Depression

Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen, und man schätzt, dass etwa 15-20 %  aller Menschen im Verlauf ihres Lebens mindestens einmal an einer Depression erkranken. Dabei muss unterschieden werden zwischen einer depressiven Stimmung, die jeden Menschen von Zeit zu Zeit aus den unterschiedlichsten Gründen befallen kann und sich relativ schnell wieder auflöst, und der Krankheit Depression, die behandelt werden muss. Depressionen sind in der Regel so vielfältig und individuell wie die Menschen, die von ihr betroffen sind. Problematisch ist vor allem, dass die Betroffenen oft nicht ernst genommen werden, was teilweise daran liegt, dass jeder Mensch schon einmal einen schlechten Tag hatte und sich antriebslos und niedergeschlagen fühlte. Deshalb können sich viele Menschen auch nicht vorstellen, dass es sich hier um eine Krankheit handelt, weil die Symptomatik so alltäglich ist. Der Unterschied zwischen einer vorübergehenden depressiven Stimmung und der Krankheit Depression liegt vor allem in den Faktoren Dauer und Ausmaß, denn eine Depression wird in der Regel nur dann diagnostiziert, wenn die depressive Verstimmung über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen anhält.

Eine krankheitswertige Depression ist somit eine Gemütsstörung (affektive Störung), wobei frühere Klassifikationen sie in endogene (biologisch erklärbare) sowie somatogene (durch körperliche Krankheiten ausgelöste) Depressionen und psychogene (rein seelisch) bedingte Depressionen einteilten. Dazu zählte man die reaktive Depression (auf Grund einer akuten Belastung), die depressive Entwicklung, z.B. die Erschöpfungs- und Entwurzelungsdepressionen sowie die neurotische Depression oder depressive Neurose. Die früher als Gemütskrankheit bezeichnete Depression hat nur selten eine einzige Ursache, sondern neben erblicher Veranlagung und der Persönlichkeit spielen auch aktuelle psychische Belastungen wie der Tod eines nahestehenden Menschen oder Konflikte in Familie bzw. Partnerschaft eine Rolle. Auch rein körperliche Erkrankungen wie etwa der Schilddrüse können eine Depression auslösen, und auch soziale Faktoren wie der Verlust des Arbeitsplatzes, ein Umzug oder sogar Positives wie eine Beförderung im Beruf. All diese Ereignisse verändern auch den Stoffwechsel im Gehirn der Betroffenen, denn die Botenstoffe Serotonin und Noradrenalin geraten bei dieser Erkrankung aus dem Gleichgewicht, wodurch die Kommunikation zwischen den Neuronen im Gehirn gestört wird, was unter anderem Schlafstörungen, Grübeln, Appetitlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen und eben Phasen der Depression zur Folge hat. Die betroffenen Menschen fühlen sich innerlich leer, können sich zu nichts aufraffen, können sich häufig auch nicht mehr auf ihre Tätigkeiten konzentrieren und ziehen sich nach und nach von anderen Menschen zurück.

Wissenschaftler konnten jüngst in einer Langzeitstudie an 3300 Menschen zwischen 45 und 75 Jahren zeigen, dass es auch seelisch belasteend ist, wenn der Straßenverkehr in ihrer Umgebung besonders laut ist. Über einen Zeitraum von fünf Jahren erfasste man regelmäßig den Gesundheitszustand der ProbandInnen, wobei jene, die an Straßen mit viel Verkehrslärm lebten, deutlich häufiger depressive Symptome entwickelten als jene, die weniger Lärm in unmittelbarer Nähe ausgesetzt waren. Das Risiko, an lauten Straßen depressiv zu werden, ist demnach um etwa 25 Prozent erhöht, wobei vor allem Menschen mit niedrigerem Bildungsstand empfindlich auf den Lärm reagierten, da diese vermutlich auch generell etwa im Beruf mehr belastenden Einflüssen ausgesetzt sind, was deren Widerstandsfähigkeit vermindert.

Eine Depression ist stets eine komplexe Erkrankung, bei der meist mehrere biologische Faktoren zusammenkommen, um eine Episode auszulösen, wobei Depressionen schon seit Längerem mit Entzündungen in Verbindung gebracht werden, da erhöhte Entzündungswerte mit Symptomen wie gedrückter Stimmung, Ahedonie und Appetitlosigkeit einhergehen. Neuere Forschungen (Setiawan et al., 2015) liefern nun Beweise für solche Entzündungsprozesse im Gehirn während einer depressiven Episode. Um die Rolle der Entzündungen bei depressiven Erkrankungen zu untersuchen, fertigte man Hirnscans von 20 Patienten mit schwerer akuter Depression und 20 gesunden Kontrollpersonen an. Hierbei maß man die Aktivität der Mikroglia, also jener Zellen, die im Gehirn als Immunzellen die Aufgabe von Makrophagen übernehmen. Die Aktivität der Mikroglia im Gehirn lag bei den Probanden in einer depressiven Episode um etwa 30 Prozent höher als bei den Gesunden, wobei je höher der Schweregrad der Erkrankung ausfiel, desto stärker war die Immunaktivität. Jüngst fand man auch einen Zusammenhang zwischen der synaptischen Plastizität des Gehirns und dem Auftreten depressiver Episoden, sodass eine gestörte synaptische Plastizität ebenfalls eine Ursache für Depressionen sein könnte. In einer Innsbrucker Studie konnte gezeigt werden, dass sich Nervenzellen im Gehirn während einer depressiven Episoden langsamer neu vernetzen, wodurch sich das Gehirn schlechter an neue Reize anpassen kann. Nach Abklingen der depressiven Episode war die Gehirnaktivität bei den depressiven Probanden wieder vollständig hergestellt, sodass eine messbare Veränderung im Gehirn zeitlich mit dem klinischen Zustand übereinstimmte, sodass man vermuten kann, dass die verminderten synaptischen Plastizität eine Ursache der Depression ist und nicht eine Folge, denn die synaptische Plastizität ist ein grundlegender Prozess im Gehirn.

Neuere Forschungen zeigen einen weiteren Zusammenhang, dass nämlich Autoimmunerkrankungen das Risiko wesentlich erhöhen, eine psychische Störung zu entwickeln, wobei multiple Infektionen oder die Kombination von schweren Infektionen und Autoimmunerkrankungen die Chance der Entwicklung einer Depressionen, einer bipolaren Störung und anderer psychischen Erkrankungen um mehr als die Hälfte erhöhen. Man vermutet, dass Infektionen latente Entzündungen oder Immunreaktionen im Gehirn und zentralen Nervensystem auslösen, wobei man als Ursache Zytokine postuliert, die bei Immunreaktionen Gehirnzellen und andere Nervenstrukturen im ganzen Körper schädigen. Zytokine sind Proteine, die das Wachstum und die Differenzierung von Zellen regulieren, indem sie die Proliferation und Differenzierung von Zielzellen einleiten oder regulieren.

Typische Symptome einer Depression sind daher dauerhafte Antriebslosigkeit und der allmähliche Verlust von Interessen, woraus ein Teufelskreis aus Rückzug, Hoffnungslosigkeit und depressiver Stimmung entsteht, wobei selbst wenn es den Betroffenen bewusst wird, dass sie etwas aktiv dagegen tun müssten,  es einfach nicht schaffen, einen ersten Schritt in diese Richtung zu tun.

Die Depression zählt dabei wie die Manie zu den affektiven Störungen, wobei sie im Klassifikationssystem psychischer und anderer Erkrankungen (ICD 10) „depressive Episode“ oder „rezidivierende (wiederkehrende) depressive Störung“ benannt wird. Dabei bleibt offen, ob die Krankheit reaktiv, neurotisch oder endogen entstanden ist. Die Diagnose wird allein nach Symptomen und Verlauf gestellt, wobei typisch eine Depression charakterisiert ist durch die Symptomverbindung von Stimmungseinengung, Antriebshemmung, innere Unruhe und Schlafstörungen. Hinzu kommen manchmal übertriebene Sorge um die Zukunft, das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, Minderwertigkeit, Hilflosigkeit sowie soziale Selbstisolation.

Die kognitive Verhaltenstherapie ist dabei eine bewährte Methode zur Behandlung von Depressionen, wobei man auch auf folgende zentrale Fragen konzentriert:

  • Wie baut man eine Beziehung zu einem depressiven KlientInnen auf?
  • Wie bringt man ihn dazu, positive Aktivitäten aufzunehmen?
  • Was tun bei Krisen und Rückschlägen?
  • Wie lassen sich Gedanken depressiver KlientInnen verändern?
  • Wie lassen sich soziale Fertigkeiten verbessern?
  • Was stabilisiert den Therapieerfolg?

Zu den klassischen Medikamenten gegen Depressionen zählen Trizyklika und Tetrazyklika, die relativ umfassend wirken und je nach Wirkstoff die Stimmung aufhellen, die Angst lösen, beruhigen oder auch den Antrieb stärken können. Die klassischen Antidepressiva wirken in der Regel zeitverzögert, d.h., der oder die Behandelte muss zwei bis sechs Wochen die Medikamente einnehmen, ehe sich die erwünschte Wirkung einstellt. Daher sollte aus dieser Perspektive eine Behandlung niemals abgebrochen werden, auch wenn sich Nebenwirkungen wie Verstopfung, Gewichtszunahme und Mundtrockenheit einstellen. Je nach Wirkstoff kann es daher auch indiziert sein, in der ersten Behandlungsphase eine spezielle Diät einzuhalten, um Übelkeit, Bluthochdruck und Kopfschmerzen zu verhindern. Zwar ist der Wirkstoff Lithium an sich kein Antidepressivum, kann aber in Verbindung mit Antidepressiva dazu beitragen, einen möglichen Rückfall zu verhindern, wobei der Lithiumgehalt im Blut alle drei Monate überprüft werden muss.

Der Griff zu solchen Psychopharmaka ist bei Depressionen meist die naheliegende Lösung, denn die Betroffenen erwarten Hilfe und Ärzte möchten etwas anbieten. Studien zeigen jedoch, dass Antidepressiva zwar bei schweren Depressionen helfen können, doch bei Depressionen mit leichter bis mittlerer Ausprägung wirken sie jedoch kaum besser als Placebos. Hinzu kommt, dass diese Psychopharmaka häufig Nebenwirkungen wie Übelkeit, Kopfschmerzen, Unruhe oder Gewichtszunahme aufweisen. Eine Abklärung der Schwere einer Depression ist daher vor dem Einsatz von Medikamenten angebracht.

Depressionssymptome unterscheiden sich stark zwischen den betroffenen Menschen. Nach neuesten Untersuchungen (Homan et al., 2015) hängt es auch von den Botenstoffen im Gehirn ab, welche Form einer Depression von den Betroffenen entwickelt wird.  Manche Depressionen entstehen durch einen Mangel am Botenstoff Serotonin im Gehirn, andere durch einen Mangel an Noradrenalin. Bisher konnte man diese beiden Formen nicht unterscheiden, was den Einsatz von Antidepressiva erschwerte, denn diese wirken in der Serotonin-Noradrenalin-Schaukel nur auf einen bestimmten Botenstoff. So treten bei Serotoninmangel eher depressive Stimmung, Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit auf, bei Noradrenalinmangel eher Antriebsmangel, Konzentrationsschwächen und Ängstlichkeit. Auch beim Stoffwechsel im Gehirn zeigten sich biologische Unterschiede zwischen den Depressionstypen: Serotoninmangel bewirkte einen gesteigerten Stoffwechsel im rechten Stirnlappen und im limbischen System, dem stressregulierenden System des Gehirns. Ein Noradrenalin-Mangel senkt hingegen den Stoffwechsel im rechten Stirnlappen, dem Areal für Gefühlsregulation und Entscheidungen.

Übrigens: Auch langer Schlaf bessert das Befinden von depressiven Menschen nicht, sondern kann es sogar verschlechtern, daher wird inzwischen routinemäßig Schlafentzug in Kliniken angeboten, was als belegtes und wirksames Mittel bei Depressionen gilt, denn bei etwa sechzig Prozent der Betroffenen bessert sich die depressive Verstimmung dadurch schlagartig, allerdings in der Regel nur bis zum nächsten Schlaf. Dass eine oft bereits seit Monaten bestehende Depression allein durch eine einzige Maßnahme durchbrochen werden kann, vermittelt häufig Hoffnung, auch wenn die Besserung zunächst nur vorübergehend ist.

Untersuchungen zeigten auch, dass eine Depression den Alterungsprozess der Zellen beschleunigt, denn die Zellen von Menschen, die einmal an einer Depression litten, zeigen einen sichtbaren Unterschied hinsichtlich der Telomere, der Schutzkappen am Ende der Chromosomen. Telomere bilden eine Art Schutzmechanismus für den Organismus, wobei je kürzer Tolemere sind, desto älter ist der Körper und desto geringer die Lebenserwartung. Man vermutet, dass eine Depression mehrere Jahre des biologischen Alterns mit sich bringt, insbesondere dann, wenn die Betroffenen ernste chronische Symptome aufweisen.

Mit Hilfe der tiefen Hirnstimulation haben Wissenschaftler der Charité Berlin charakteristische Aktivitätsmuster in einer bestimmten Gehirnregion des limbischen Systems bei chronisch Depressiven dokumentieren können. Es zeigte sich, dass Menschen mit Depression im direkten Vergleich zu Menschen mit einer Zwangsstörung eine deutlich gesteigerte Aktivität im Bereich der Alpha-Wellen aufweisen, wobei auch eine Korrelation zwischen der Stärke der Alpha-Wellen und der Symptomschwere der Depression bestehen dürfte. Nach Ansicht der WissenschaftlerInnen könnte die Alpha-Aktivität eine pathophysiologische Signatur bei Depression darstellen und als Biomarker für moderne Stimulationsverfahren dienen.

Geschlechtsunterschiede bei Depressionen

Nach Schätzungen leiden rund zehn Prozent der Frauen an Depressionen, während es bei Männern etwa fünf Prozent sind, wobei es neben der unterschiedlichen Häufigkeit auch geschlechtsspezifische Unterschiede in Entstehung und Symptomatik gibt. Bei Männern dominieren Aggressivität, Wut und Gereiztheit, während die klassischen Beschwerden wie Niedergeschlagenheit, Hoffnungslosigkeit und Trauer von diesen Symptomen oft verdrängt werden. Hinzu kommen oft physische Probleme wie Atemnot, Herzrasen, Schwindel oder Beklemmungen, sodass durch diese Vielfalt an Symptomen Depressionen bei Männern manchmal auch schwerer diagnostizierbar sind und deshalb oft unbemerkt bleiben. Auch sind bei Männern Depressionen immer noch ein Tabu-Thema, d. h., Männer verdrängen die Problematik und gehen oft erst dann zum Arzt, wenn der Erschöpfungszustand, die Verstimmungen oder andere Beschwerden eine Behandlung dringend erforderlich machen. Um ihre Probleme zu kompensieren, flüchten weitaus mehr Männer als Frauen in Alkohol- und Medikamentenmissbrauch sowie andere exzessive Verhaltensweisen, die die eigentliche Erkrankung somit häufig verdecken. Ein Grund dafür liegt nach Meinung von Experten im traditionellen Männerbild, das immer noch oft vorherrscht, d. h., der starke Mann benötigt keine medizinische Hilfe, vor allem keine psychologische. Da es für eine Depression generell viele möglichen Auslöser gibt, ist neben der Veranlagung das Zusammenspiel beziehungsweise die Wechselwirkung biologischer Faktoren, wie Hirnstoffwechselstörungen, und psychosozialer Momente wie etwa Jobverlust, private Trennung oder berufliche Überforderung entscheidend. Sicher haben auch genetische Faktoren einen Einfluss. Während bei Frauen oft Familienprobleme der Auslöser sind, gelten bei Männern berufliche Schwierigkeiten als primäre Ursache, wobei bei Frauen zudem auch hormonelle Schwankungen hinzukommen, die vermutlich ein Grund für die Häufigkeitsrate bei Frauen sind.

Depression bei Kindern und Jugendlichen

Depression ist übrigens nicht nur eine Krankheit von Erwachsenen, sondern auch Kinder und Jugendliche können davon betroffen sein, wobei sie ähnliche Symptome zeigen wie die Erwachsenen. Vor allem Kinder und Jugendliche mit einer schweren Lebensgeschichte oder besonders gravierenden Problemen leiden unter Depressionen, wobei rund 12 Prozent aller Buben und 20 Prozent aller Mädchen bis zu ihrem 18. Geburtstag mindestens einmal von dieser Symptomatik betroffen sind. Die Anzeichen für eine Depression sind bei Kindern ähnlich wie bei Erwachsenen: ständige Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Schlaf- und Essstörungen, manchmal auch Konzentrationsstörungen, Aggressivität und ein geringes Selbstwertgefühl sind Hinweise darauf. Ausgelöst wird die Erkrankung häufig durch äußere, einschneidende Faktoren wie etwa die Trennung der Eltern, Überforderung in der Schule, Streit mit den Eltern. Genauso wie bestimmte Lebensumstände Depressionen fördern, können andere Umstände vorbeugend wirken, wie eine gute Atmosphäre zuhause, klare Grenzen, ein strukturierter Tagesablauf, ermutigende Worte der Eltern, denn Anerkennung stärkt Kinder und macht sie immuner gegen die Folgen von Belastungen.

Ausprägungsgrade von Depressionen

Behandelt werden in vielen Fällen häufig nur die körperlichen Beschwerden und nicht die diesen Beschwerden zu Grunde liegende Depression, wodurch Depressive auch besonders gefährdet sind, alkoholabhängig zu werden, da sie als Lösung für ihr Leiden nicht selten im Suchtverhalten suchen. Vor allem leichte aber auch mittelschwere Depressionen werden oft nicht erkannt, denn viele Menschen und deren Umgebung halten das für ein vorübergehendes Stimmungstief, das jeder Mensch einmal hat, und versuchen, sich zusammenzureißen bzw. werden von ihrer Umgebung getröstet, eines Tages schon wieder auf die Beine zu kommen. Nach außen hin könnten die von einer Depression Betroffenen häufig ein unauffälliges Leben führen, doch es kostet sie große Anstrengungen und Leidensfähigkeit, ihren Alltag, sei es nun beruflich oder privat, zu bewältigen. Phasen schwerer Depressionen sind dann von völliger Gefühlsstarre, Hoffnungslosigkeit und auch Suizidgedanken geprägt, d.h., die Depressionskranken wirken wie gelähmt. Hier hilft nur noch professionelle Hilfe, wobei sich nach Ansicht von Experten über achtzig Prozent der depressiven Erkrankungen erfolgreich behandeln lassen, wenn sie rechtzeitig erkannt werden. Da manche von einer Depression Betroffenen jedoch auch beruflich überlastet sind, Stress in der Familie ausgesetzt sind, besteht die Gefahr, die Symptome einer von innen kommenden Depression irgendwelchen äußeren Faktoren zuzuordnen, wobei eigene Durchhalteappelle oder äußere wohlgemeinte Ratschläge wie doch einmal Urlaub zu machen zwar naheliegend aber letztlich dem Leiden abträglich sind, denn sie verstärken dann nur die Schuld- und Versagensgefühle der Betroffenen.

Wie erkennt man eine Depression?

Bei einer Depression kommen in der Regel mehrere Krankheitszeichen zusammen, d. h., es ist nicht bloß die Stimmung gedrückt, denn das kommt im Leben bei jedem Menschen einmal vor, sondern es ist das ganze Lebensgefüge des Betroffenen verändert. Der oder die Betroffene kann sich über nichts mehr freuen, auch positive Dinge erreichen sie/ihn nicht mehr, und er/sie hat große Schwierigkeiten, auch kleine Dinge des Alltags auf Grund eines permanenten Erschöpfungsgefühls zu erledigen. Depressive Menschen können Nachts nicht schlafen, liegt grübelnd im Bett, befinden sich also in einer Situation, die für viele allmählich unerträglich wird, wobei die Überzeugung hinzukommt, aus dieser Lage nie wieder herauszukommen. Hoffnungslosigkeit ist ein zentrales Merkmal einer Depression und erzeugt einen hohen Leidensdruck.
Wenn Angehörige etwa bemerken, dass der Partner sich zurückzieht, nicht mehr lacht, vielleicht nicht einmal mehr weinen kann – bei depressiven Menschen versiegen die Tränen! -, dann ist es wichtig, dass die Angehörigen den Betroffenen motivieren, sich Hilfe zu holen. Es ist nicht leicht für den Betroffenen zu erkennen, dass es eine Depression ist, denn er behauptet häufig, dass dieser Zustand das Ergebnis einer Überforderung bei der Arbeit oder eines Konfliktes in der Familie darstellt.

Einen Depressiven kann man daher in den seltensten Fällen erkennen, wie man generell eine seelische Krankheit einem Menschen kaum von außen ansieht. Deshalb ist es wichtig, die seelischen und körperlichen Symptome zu erkennen, die auf eine psychische Erkrankung, z.B. eine Depression, hinweisen. Bei den seelischen Symptomen stehen im Vordergrund die Freudlosigkeit, Interesselosigkeit, Energielosigkeit, Mutlosigkeit, die Stimmung ist gedrückt, es kommt immer wieder zu Merk- und Konzentrationsstörungen, zu verlangsamten Reaktionen, zur Entscheidungsunfähigkeit. Zu den körperlichen Symptomen einer Depression gehören Schlafstörungen, Appetitstörungen, Kopfschmerzen, Herzbeschwerden und sexuelle Lustlosigkeit. Begleitet wird eine Depression häufig auch von Angstzuständen, innerer Unruhe, Schuldgefühlen, Grübelzwang. Allmählich führt das Erleben „Ich bin nichts, ich kann nichts, man mag mich nicht und an allem bin ich selber Schuld“ zum Lebensüberdruss, in der extremsten Form zum Suizid.
Generell ist es auch für die Umgebung sehr schwierig, einen Suizid vorauszusehen, allerdings gibt es einige Vorzeichen. Erwin Ringel verwendete dafür den Begriff des „präsuizidalen Syndroms„, für das folgende Merkmale charakteristisch sind: Betroffene sehen keine Wahlmöglichkeiten mehr und äußern Gefühle wie Hoffnungs- und Sinnlosigkeit, sie haben das Gefühl, der Realität nicht mehr gewachsen zu sein, und bauen sich dann eine Scheinwelt auf, in der der Gedanke an den Tod allmählich eine immer größere Rolle spielt. Selbstmordgedanken sind daher immer ein Warnsignal, besonders, wenn es dabei schon um konkrete Handlungen geht.
Bisher nahm man an, dass Depressionen als Erschöpfungszustand des Gehirns auch Probleme im Bereich Gedächtnis und Konzentration mit sich bringt. Nach einer Metastudie über Untersuchungen aus 20 Jahren fand man jedoch, dass sich Depressionen nicht immer in Störungen der Aufmerksamkeit, in Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisproblemen niederschlagen müssen, vielmehr sind Konzentrationsstörungen nur ein Symptom von Depressionen und wirken daher wie eine Gedächtnisstörung. Allerdings führen Depressionen dazu, dass viele Gedächtnisprozesse mehr Zeit in Anspruch nehmen. Übrigens werden Menschen mit Teilzeitbeschäftigung nach Statistiken eher depressiv als Menschen, die Vollzeit beschäftigt sind. Auch wenn man bei Menschen den Stress reduziert, kann man eine depressive Episode nicht immer verhindern. Das passiert auch oft beim Urlaubsantritt oder in der Pension, wenn man eigentlich keinen manifesten Stress mehr hat. So werden Menschen, die in Hochleistungsbereichen arbeiten, nicht häufiger depressiv als Menschen, die das nicht machen.

Für Angehörige von Depressiven ist das Zuhören, das vorbehaltlose Verständnis, die Verstärkung aller nicht-depressiven Verhaltensweisen durch Lob wichtig. Hüten sollte man sich vor falschen Ratschlägen, vor Appellen, wie „reiß dich zusammen“, auch sollte man nach Volker Faust Depressive weder auf Kur noch in den Urlaub schicken. Metaanalysen von Studien zur Schätzung der Zeitdauer von Ereignissen zeigen, dass das subjektive Gefühl, wie die Zeit vergeht, für depressive Menschen anders ist als die tatsächliche Schätzung der Dauer eines Ereignisses. Allerdings ist der Zusammenhang von Depressionen und Zeitwahrnehmung noch nicht hinreichend untersucht, denn es ist wenig bekannt, wie sich Antidepressiva oder Psychotherapie auswirken bzw. ob Betroffene mit bipolaren Störungen oder einer klassischen Depression unterschiedlich reagieren.

Die saisonal abhängige Depression (SAD) ist eine Unterform der depressiven Erkrankungen, bei der aufgrund von Lichtmangel weniger von dem Neurotransmitter Serotonin im Gehirn produziert wird, wodurch bei bestimmten Menschen die klassischen Symptome der SAD auf treten, die aber in ihrer Ausprägung ganz unterschiedlich sein können, doch in der Regel durch Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Unausgeglichenheit und eine insgesamt gedrückte Stimmungslage gekennzeichnet sind.

Nach Feiertagen, insbesondere zu Weihnachten, fallen viele Menschen in ein psychisches Loch, denn nach den oft psychisch und sozial anstrengenden Weihnachtstagen wird manchen erst bewusst, wie es ihnen geht. Kommt vielleicht noch ein Familienzwist hinzu, ist eine Depression nicht selten. Das psychische Loch ist vor allem bei Frauen häufig eine „Entlastungsdepression„. Während eine Belastungsdepression meist durch Überforderung hervorgerufen wird, bricht eine Entlastungsdepression oft dann aus, wenn der Arbeitsdruck vorbei ist, also nach bewältigten Aufgaben wie etwa die Vorbereitungen zum Fest. Das von manchen empfohlene Reisen hilft nicht bei Depressionen, denn eine Depression reist auch in den Urlaub mit. Es ist ein Merkmal einer Depression, dass positive Ereignisse nicht helfen, aus der negativen Stimmung herauszukommen.

In einem Zeitinterview vom 21 April 2011 erläutert der Psychiater Martin Brüne (Universität Bochum), warum man psychischen Störungen des Menschen auch im Lichte der Evolution betrachten sollte, also die Genese etwa von Depressionen aber auch Schizophrenien auch im stammesgeschichtlichen Kontext. Epidemiologischen Studien zufolge erkrankt jeder zweite Mensch mindestens einmal in seinem Leben an einer psychischen Störung, und Brüne vermutet, dass psychische Störungen den gleichen evolutionären Prinzipien unterliegen wie körperliche Krankheiten, also durch Verhaltensweisen wie z.B. Lebensgewohnheiten entstanden sind, die für Jäger- und-Sammler-Gesellschaften optimiert waren. „Dort war es eine sinnvolle Überlebensstrategie, nach süßen und fetthaltigen Nahrungsmitteln zu suchen. In modernen Überflussgesellschaften führt dieses Verhalten aber zu Übergewicht und Diabetes. Diese Krankheiten existieren, weil die biologische Evolution nicht so schnell ist wie die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung der Menschen. Für heutige Umwelten sind unsere stammesgeschichtlich erworbenen Anpassungen nicht mehr optimal. (…) es gibt zum Beispiel Hinweise darauf, dass die Größe des sozialen Umfeldes und die Vielzahl der Kontakte mit Fremden in modernen Gesellschaften manche Menschen überfordern und sie unter chronischen Stress setzen, der letztlich auch Depressionen verursacht.“

In der Psychologie wurde lange die Frage diskutiert, ob eine Depression immer zu schlechteren Leistungen bei Aufgaben führt, denn einerseits gibt es Befunde, die dafür sprechen, dass sich mit der Krankheit Leistungen des Gedächtnisses verschlechtern, allerdings betrachten andere Forscher in ihren leichten Formen die Depression evolutionäre Anpassung im Sinne eines Selektionsvorteils, denn das dauernde Grübeln hilft nachgewiesenermaßen bei der Entscheidungsfindung in komplexen sozialen Situationen, sichtbare Traurigkeit generiert Hilfsbereitschaft im sozialen Umfeld.

Nach Meinung von Rottenberg (2012) ist die Depression im Wesentlichen ein Ergebnis der Evolution, denn euphorische und auch niedergeschlagene Stimmungslagen helfen Menschen und Tieren, ihr Leben zu bewältigen. Euphorie etwa setzt mehr Energien zum Erreichen von Zielen frei, eine depressive Stimmung fokussiert besser auf Bedrohungen als Begeisterung. Dieses überkommene Stimmungssystem passt vermutlich nicht mit dem heutigen Lebensumfeld zusammen, denn die Fähigkeit zu langfristigem Planen und das Vergleichen mit immer mehr Menschen bringt immer mehr Gelegenheiten, in denen sich Menschen als Versager fühlen. Unsere Kultur schürt darüber hinaus die Erwartungen der Glückseligkeit, die dann unmöglich zu erfüllen sind, d. h., Menschen setzen sich zu viele und zu hohe Ziele.

Nach Ansicht von Andrews & Thomson (2009) sind Depressionen daher möglicherweise auch ein adaptives Frühwarnsystem unseres Körpers, denn Depressionen zwingen Menschen dazu, sich aktiv mit einem bestimmten Problem auseinanderzusetzen, was zu einer Steigerung der analytischen, selbstreflektorischen Aktivitäten im Gehirn führt. Da aber Ruhephasen und REM-Schlaf für das Gehirn zur Verarbeitung alltäglicher Einflüsse und Gedanken wichtig sind, stört die Auseinandersetzung mit Problemen und Selbstzweifeln diese Phasen, wobei sich das Gehirn aktiv und vermehrt mit negativen Aspekten des Lebens auseinandersetzen muss. Nach dieser Ansicht sind Depressionen nicht nur eine Erkrankung, sondern in gewisser Weise auch eine Form einer biologischen Anpassung des Gehirns auf äußere Einflüsse.

Depression und Melancholie im Alter

Der Philosoph Wilhelm Schmid widerspricht in einem Spiegel-Interview im August 2015 der Behauptung, dass immer mehr Menschen gerade im Alter an Depressionen leiden: „Ich traue dieser Statistik nicht. Meiner Meinung nach werden da zwei Befunde zusammengeworfen, um möglichst viele Medikamente zu verkaufen: nämlich die relativ seltene und sehr schwere Krankheit Depression. Und andererseits die Melancholie, also traurig zu sein etwa angesichts der Endlichkeit des eigenen Lebens. Letzteres hat nichts mit Depression zu tun, sondern hat schon immer zum menschlichen Dasein dazu gehört. Auch die Philosophen in der Antike kannten die Melancholie. Im Gegensatz zu heute, wo mit diesem Zustand viel Geld verdient wird, hielt man ihn im Altertum jedoch für kreativ und produktiv.“

Belastung bei der Pflege von depressiven Menschen

Nach einer großen Erhebung (Bubolz-Lutz et al., 2015) leiden rund 20 Prozent aller pflegenden Angehörigen in Deutschland unter einer Depression, aber auch Angst- oder Schlafstörungen kommen gehäuft vor. Insgesamt leidet etwa die Hälfte aller Pflegepersonen unter psychischen Problemen, also deutlich mehr als nicht-pflegende Menschen. Diese Zahlen zeigen, wieviel Druck auf Menschen lastet, die neben Beruf und Familie noch die Pflege eines Angehörigen übernehmen müssen, wobei diese auch körperlich belastet sind, denn jede sechste Pflegeperson musste wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen wie Rückenschmerzen zum Arzt, bei nicht-pflegenden Personen war hingegen nur jeder Zehnte betroffen. Dabei muss berücksichtigt werden, dass mit rund neunzig Prozent meist Frauen die Pflege übernehmen, von denen ein Drittel berufstätig ist und davon ein Fünftel in Vollzeit.

Der schwarze Hund namens Depression

Der Zeichner Matthew Johnstone erzählt in diesem Video in Zusammenarbeit mit der WHO die Geschichte der Entstehung einer Depression und wie sich das für einen Betroffenen anfühlt!


[Quelle: https://www.youtube.com/XiCrniLQGYc]

Der radikalste Ansatz: Es gibt keine Depression

Manche Psychologen wie Peter de Jonge sind der Ansicht, dass es gar keine Störungen wie Depressionen im eigentlichen Sinne gibt, da die psychischen Probleme der Menschen oft auf falsche Weise beschrieben werden. Die Diagnose Depression fügt nämlich nichts hinzu, sondern kann im Gegenteil Schlechtes bewirken, da das Stellen einer Diagnose bei Menschen den Eindruck erwecken kann, dass sie eine Störung haben, gegen die sie so wie bei manchen somatischen Erkrankungen nichts tun können. Seiner Ansicht nach liegt der Schlüssel zur Besserung der depressiven Problemevon Menschen in entscheidendem Maße bei der Person selbst: Tu etwas, um einem Zuviel an Stressreizen vorzubeugen, schau, was dich glücklich macht oder nicht glücklich macht, denk darüber nach, was du mit deinem Leben anfangen willst. Diese Art von Fragen regen man nicht dadurch an, dass man über Depressionen als Störung spricht. Peter de Jonges Ansatz ist es, sich ein bestimmtes Individuum im Lauf der Zeit anzuschauen und nicht mit einem statistisch ermittelten Durchschnitt zu vergleichen. Wichtig ist es nach Peter de Jonge daher, sich Individuen mit der Perspektive anzuschauen, wie gut sich jemand im Vergleich zu seinem eigenen, normalen Gesundheitszustand fühlt. Daher ist besonders die grundsätzlich Diversität der Menschen wichtig für die Praxis, denn einem Psychologen oder Psychiater sitzt immer eine Einzelperson und kein Durchschnittsmensch gegenüber, d. h., in Psychologie und Psychiatrie sollte man am in erster Linie am Individuum interessiert sein. In der Regel gibt es ja viele Überschneidungen mit anderen Störungen, denn Menschen mit Depressionen zeigen häufig auch Symptome der Generalisierten Angststörung. Daher ist eine eindeutige Diagnose in der Regel gar nicht möglich.

Literatur

Andrews, P. W. & Thomson, J. A. (2009). The bright side of being blue: Depression as an adaptation for analyzing complex problems. Psychological Review, 116(3), 620–654. http://doi.org/10.1037/a0016242.
Baierl, M. (2009). Familienalltag mit psychisch auffälligen Jugendlichen: Ein Elternratgeber. Vandenhoeck & Ruprecht.
Bubolz-Lutz, E., Mester, B., Schramek, R., Streyl, H. & Wenzel, S. (2015). Pflegebegleitung – Handbuch zum Aufbau von Initiativen zur Stärkung pflegender Angehöriger. Pabst.
Homan, P. , Neumeister, A. , Nugent, A. C. , Charney, D. S ., Drevets, W. C. & Hasler , G. (2015). Serotonin versus catecholamine deficiency: behavioral and neural effects of experimental depletion in remitted depression. Translational Psychiatry. Doi:10.1038/tp.2015.25.
http://miteinandersprechen.blogspot.com/2010/02/konnen-sich-depressive-schlechter.html (10-02-18)
Rottenberg, J. (2012). The Depths: The Evolutionary Origins of the Depression Epidemic. Basic Books.
Setiawan, E., Wilson, A.A., Mizrahi, R., et al. (2015). Role of Translocator Protein Density, a Marker of Neuroinflammation, in the Brain During Major Depressive Episodes. JAMA Psychiatry. Doi:10.1001/jamapsychiatry.2014.2427.
http://www.fr-online.de/psychologie/experte-erklaert-so-unterscheiden-sich-depressionen-bei-maennern-und-frauen,9563660,34689230.html (16-08-30)
https://scilogs.spektrum.de/menschen-bilder/es-gibt-keine-depressionen/ (17-06-05)





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