Kaufsucht

Im deutschen Sprachraum hat sich im Gegensatz zu Nordamerika, wo vom Kaufzwang (Compulsive Buying) gesprochen wird, der Begriff der Kaufsucht durchgesetzt. Ein Zwang würde das Gefühl beschreiben von einer Instanz außerhalb der eigenen Person zu dieser Handlung gezwungen zu werden. Eine Hohenheimer Forschergruppe (Scherhorn, Reisch & Raab 1995) verweist darauf, dass die von ihnen untersuchten Personen nicht das Gefühl haben, gegen ihren Willen zu einer bestimmten Handlung gezwungen zu sein, sondern mit unwiderstehlichem Drang aus eigenem Bedürfnis kaufen.
Verhaltenswissenschaftlich betrachtet ist die Kaufsucht (fachspr. Oniomanie, von griech. onios = „zu verkaufen“) eine psychische Störung, die sich als zwanghaftes, episodisches Kaufen von Waren selten auch Dienstleistungen äußert. Ähnlich wie die Spielsucht oder die Arbeitssucht nicht als eigenständige Krankheit gesehen, sondern zu den Zwangsstörungen oder Impulskontrollstörungen gezählt. Sie wurde bereits 1909 in der ersten Auflage des Lehrbuches von Emil Kraepelin erwähnt. Für eine psychiatrische Diagnose ist wesentlich, dass nicht der Besitz Handlungsziel ist, sondern die Befreiung vom Drang durch Kaufhandlung selbst. Meist wird eine bestimmte Warengruppe wie Schuhe, Bekleidung oder Nippsachen bevorzugt, wobei die weit über den Bedarf hinaus erworbenen Gegenstände oft unausgepackt in der Wohnung gelagert oder gar weggeworfen werden.
Die Wurzeln für das Suchtverhalten liegen oft in der Kindheit, in der es einen Mangel an Zuwendung und Anerkennung, Mangel an Liebe und Geborgenheit gab, wobei sich Betroffene die Zuwendung der Eltern erst verdienen mussten bzw. ihre Gefühle nicht frei äußern durften. So haben sie als Kinder erlebt, dass sie nicht als Person um ihrer selbst willen wichtig sind und als Erwachsene können sie sich selbst kein gesundes Selbstwertgefühl verschaffen, sodass der Konsum für Kaufsüchtige den meist vergebliche Versuch darstellt, dieses Gefühl der Minderwertigkeit auszugleichen. Andere wieder haben als Kind unter materieller Entbehrung gelitten und werden kompensatorisch aus diesem Empfinden, in dieser Zeit zu kurz gekommen zu sein, kaufsüchtig, wobei der Kauf meist ebenfalls einen Ersatz an Zuwendung bedeutet. Auch persönliche Probleme etwa in der Familie, Sorgen um den Arbeitsplatz, Frustrationen oder Einsamkeit können mit Konsum verdrängt werden, wobei Frauen mit dem Kaufen von Mode, Kosmetika oder Schmuck ihre subjektiv erlebte Unzufriedenheit mit ihrem Erscheinungsbild bekämpfen wollen, während Männer eher technische Geräte wie das neueste Handy, Kameras oder Computer erwerben. Nicht zuletzt ist Kaufen gesellschaftlich akzeptiert und wird durch Medien auch noch gefördert.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie rät von Kaufsucht Betroffenen zu einer Psychotherapie, insbesondere dann, wenn exzessives Kaufen zusammen mit anderen psychischen Erkrankungen wie Depressionen auftritt. Für Kaufsüchtige ist nicht der Besitz einer Sache das Ziel, sondern das Kaufen selbst löst ein zumindest kurzweiliges Glücksgefühl aus. Einer solchen Kaufepisode geht eine Phase der Depression, Anspannung oder Langeweile voraus, wodurch der Kauf werde dann kurzfristig als Befreiung, Vergnügen, Wohlgefühl oder Belohnung empfunden wird. Doch schon bald stellen sich Gewissensbisse und Scham ein, wobei die gekauften Gegenstände dann oft versteckt, gehortet, weggegeben oder einfach vergessen werden. In einer Studie (Müller et al., 2014) mit etwa hundert Kaufsüchtigen, die zu einer Therapie angemeldet waren, wurden Zusammenhänge zwischen Persönlichkeitseigenschaften wie Materialismus, Kontrollneigung, Geselligkeit, Sensibilität, Depression und Kaufsucht untersucht. Insgesamt hing Kaufsucht nur mit Depressionen zusammen, also mit Phasen ausgeprägter Traurigkeit und körperlicher Erschöpfung.

Doch langfristig lassen sich die Folgen der Erkrankung nicht verbergen, denn die meisten Betroffenen haben substanzielle soziale, finanzielle und nicht selten auch juristische Probleme. Untersuchungen zeigen, dass etwa sieben Prozent aller Menschen Symptome zwanghaftem Einkaufens zeigen. Viele der Betroffenen können sich gegen die von der Werbung ausgehenden Impulsen nicht wehren, doch ist das zwanghafte Kaufen auch durch grundsätzliche Persönlichkeitsvariablen begründet, etwa in Form einer auffälligen Risikobereitschaft, wodurch die beim Kauf möglichen negativen Konsequenzen bei der Impulshandlung einfach vergessen werden.

Eine Behandlung der Kaufsucht durch Verhaltenstherapie hat zwei Ansatzpunkte: Zunächst geht es darum, das Kaufsuchtverhalten zu unterbrechen und zu lernen, einzukaufen, ohne die Kontrolle zu verlieren. In einem zweiten Schritt wird man versuchen, die Ursachen des Suchtverhaltens beseitigen, etwa durch den Aufbau einer gesunden Selbstachtung und Stärkung des Selbstwertgefühls, das Erlernen von Konfliktlösestrategien, von Selbstbehauptungsstrategien und das Einüben von Methoden, negativen Gefühlen umzugehen.

Selbsttest für Shopaholics – Bin ich kaufsüchtig?

Impulskäufer

Impulskäufer unterscheiden sich nach Studien hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und Ablenkbarkeit von anderen Käufern und sind so zugänglicher für einkaufsbezogene Reize und Produkte, denn es hat sich in Untersuchungen Wiener PsychologInnen gezeigt, dass Menschen, die oft zu Sucht- oder Genussmitteln greifen, etwa auch offener für bestimmte Reize sind, indem sie Darstellungen von Zigaretten intensiver wahrnehmen als jene von Gegenständen, die einer Zigarette nur ähneln. Impulskäufer sind Süchtigen daher insofern ähnlich, als sie sensibler für einkaufsbezogene Reize und Produkte sind, und  Kaufgelegenheiten früher als andere entdecken, wobei bei Impulskäufern noch vor dem Konflikt zwischen Impuls und Selbstkontrolle schon bei der Wahrnehmung etwas geschieht. In vielen Fällen kommen allerdings auch situative Faktoren wie Erschöpfung hinzu, denn geht jemand nach einem anstrengenden Tag einkaufen, ist das Risiko größer, dass die Fähigkeit zur Selbstkontrolle reduziert ist und anfälliger für Impulskäufe wird.


Wie frau so einkauft …

[Quelle: http://www.youtube.com/PkkwzWl4Fe0]

Man vermutet, dass etwa fünf Prozent der Bevölkerung, darunter mehr Frauen als Männer, unter Kaufsucht leiden, wobei die Mehrzahl der Kaufsüchtigen an mindestens einer weiteren psychischen Erkrankung leiden. Meist steckt ein schwaches Selbstwertgefühl, der Wunsch nach Zuwendung sowie eine Störung der Fähigkeit zur Selbstkontrolle dahinter. Vielen Betroffenen geht es gar nicht so sehr um das gekaufte Produkt, sondern um die Kaufhandlung selber, die ein kurzes Hochgefühl vermittelt, ungeachtet der danach auftretenden Gewissensbisse, dem Schuldbewusstsein und auch Schamgefühl, was aber auch bedeutet, dass den meisten Betroffenen ihr unkontrolliertes Konsumverhaltens durchaus bewusst ist, denn viele packen ihre Einkäufe zu Hause gar nicht erst aus, sondern verstecken sie, wobei manches einfach weggeworfen wird.
Es gibt einige Tipps für Menschen, die für übermäßiges Konsumverhalten anfällig sind, d. h., die oft Unnützes zu erwerben einfach um des Erwerbens willen: Sie sollten bewusst und mit Einkaufszettel einkaufen, niemals in Phasen der Müdigkeit einkaufen, denn da ist die Kontrolle niedriger (wird in Großmärkten übrigens ausgenützt, wenn am Ende des Einkaufsweges durch die Regale als Belohnung Süßigkeiten oder Schnäppchen winken), auch nie hungrig einkaufen und vor allem nie bargeldlos zahlen, denn so bleibt der Bezug zum Geld erhalten. Wenn man nur wenig einkaufen will, dann sollte man immer einen Korb anstelle des Einkaufswagens verwenden.

Literatur

Müller, A. Claes, L., Georgiadou, E., Möllenkamp, M., Voth, E. M., Faber, R. J., Mitchell, J. E. & de Zwaan, M. (2014). Is compulsive buying related to materialism, depression or temperament? Findings from a sample of treatment-seeking patients with CB. Psychiatry Research, 216, 103-107.
Müller, A., Mitchell, J. E., Crosby, R. D., Gefeller, O., Faber, R. J., Martin, A., Bleich, S., Glaesmer, H., Exner, C. & de Zwaan, M. (2010). Estimated prevalence of compulsive buying in Germany and its association with sociodemographic characteristics and depressive symptoms. Psychiatry Research, 180, 137-42.
Vogelgesang, M. & Schuhler, P. (Hrsg.) (). Psychotherapie der Sucht – Methoden, Komorbidität und klinische Praxis. Pabst.
http://www.stangl-taller.at/ARBEITSBLAETTER/SUCHT/Kaufsucht.shtml (07-11-21)





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