhalte sich im Laufe der Zeit abschwächen, sondern durch Interferenzen, d.h., das Überlagern von früher gelerntem durch spätere Erfahrungen.

Bereits Säuglinge können Zusammenhänge zwischen Reizen erkennen und daraufhin Erwartungen in Bezug auf weitere Reizdarbietungen entwickeln. Dieses Phänomen wird bei vielen psychologischen Experimenten benutzt.

Menschen fällt das Lernen leichter, wenn neue Informationen mit persönlichen Erinnerungen, Emotionen, Bildern oder Orten verknüpft werden können, denn beim Lernen ob in der Schule oder im Alltag geht es häufig um das Bilden von Assoziationen. Dabei werden neue und bestehende Informationen miteinander vernetzt, Inhalte werden in Zusammenhänge eingebaut, denn das hilft sowohl beim Lernen als auch beim Abspeichern. Isolierte Informationen können Menschen nur sehr schlecht verarbeiten, was etwa beim Auswendiglernen der Fall ist.

Um die Gültigkeit assoziativer Lerntheorien zu überprüfen, wäre es notwendig, die Lerngeschichte eines Menschen möglichst vollständig zu kennen. In Situationen des täglichen Lebens trifft dies aber höchstens ausnahmsweise zu, sodass man aus diesem Grund seit Ebbinghaus mit künstlichem Lernmaterial wie sinnlosen Silben arbeitet, was den Nachteil hat, dass die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf Alltagssituationen fraglich bleibt. Ein gut untersuchter Bereich assoziativen Lernens, der zum einen für das Verhalten in außerexperimentellen Situationen relevant und zugleich quantitativ leicht überprüfbar ist, sind die freien Wortassoziationen. Eine freie assoziative Antwort ist das erste Wort, das einer Person einfällt, nachdem sie ein anderes Wort gehört hat, den so genannten assoziativen Stimulus. Auf den Stimulus „Mann“ produzieren die meisten Leute die assoziative Antwort „Frau“ oder auf den Stimulus „hell“ das Wort „Licht“ oder „dunkel“. In der psychologischen Literatur der letzten hundert Jahre finden sich viele Belege dafür, dass die Wahrnehmung, das Lernen und das Erinnern von gesprochenen und geschriebenen Wörtern von der Stärke der Assoziationen zwischen den Wörtern abhängen. Assoziationen zwischen Wörtern, sind nach William James jene grundlegenden Verknüpfungen, durch die der Fluss der Gedanken gesteuert wird.
Assoziative Strukturen können durch assoziative Netze beschrieben werden, wobei jeder Knoten eines solchen Netzes für ein Wort steht, und die Stärke der Verbindung zwischen den Knoten der Assoziationsstärke entspricht. Die traditionelle Methode zur Konstruktion solcher Netze besteht darin, dass man die Antworten im freien Assoziationsexperiment zugrunde legt. Dazu wird zunächst ein Vokabular definiert, d.h., eine Menge von Wörtern, deren assoziative Verbundenheit untersucht werden soll. Danach wird jedes dieser Wörter einer möglichst großen Zahl von Personen vorgelegt mit der Aufforderung, das erste Wort zu nennen, das ihnen dazu spontan einfällt. Die Ergebnisse dieser Versuche werden in einer Tabelle festgehalten, die dann angibt, wie häufig jedes Wort als assoziative Antwort auf jedes andere Wort gegeben worden ist.
Eine zweite Methode besteht darin, Assoziationen aufgrund der statistischen Beziehungen zwischen Wörtern in Texten zu rekonstruieren. Dies ist möglich, weil einerseits die assoziativen Beziehungen zwischen Wörtern aufgrund der Häufigkeiten ihres gemeinsamen Auftretens in der Sprache gelernt worden sind und weil zugleich die Wahrscheinlichkeiten, dass Wörter in naher zeitlicher Aufeinanderfolge geäußert werden, von den Assoziationen des Sprechers bzw. des Autors abhängen. Dabei wird meist mit Hilfe von Computern das gemeinsame Auftreten zweier Wörter ausgezählt, wenn sie etwa innerhalb eines Textes im Abstand von zehn anderen Wörtern vorkommen.

Literatur
Deese, J. (1966).  The Structure of Association in Language and Thought. Baltimore: The Johns Hopkins University Press.
Rapp, R. (1996). Die Berechnung von Assoziationen: ein korpuslinguistischer Ansatz. Hildesheim: Olms.
Wettler, M. (2004). Psychologische Theorien sind Information-Retrieval-Verfahren. In Hammwöhner, R., Rittberger, M. & Semar, W. (Hrsg.), Wissen in Aktion. Der Primat der Pragmatik als Motto der Konstanzer Informationswissenschaft. Festschrift für Rainer Kuhlen (S. 23 – 33). Konstanz: UVK Verlagsgesellschaft.


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