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Sigetik

Schweigen ist ein Argument, das kaum zu widerlegen ist.
Heinrich Böll

Sigetik ist im Ursprung ein philosophischer Terminus, der als Lehre vom Schweigen übersetzbar ist. Der Ausdruck wird auch im Kontext von Traditionen der Mystik oder negativen Theologie verwendet, bezieht sich meist aber auf die Verwendung durch Heidegger. Bei diesem bezeichnet die Erschweigung eine Form des Sprechens, das der Tatsache Rechnung trägt, dass das Sein als Ereignis nie unmittelbar gesagt werden kann. Der Begriff Erschweigen findet sich übrigens auch in Paul Celans Gedicht »Argumentum e Silentio« aus der Sammlung »Von Schwelle zu Schwelle«.

Am besten ist Sigetik im Sinne Wittgensteins zu verstehen, der im letzten Abschnitt des Tractatus schrieb: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Womit aber nicht gemeint ist, dass bestimmte Wahrheiten besser unerwähnt bleiben, sondern dass das, was Sprechen oder Denken ermöglicht, nicht dessen Gegenstand sein kann, wodurch philosophische Rede prinzipiell fraglich ist.

In der antiken Rhetorik war das Schweigen wichtig, bzw. war als „ars tacendi“ (Kunst des Schweigens) ein wesentlicher Aspekt der „ars bene dicendi“ (Kunst des guten Redens) und stand der „ars loquendi“ (Rhetorik, Kunst des Sprechens) gegenüber. Dabei ist Rhetorik sowohl als Praxis (d.h. als Erstellung und Halten von Reden) als auch als Theorie dieser Praxis zu verstehen, wobei beides meist Hand in Hand geht.


Praktisches zum Schweigen

Schweigen als Mittel der Kommunikation wird nur selten bewusst eingesetzt, denn im richtigen Moment zu schweigen, einen Diskurs zu verzögern, fällt manchen Menschen äußerst schwer. Doch mit nichts lässt sich in einer kritischen Verhandlung das Gegenüber mehr verunsichern, als mit einem Schweigen im entscheidenden Moment. So kann man etwa auch in einem Verkaufsgespräch manche interessante Information erst erhalten, wenn man neben geschickten Fragetechniken auch strategische Pausen anwendet. Oder ein Redner legt sein Manuskript aus der Hand, unterbricht seinen Vortrag und lässt einfach nur seinen Blick über die ZuhörerInnen schweifen. Eine solche Pause ermöglicht letztlich auch eine Erholung bei den ZuhörerInnen, d. h., diese können das zuletzt Gehörte besser verarbeiten. Die richtige Länge einer Pause ist allerdings nur schwer zu bestimmen, denn Redner und Zuhörer haben in der Regel eine völlig andere Wahrnehmung von Zeit. Durch eine Pause zieht man als Redner die Aufmerksamkeit auf sich, und auch wenn es einmal unruhig im Saal wird, kann eine kurze, bewusst eingelegte Pause alle verstummen lassen.

In der Rhetorik gibt es verschiedene Pausenarten:

  • Die Kunstpause ist ein Synonym für die rhetorische Pause und kann sowohl ein Ausrufungszeichen als auch ein Fragezeichen, einen Gedankenstrich oder Doppelpunkt bedeuten, etwa auch, um einen Höhepunkt einzuleiten.
  • Die Startpause ist dafür geeignet, um Ruhe im Publikum zu erhalten, denn eine solche Pause erzeugt Spannung und Neugier, und bringt dem Vortragenden Aufmerksamkeit.
  • Die Nachsatz-Pause gibt dem Gesagten einen Nachhall, etwa nach einem gedanklichen Absatz, denn so verlängert sich die Bedeutung des Gesagten und lässt Raum zum Nachdenken. Nicht zuletzt sind solche Pausen auch eine Möglichkeit zur Gliederung eines Vortrags.
  • Die Sokratische Pause soll Raum zum Denken geben und ist bei einem Vortrag mit Fragen an die ZuhörerInnen vergleichbar. Nicht zuletzt benötigt der Mensch nur 200 Millisekunden, um die Syntax eines Satzes zu verstehen, doch er braucht aber schon doppelt so lange, um die Bedeutung der Wörter auch zu verarbeiten.

Paul Celan: Argumentum e Silentio

An die Kette gelegt
zwischen Gold und Vergessen:
die Nacht.
Beide griffen nach ihr.
Beide ließ sie gewähren.

Lege,
lege auch du jetzt dorthin, was herauf-
dämmern will neben den Tagen:
das sternüberflogene Wort,
das meerübergossne.

Jedem das Wort.
Jedem das Wort, das ihm sang,
als die Meute ihn hinterrücks anfiel –
Jedem das Wort, das ihm sang und erstarrte.

Ihr, der Nacht,
das sternüberflogne, das meerübergossne,
ihr das erschwiegne,
dem das Blut nicht gerann, als der Giftzahn
die Silben durchstiess.

Ihr das erschwiegene Wort.

Wider die andern, die bald,
die umhurt von den Schinderohren,
auch Zeit und Zeiten erklimmen,
zeugt es zuletzt,
zuletzt, wenn nur Ketten erklingen,
zeugt es von ihr, die dort liegt
zwischen Gold und Vergessen,
beiden verschwistert von je –

Denn wo
dämmerts denn, sag, als bei ihr,
die im Stromgebiet ihrer Träne
tauchenden Sonnen die Saat zeigt
aber und abermals?


Paul Celan: Die Gedichte. Suhrkamp (2018).


Literatur

https://de.wikipedia.org/wiki/Tractatus_logico-philosophicus (18-09-05)



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