Erwartungs-x-Wert-Theorie

Erwartung bezeichnet in der Psychologie die Annahme oder Vorausschau eines zukünftigen Ereignisses, wobei damit meist eine subjektive Wahrscheinlichkeit verbunden ist. Zu den Erwartungen zählt man in der Psychologie, insbesondere der Persönlichkeitspsychologie unter anderem die Polarität Optimismus – Pessimismus, die Selbstwirksamkeitserwartung, Kontrollüberzeugungen und einige Attributionsstile. In der Erwartung-mal-Wert-Theorie wird etwa das Ausmaß der Motivation zu einer konkreten Aktivität in eine Formel gebracht:

M = E x W

Dabei bedeutet, die Motivation (M), eine Sache zu tun, ist das Produkt aus der Erwartung (E) bestimmter Ergebnisse einer Handlung und dem Wert (W) bzw. dessen Attraktivität, die eine Person dem Ergebnis beimisst. Diese Erwartung kann positiv sein, d.h., je mehr, desto mehr ist man motiviert, aber auch negativ (dann sinkt die Motivation). Je wichtiger jemandem etwa ein guter Schulabschluss (Wert) ist, und je mehr man glaubt, dass man mit Anstrengung dieses Ziel erreichen kann (Erwartung), desto höher wird auch die Motivation sein.

Ein Beispiel dieses Motivationsansatzes ist das Modell der Leistungsmotivation nach Atkinson (1957), das neben der Motivdisposition einer Person (hohes Leistungsmotiv) auch die situativen Faktoren der Erfolgswahrscheinlichkeit und des Erfolgsanreizes berücksichtigt, sodass die Zielsetzung einer leistungsmotivierten Person von zwei Variablen abhängt, der subjektiv eingeschätzten Erfolgswahrscheinlichkeit, d.h., der Wahrscheinlichkeit, ein gesetztes Ziel zu erreichen, sowie vom Erfolgsanreiz, d.h., der Anziehungskraft eines Erfolgs.  Hinter diesem Erwartung-mal-Wert-Modell steht die Grundannahme, dass eine leistungsmotivierte Person ihre Handlungsziele bewusst wählt und dabei rational vorgeht, indem sie die Erfolgswahrscheinlichkeit (Erwartung) mit der Attraktivität des jeweiligen Ziels (Wert) verrechnet. Schließlich wird die Alternative gewählt, die den höchsten subjektiv erwarteten Nutzen verspricht.

Dieses vor allem in experimenteller Forschung überprüfte RisikoWahl-Modell sagt voraus, für welche Aufgabe sich eine leistungsmotivierte Person entscheiden wird, wenn ihr mehrere Aufgaben unterschiedlicher Schwierigkeit zur Auswahl stehen. Die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit wird dabei durch die wahrgenommene Aufgabenschwierigkeit bestimmt, der Erfolgsanreiz wird über die antizipierten Gefühle bei Erfolg (Stolz, positive Selbstbewertung) bzw. bei Misserfolg (Betroffenheit, negative Selbstbewertung) vermittelt. Die resultierende Handlungstendenz berechnet sich schliesslich als eine multiplikative Verknüpfung von subjektiver Erfolgswahrscheinlichkeit und Erfolgsanreiz, die mit der individuellen Ausprägung des Leistungsmotivs (Hoffnung auf Erfolg, Furcht vor Misserfolg) gewichtet wird. Erfolgsmotivierte Menschen, die gerne leistungsbetonte Situationen aufsuchen, wählen dabei häufig Aufgaben mittlerer Schwierigkeit, während misserfolgsmeidende Personen, die leistungsbetonten Situationen eher aus dem Weg gehen, tendenziell Aufgaben tiefer oder hoher Schwierigkeit aussuchen.

Eine Analyse der empirischen Literatur zu Frage der Aufgabenschwierigkeit von Marion Kloep zeigt übrigens eine klare Überlegenheit niedriger Schwierigkeitsgrade vor anderen im Hinblick auf Affekt, Aufgabenwahl, Anstrengung, Ausdauer und Leistung. Sie moniert in ihrer Arbeit auch die eher fragwürdige Forschungs- und Veroffentlichungspraxis vieler Leistungsmotivationsforscher, denen sie vorwirft, mit methodischem Dilettantismus, ungenauer Arbeit und Datenverfälschung bis an die Grenzen wissenschaftlicher Ethik zu gehen.

Literatur
Atkinson, J. W. (1957). Motivational determinants of risktaking behavior. Psychological Review, 64, 359-372.



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